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Donnerstag, de» 7. Juni.
Die Hexe von Bingenheim.
Von Gg. Schäfer.
(Fortsetzung.)
Der Hexenrichter Caspari hatte die Unterredung der drei Jungfrauen in einem Nebenzimmer mit angehört. Keine Silbe war seinem scharfen Ohre entgangen. „Wenn Weiber hassen, gehen Männer zu Grunde/' murmelte er, indem es unheimlich in seinen dunklen Augen blitzte. Der Rentmeister war ihm von vornherein unsympathisch; die Talente und tüchtigen Eigenschaften des jungen Mannes steigerten die Abneigung des Hochmögenden noch mehr- — Von der alten Beilstein, ihrer guten Vermögenslage, ihrer schönen, geschickten Enkelin hatte der Gestrenge immer wieder Einiges vernommen. Das Mäd- chkn hatte ihm vor acht Jahren schon eine heftige Aufregung verursacht: heute hörte er, was er lange veimuthet, mehr noch gewünscht hatte: Bei der alten Beilstein soll sich seit Jahren der Herd der Hexereien und Zaubereien befinden, die Alte hat es nur schlau zu verbergen gewußt. Also Schlauheit gegen Schlauheit: erst die Junge, dann die Alte und mit beiden dieser Alleswisier und Alleskenner. Weg mit dem Menschen, er gehört nicht hierher. —
Acht Tage lang sprach man in der Landgrafschaft nur von dem Rentmeister und Sibille König. Viele schüttelten die Köpfe, besonders Frauen und heirathbare Töchter aus den sogenannten befferen Familien. Die meisten Männer lobten dis Wahl Bardensteins. „Solch' ein Mädchen findet sich nicht mehr zwischen hier und Hamburg oder Basel," meinten die Meisten. „Aber hexen muß sie können, daß sich gerade Alles so fügte," sprach Schultheiß Schäffer zu Hofprediger Meles, mit welchem er den Fall besprach. „Hexerei ist das nicht, Schultheiß," antwortete der treue Seelsorger; „droben sitzt Einer im Regiment, der lenket die Herzen wie Wafferbäche. Es gibt eine waltende Gerechtigkeit auf Erden. Wir können nicht wissen, was die Vorsehung mit solchen Fällen will. Fast immer wird dadurch einstmals begangenes Unrecht gesühnt und Böses wieder gut gemacht. Meine Wege sind nicht Euere Wege."--
Auf Michaeli (29. September) findet das Kirchweihfest in Bingenheim statt. Es bildet, wie in allen Dörfern durch ganz Deutschland, das Hauptfreuden- und Vergnügungsfest des Jahres. Für die zwei Ktrchweihtage wird das Jahr über gespart; die Jugend jubelt und tobt sich aus, alte Händel werden ausgetragen oder geschlichtet, neue angefangen, Liebesverhältnisse knüpfen sich an oder lösen sich auch zuweilen auf.
Bis zur Stunde ist die Kirchweihe noch überall auf dem Lande das wichtigste Vergnügungsfest. Sie ist indessen in ihrer Wichtigkeit dadurch zurückgekommen, daß die Feste zu sehr überhand nehmen.
Vor dritthalbhundert Jahren war das anders. Damals concentrirten sich viele Wünsche und Gedanken auf die Kirchweihe. Sie erhielt am Dienstage, nachdem Geige und Pfeife verstummt und die Köpfe noch schwer waren, ein bitteres Nachspiel: die vier Bürger Marx Wenzel, Christen Hruß, Johann Kurz und Joachim Lang wurden von den Häschern in's Gefängniß geworfen, weil sie des Zauberet- und Hexerei- lasters dringend verdächtig waren- Ein ungeheurer Schrecken erfaßte die Bewohner des Dörfleins; sie dachten, es würde wieder ruhig werden, nachdem die beiden Juden Hirtz und Eli glücklich entlausen waren. Außerdem suchte man seit sechs Jahren die Hexen mehr auswärts. Von den 46 in den Jahren 1652 bis 1658 Hingerichteten Personen waren 35 aus Echzell, sechs aus Bingenheim, je zwei aus Gettenau und Bisses und eine aus Geiß-Nidda. Es geht heute noch die Sage im dortigen Thale, daß der Gerichtsmann Henrich Rühl oder Reuhl, welcher von 1610 bis 1683 in Gettenau lebte und interessante Aufzeichnungen hinterlassen hat, besondere Angrenzungen machte, daß die Hexen vorzugsweise in Echzell gesucht wurden. Nun wurden urplötzlich vier Personen auf einmal aus Bingenheim in's Gefängniß geworfen. „Was soll das heißen?" fragten sich die Leute mit Zittern und Zagen.
„Das soll heißen," sprach Schulpräceptor Fischer, „daß die Hexen in der Umgegend ausgetilgt sind, während bei uns noch welche vsrmuthet werden. Geht das Brennen wirklich wieder los, dann wird der Ausspruch der alten Salmonsen, so Anno 1654 hingerichtet und als die 29. Person im Verzeichnisse steht, zu Elsbeth Ludwigs Frauen, ebenfalls von hier und Anno 1654 hingethan und unter Nr. 33 aufgeführet, in dem Protokolle von 22. Juni Anno 1654, that: „Es würde noch manches Weizenkörnlein mit dem Unkraut ausgerupft werden", vollständig zur Wahrheit werden."
Das Verhör mit den Eingekerkerten begann alsbald. Die Folter brachte sie schnell zum Geständnisse, mit Ausnahme von Johann Kurz, der längere Zeit widerstand. Er sollte bekennen, daß in der Beundegaffe Hexenzusammenkünfte, teuflische Taufen und ähnliche Missethaten stattgefunden und wer dabei bethei- ligt gewesen. Kurz verstand den Richter nicht, der auf die alte Bellstein und ihre Enkelin zielte. Zuletzt fragte Caspari direct: ob die alte Bellstein und ihre Enkelin nicht bei den Zusammenkünften erschienen seien, was der Gefangene bestimmt verneinte. Dies wurde als absonderliche Verstocktheit angesehen und zur Strafe dafür fiel sein Urtheil härter aus. Während


