er mit Marx Wenzel, Christen Hauß und Joachim Lang vor dem Bingenheimer Rathhause unter der Linde enthauptet, die Körper auf einem Wagen nach dem Löhbusche gefahren und dort unten bei dem Galgen beerdigt wurden, widerfuhr dem Körper des Johann Kurz die Unehre, baß er zu Splittern verbrannt wurde, weil er (Johann Kurz) ein Hexenmeister gewesen.
Die Verkündigung der Todesurtheile und das Brechen der Stäbe über die Uebelthäter geschah diesmal auf dem Rathhause und zwar am 3. October 1658. Schultheiß Hans Jörg Schösser schreibt darüber, was wir bereits früher mit- getheilt haben. Der Hexenrichter Caspari wollte durch die besondere Feierlichkeit der Urtheilsverkündigung in Gegenwart von Hohen und Niederen, Geistlichen und Weltlichen, Männern und Frauen ein abschreckendes Beispiel geben.
Fünf Wochen später, auf Martini-Abend, saß Caspari finster vor sich hinbrütend in der Kanzlei. Alle Beamten waren längst weggegangen. Draußen heulte der November- sturm und peitschte Eisnydeln und Schneeflocken gegen die Fensterscheiben. Es war frühzeitig Winter geworden; Bäche, Flüsse und Teiche waren bereits mit einer starken Eisdecke überlagert.
„Ich muß ein Ende machen!" sprach der Gefürchtete. „Die Herrschaft ist nach Homburg gereist, um dorten den Geburtstag des Fürsten (13. November) zu feiern. Heute sind es achtzehn Jahre, daß ich in Homburg eintraf, mein Haus niedergebrannt, Weib und Kind elend ermordet, meine Zukunft vernichtet fand. Teufel, Unholde und Dämonen haben es ge- than, wir haben solche in der ganzen Welt, auch hier. Sie müffen vertilgt werden, zuerst die Beilstein'sche Teufelsbrut, dann der Rentmeister. Wenn die Dirne beseitigt ist, kann der Mann selbst nicht hier bleiben, daher das Wichtigste zuerst." — Noch einigemal schritt Caspari in starker Erregung im Zimmer auf und ab. Plötzlich blieb er stehen, riß einen Bogen Papier herbei, schrieb schnell etliche Zeilen, drückte das große Siegel darunter und zog heftig die Glocke. Der Kanzleidiener kam mit großen Schritten gelaufen.
„Was befehlen Euer Gestrengen?" fragte der Unterwürfige.
„Gehe hin zur Wache, ich lasse um einen Feldweibel und drei Gemeine bitten, es ist eine wichtige Arretirung vorzunehmen."
Mit schlotternden Knieen eilte der Kanzleidiener davon. „Gott sei dessen armer Seele gnädig," murmelte der Mann, „dem es heute gilt."
Nach einer Viertelstunde erschien der Feldweibel mit den drei Soldaten.
„Lest diesen Befehl und führt ihn aus," befahl der Richter. „Der Arrestant wird nicht in das Rathhausgefängniß, weil unsicher, sondern in's Schloß in den westlichen Thurm verbracht. Ihr hastet mit Eurem Kopfe für die richtige Ausführung des Befehls."
Der Feldweibel las und wurde bleich. „Herr Richter vergönnet —" sprach der alte Soldat, der in zwanzig Schlachten den Tod gesehen und nicht gewichen war, dem der Inhalt des Befehls aber das Innere aufwühlte.
„Was ist!" donnerte Caspari. „Wagt Er mit Insubordination zu kommen? Ich bin der oberste Beamte und Vertreter Seiner Durchlaucht. Marsch! Vorwärts zur Ausführung des Befehls."
Verwirrt zog sich der Feldweibel zurück, er mußte gehorchen.
Im Häuschen an der Beundegaffe faßen drei glückliche Menschen am Tische, jede mit etwas Anderem beschäftigt, dabei in traulicher Unterhaltung. Sibille hatte eine feine Näharbeit in der Hand; neben ihr saß Bardenstein, der eifrig in den vor ihm liegenden Heften blätterte, zuweilen Einiges laut vorlas. Dem jungen Paare gegenüber faß die alte Beilstein. Ihre Augen waren mit einer großen Hornbrille bewaffnet, in den Händen hielt sie einen Strickstrumpf, dessen Nadeln fortwährend klapperten.
„Nun mache ich wieder eine neue Entdeckung in Bezug
auf Dein Wissen," rief Bardenstein, indem er Sibillen die Locken aus der Stirne strich. „Hier sind mehrere Hefte von französischen Arbeiten, die Deine geschickte Hand gemacht. Wer hat Dich darin unterrichtet, mein Kind?"
„Unser verstorbener Pfarrherr Georg Schlerff; er hat mich confirmirt, gab mir nach der Confirmation noch Unterricht, besonders im Französischen, und war stets sehr gut gegen mich, wie der jetzige Herr Hofprediger Meles."
„Hast Du Uebung im Französtschsprechen, Billi?" fragte Bardenstein weiter.
„Wenig, Herr--lieber Gerhardt!" antwortete die
Holde, wobei zartes Roth ihre schönen Züge überflog. Eine gewisse Scheu und die Ausdrücke der Ehrerbietung und Hoch, achtung gegen den Verlobten waren ihr, obgleich nun sieben Wochen verflossen, seit sich die jungen Herzen gefunden, zu eigen geblieben. „Aber ein gutes französisches Buch vermag ich in der Ursprache zu lesen."
Mit diesen Worten erhob sie sich, drückte dem Geliebten einen Kuß auf die Stirn, — es war das erstemal, daß sie dies aus eigenem Antrieb wagte, — und eilte in die Küche, um das einfache Abendbrod zu bereiten.
„Wenn man sie lobt, kommt sie in Verlegenheit," sprach die Alte.
„Das ist ein Zeichen von Bescheidenheit," antwortete Bardenstein. „Was steht denn in diesen Büchern? Hier sind Rechnungsaufgaben bis zur Regula de tri, das versteht mancher Schultheiß oder Jurist nicht. Da ist ein Heft mit Liedern und Gesängen, auch Sentenzen aus Schriftstellern. Und hier sind Zeichnungen von Blumen und Mustern, Alle» fein zierlich ausgeführt."
„Ihr werdet einmal ein geschickt, gottesfürchtig Weib Euer eigen nennen," sprach die Alte mit Stolz. „Ein solch' lernsam-pfltchttreues Kind hat der Pfarrherr Schlerff selten angetroffen, sagte er mir nach der Confirmation. Dasselbige sagen Herr Hofprediger Meles und seine liebwerthe Gattin. Auch die Bescheidenheit und Güte rühmen sie. Groß Geld und Gut wird sie Euch nicht bringen, obschon immerhin ein kleines Heirathsgut mitkommen wird, das sage ich mit einigem Stolze. Hingegen findet Ihr ein goldtreu Gemüthe, ein geschicktes, immer heiteres Weiblein, der Sonnenschein meines Alters. Kaum kann ich mir denken, daß ich es einmal entbehren müßte."
Sibille deckte den Tisch, brachte die Speisen und legte vor. Das ging Alles so ruhig und gemüthlich. Vor dem Essen sprach sie das Tischgebet; man hörte, daß es aus reinem, gutem Herzen kam. —
Draußen heulte der Novembersturm. Die kleinen, runden Fensterscheiben hingen voller Schnee. Man konnte nicht auf die Straße sehen. Der frischgefallene Schnee dämpfte die Schritte der Männer, die herangestapft kamen, einen Augenblick vor dem Beilstein'schen Häuschen stehen blieben und dann stolpernd und pustend über die Schwelle stiegen.
Sibille hörte das Stampfen und Trappeln der Leute, öffnete die Thüre und leuchtete hinaus. Der Feldweibel und die drei Soldaten traten zögernd in das trauliche Gemach.
„Was wollt Ihr Leute hier um diese Zeit?" fragte Bardenstein, indem er auf den Feldweibel zutrat.
„Verzeiht, Herr!" antwortete der Soldat, dem man ansah, wie schwer ihm der Auftrag wurde. „Hier ist ein schriftlicher Befehl, sehet hinein. Wir sollen Sibille König, die Enkelin der Anna Beilstein, Wittwe des alten Johann Beilstein, verhaften und in's Gefängniß abliefern."
„Seid Ihr toll, Mensch!" rief Bardenstein, indem er mit funkelnden Augen vor den Kriegsmann trat. „Es ist meine Braut und wer sie berührt, ist verloren. Wagt es!"
„Wir rühren sie nicht an, Herr!" antwortete der alte Krieger mit gepreßter Stimme. „Wir verehren Euch und das Mädchen; niemals ist mir, der ich zwanzig Jahre des schrecklichen Krieges mitmachte, ein so bitterer Auftrag geworden. Hier lest den Befehl. Das große Staatssiegel ist darunter gedruckt. Mit unseren Köpfen haften wir für die Ausführung."


