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Sie dämmerte ihr Leben in Trägheit dahin. Was hätte fU auch Besseres vollbringen können?

Das junge Ehepaar war nur bei den Mahlzeiten zusam- men. Roman blieb fast den ganzen Tag draußen auf den Aeckern und Feldern und Abends in seinen Zimmern, wo er sich mit Lectüre beschäftigte. Er rauchte leidenschaftlich gern, seine Frau haßte den Cigarrendust, da ließ er ste allein.

Er hatte keine Ahnung davon, wie er diese zarte Treib« haurblüthe behandeln mußte; er war kein ungefälliger Gatte, durchaus nicht, aber es fiel ihm nicht ein, Opfer zu bringen. Ihr ewig weinerliches und scheues Wesen langweilte ihn. Er konnte sich nicht zwingen, ste zu lieben, sie paßte so ganz und gar nicht für ihn und er hatte der Hoffnung, ein glückliche« Leben mit ihr zu führen, längst entsagt. Er hatte geglaubt, die Erfüllung der schweren Pflichten, die er sich zur Leben«' aufgabe gemacht, würde ihm leichter werden, aber e« war ein Jrrthum gewesen.

Mit der Zeit, al« Spiridia« Kränklichkeit zunahm, ver­änderte sich ihr Character noch mehr. Sie wurde empfindlich, reizbar und unfreundlich. Sie war fast immer aufgeregt und schlechter Laune. Das gemeinschaftliche Leben der beiden Gatten wurde täglich trauriger und elender, es war eine fortwährende Oual.

Spiridia kränkte Roman am meisten dadurch, daß sie ihm häufig vorwarf, sie belogen und betrogen, ste nur des Geldes wegen geheirathet zu haben. Solche Auftritte waren ihm ent­setzlich und doch trug er ihre Beschuldigungen mit Ruhe. Er durfte sich nicht beklagen, denn sie hatte gewissermaßen Recht. Sie ahnte freilich nicht, welche Last er sich mit dem Reichthum ausgebürdet hatte, eine Last, die ihn allmälig erdrücken wollte. Die äußere Roth war allerdings von ihm gewichen, aber neben ihm ging eine ungeliebte Frau, die ihm täglich unsympathischer wurde. Ach, er konnte nicht ohne Bitterkeit daran denken, daß er sein ganzes Leben an sie gekettet war. Die Zukunft er­schien ihm leer und öde wie eine Wüste.

Eine tiefe Melancholie bemächtigte sich seiner, die ganze Welt wurde ihm gleichgültig, er sehnte sich oft nach dem Tode. Rur der Gedanke, seine Pflicht bis zum Ende zu erfüllen, hielt ihn noch ausrecht.

Nur einmal gab er sich der völligsten Verzweiflung hrn. Es war nach einem neuen heftigen Auftritte mit Spiridia, der ihn bis zum Wahnsinn reizte. Da war er zähneknirschend in sein Zimmer gestürzt und hatte nach seinen Pistolen ge­griffen. Ein leichter Druck, ein Knall und Alles wäre vorüber gewesen, die ganze Qual und Roth seines unglückseligen Da­seins. Warum zögerte er denn noch? Wie eine Vision war plötzlich eine lichte, edle Mädchengestalt vor seiner Seele erschienen: Jadwiga. Was würde sie, die Muthige, dazu sagen, wenn er so feige er dachte den Gedanken nicht aus. Er warf schaudernd die Pistole von sich fort, als hätte er glühende« Eisen berührt, und stürzte hinweg. Ach, er war ein bejammernswerther Mensch, aber um ihres hehren Vorbild« willen wollte er sein elendes Schicksal tragen, so gut es eben

8 Und dann wurde es besser für ihn. Der Arzt schickte die lungenkranke Frau nach dem Süden, dort sollte sie genesen. Die Trennung von ihr wurde Roman leicht, er fühlte sich von großen Qualen erlöst - er athmete auf. Nun war er allein und hatte Ruhe. Er brauchte die ewigen Klagelieder nicht mehr anzuhören, die jammernde Stimme tönte nicht mehr an sein Ohr, er fah nicht mehr die schrecklichen Weinkrämpfe, die ihn nervös machten und wie wahnwitzig aus dem Hause trieben.

Wie köstlich war dies Alleinsein, wie wohlthuend die Ruhe, es herrschte ein himmlischer Frieden im Hause. Roman» Trüb­sinn schwand, er raffte sich zu neuer Thättgkeit, neuer Daseins- reube auf, und die Arbeit gewährte ihm Befriedigung.

An Spiridia dachte er kaum mehr, noch weniger daran, daß auch er viel Schuld hatte an dieser unglücklichen Ehe. Hätte er sich am Anfang, als das Herz seine« blutjungen Weibe« noch weich und lenksam und von keinerlei Mißtrauen und Zweifel gequält war, ein wenig Mühe gegeben, dasselbe zu gewinnen oder hätte er sich wenigstens damit befaßt, ihren

denn dieser alten feudalen Magnatenfamilie war jede Tradi­tion, jede« verblichene Ahnenporträt ein Heiligthum, ja, jeder Stein de« alten Gemäuer« hatte eine Bedeutung für sie. Park und Schloß waren mit dem Mmbus einer glorreichen und glanzvollen Vergangenheit umgeben, in denen das Polenthum noch in vollster Blüthe stand.

Das gräfliche Paar brachte regelmäßig den Monat Juni bei Roman und Spiridia zu, um am Wallfahrtstage die schwarze Madonna von Czenstochan mit reichen und kostbaren Opfer* gaben zu beschenken. An dieser Reise nahm Jadwiga niemals Thetl. Es war ihr peinlich, den Schauplatz ihrer Leiden wiederzusehen. Die Eltern begriffen das und machten keinen Versuch, sie mitzunehmen. Gräfin Antonia ahnte übrigens, was in dem Herzen des jungen Mädchens kämpfte; ihr kluger Sinn ließ sie Manches errathen. aber sie that vollkommen harmlos und vermied jedes vertrauliche Gespräch über Roman und die Vergangenheit-

Spiridia war seit ihrer Vermählung mehrere Male im Elternhause gewesen, aber stets nur auf kurze Zeit. Ihre Gesundheit war immer noch sehr zart, ste kränkelte oft und fürchtete die feuchten Rebel, welche des Abends aus dem See stiegen, sie sand die Lage des Schlosses ungesund und ängstigte sich, daß ihr der Aufenthalt in den kühlen, etwas dumpfen Räumen desselben schaden könnte.

Spiridia hatte sich sehr zu ihrem Nachtheil verändert. Aus dem einst so kindlich naiven, schüchternen und zur Schwär­merei geneigten Mädchen war eine unzufriedene, launige, ewige klagende, nervöse Frau geworden, welche dem eigenen Ich und ihren theilweise eingebildeten Leiden ihre völlige Beachtung zu­wandte und der die Angelegenheiten Anderer wenig oder gar kein Interesse erweckten. t

Sie sah trotz ihrer Jugend bleich, verfallen und elend aus, sie fühlte sich schwach und war immer verstimmt. Dabei plagte sie ihre Umgebung mit kindlichen Grillen und Eigensinn.

Nachdem sie mit der Zeit über den Punkt klar geworden, daß Roman nur eine GeldHeirath mit ihr vollzogen hatte, um seine derangirten Verhältnisse zu verbessern, quälte sie auch ihn. Er war ihr einst als das Ideal eines Vertrauten für ihr junge», damals so bekümmertes Herz erschienen, er war ihr sympathisch gewesen und ohne Bedenken hatte sie ihm ihr Jawort gegeben. Nun hatte er sich in ihren Augen als kühl berechnender und seinen Vortheil erwägender Egoist entpuppt- Und da» machte sie bitter und ungerecht- Für seine Motive hatte sie kein Verständniß, sie urtheilte nach dem Schein. Das Empfinden ihrer Seele war auf das Tödtlichste verletzt, sie hielt sich für das unglücklichste und beklagenswertheste Geschöpf auf Erden, grämte und härmte sich ab und suchte ihr getränt» tes Herz fast täglich mit Thränen und Klagen zu erleichtern.

Roman war stets gefällig, höflich und zuvorkommend gegen feine Frau, aber es lag nicht in feiner Natur, ihr Zuneigung ober Liebe zu heucheln, von ber fein Herz nichts wußte. Das wäre über feine Kräfte gegangen.

Nach Beendigung der Hochzeitsreise hatte er sich mit großer Energie und Schaffensfreude der Bewirthschaftung seines Gutes angenommen. Er fand Zerstreuung und Behagen in dieser Thättgkeit, die, jetzt von reichen Mitteln Unterstützt, die besten Erfolge lieferte-

Spiridia war es überlassen, sich ihren Wirkungskreis als junge Edelfrau von Lygotta trn Herrenhause zu verschaffen. Aber da« Hauswesen war unter der bewährten Leitung der alten Michalina vollständig geregelt, und Frau Casirnira litt auch nicht, daß die junge Frau sich um Küche und Keller be­kümmerte. So etwa» wäre durchaus unpassend und undelicat für eine Dame vom Stande, so war ihr Ausspruch, das müsse man den Leuten überlassen, denn solche Arbeit mache gemein.

Spiridia hatte mit der Schüchternheit, die ihr damals eigen war, den Kops dazu gesenkt und war dann beinahe vor Langeweile gestorben- Sie verträumte ihre Tage auf der Chaiselongue ihres Boudoirs, las sranzösische Romane und naschte Bonbons, bis sie sich dm Magen verdarb. Sie machte es wie ihre Schwiegermama und andere reiche polnische Damen.