1894

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Samstag, den 7. April.

Nr. 40

Die Wallfahrt nach Czenstochau.

Roman von Johanna Berger.

(Fortsetzung.)

Draußen fiel Wytek in den Schnee, er raffte fich wieder auf, fiel nochmals hin und erhob sich mühselig. Dann tau­melte er ohne Kopfbedeckung weiter. Er schleppte sich, an allen Gliedern schlotternd, fast ohne Bewußtsein und oftmals zu Boden fallend, durch das Gewirr der Gassen und Gäßchen von Czenstochau. Die Straßenjungen rannten lachend, schreiend und johlend hinter ihm drein. Sie warfen ihn mit Schnee und allerhand Unrath. Ein böser Bube band ihm eine leere Schnapsflasche hinten an den Mantelkragen, daß sie wie ein Troddel daran herunter hing, und ein ohrenzerreißendes Ge­zeter und Gekreisch begleitete diesen Unfug.

Je toller und lauter der Spectakel hinter ihm herraste, desto mehr bemühte sich der alte Wytek, feinen Peinigern zu entkommen und das Stadtthor zu erreichen.

An der alten Backsteinmauer kehrte die wilde Rotte um, denn die Nacht brach an. Das Wüthen des Sturmes, das unheimliche Schneetreiben hatte nachgelassen und der Mond schien hell. Bäume und Sträucher warfen lange Schatten über den Weg. Wie im Traume stolperte der Alte aus der ein­samen Landstraße vorwärts und erreichte endlich fast athemlos und in Schweiß gebadet die Rochuscapelle. Doch nun war es mit seiner Kraft zu Ende, er mußte sich mit beiden Armen an eine der verkrüppelten Kiefern klammern, um nicht vor Er­schöpfung umzustnken.

Von den grauen Bärten des Baumes stürzte eine Schnee­last auf sein unbedecktes Haupt und eisige Kälte durchschauerte ihn. Mit halb erloschenen Augen suchte er unsicher umher, bis er den kleinen, weißen Hügel erblickte, welcher die Ueber- reste von Jadwigas Mutter bedeckte.

Nachdem er sich ein wenig erholt hatte, schwankte er zum Kirchhof hinüber. Er brach aber vor dem Grabe wieder zu­sammen und lehnte den Kopf an den Stamm des kahlen Weißdornbusches, der zu Häupten desselben stand. Ach, der Kops, der arme Kopf, er war ihm heute so wüst und schwer und in den Schläfen pochte und klopfte es wie mit eisernen Hämmern. Dabei die furchtbare Müdigkeit, die ihm wie Blei in den Gliedern lag.

Und weshalb war er denn eigentlich in der eisigen Winter­nacht auf den spukhaften Kirchhof gewandert? Was wollte er nur hier? Ja, was wollte er?

Diese Gedanken wirbelten wie ein Kreisel in seinem Kopfe

umher, er konnte sich nicht besinnen; mit halb blödem Ausdruck hingen seine Blicke wie gebannt an dem Grabe, bis endlich langsam, allmälig etwas in ihm aufdämmerte.

Und nun tasteten und suchten seine steifgefrorenen Finger in allen Taschen umher, bis sie die geweihten Kerzen erfaßten. Er betrachtete sie ein paar Augenblicke mit nickendem Haupte und drehte sie hin und her. Dann flog ein schmerzliches Lächeln um den bläulichen Mund, er wußte plötzlich, was ihn hierher geführt. Nun senkte er die Lichter behutsam in den lockeren Schnee und zündete sie an.

Mit starren Augen verfolgte er das Niederbrennen der­selben. Der Wind spielte mit den Flammen, sie flackerten hin und her und tanzten gleich irrenden Seelen über das weiße Grab. Oben im Thurm wurde von Zeit zu Zeit der Klang des Glöckchens hörbar, gleich einer leisen Todtenklage.

Der Alte kauerte regungslos im Schnee mit brennendem Hirn. Die strenge Kälte erstarrte ihm das Blut und lähmte ihm den Athem. Ueber ihm am nächtlichen Himmel begann das graue Wolkenheer mit dem strahlenden Mondlicht zu kämpfen. Immer neue Ballen fegte der Wind heran und es dauerte nicht lange, so rieselten die weißen Flocken wieder in dichten Massen auf die Erde herab.

Aber er vermochte sich nicht mehr zu erheben, um heim zu gehen, er war so müde, so sterbensmüde er wollte erst ein paar Minuten schlafen, um Kräfte zu sammeln. Und nun schloß er die Augen, er schlief ein er träumte. Ein seliges Träumen, denn die verhärmten Züge verklärten sich und wurden mild und weich er sah seine Jadwiga im Traum.

Es war sein letzter Traum, fein letztes Lächeln aber er schlief so sanft, so süß und so fest über seine Seele war ewige Ruhe gekommen.

Und der Nachtwind rüttelte und schüttelte den morschen Capellenthurm, das Glöckchen wimmerte, die feuchten Nebel huschten über die Grüfte und der heilige Rochus nahm fein jährliches Opfer in Empfang.

Seit dieser Begebenheit waren vier Jahre vergangen. Bier Jahre sind eine lange Zeit, sie hatten aus Jadwiga Wytek eine vornehme Dame gemacht.

Dem einst so schwer geprüften Mädchen erschien die Ver­gangenheit nur noch wie ein entschwundener schwerer und wüster Traum. Sie war wie durch Zauber aus tiefem Elend in Glanz und Reichthum versetzt worden, sie brauchte sich ihrer Herkunft nicht mehr zu schämen, sie hatte Eltern, die sie lieb­ten und überreich mit tausend Dingen überschütteten, die ihr vorher kaum dem Namen nach bekannt waren.