570
Dir zu Füßen und stände nicht eher wieder auf, als bis Du mir vergeben hättest!"
Einen Augenblick rang sie nach Athem, die Hände sanken kraftlos herab und keine Muskel ihres Gesichts regte sich — sie hatte das Bewußtsein verloren.
Eine Minute lang sah Guido mir zu, wie ich ihre Schläfen befeuchtete, im nächsten Moment nahm er mir die Bewußtlose aus den Armen und legte das bleiche Gesicht an seine Bust.
Die Ohnmacht hielt so lange an, daß wir fast dachten, sie werde nicht wieder aus derselben erwachen. Endlich aber that sie einen tiefen Seufzer und schlug die Augen wieder auf.
Ihre Augen glitten ringsum und blieben dann auf dem Gesicht haften, das sich über sie neigte.
Guido sah den Blick stammen Flehens, inniger Reue; er drückte sie fest an sein ttefbekümmertes Herz und preßte seine zitternden Lippen in einem langen Kuß der Verzeihung auf die ihrigen. Als er den Kops hob, waren seine Augen feucht von Thränen.
Die ganze lange Nacht wachten wir an ihrem Sterbelager und als dw ersten Strahlen des frühen Morgens im Osten sich zeigten, da versank sie in einen stillen, ruhigen Schlaf. Friedlich und schmerzlos schlummerte sie in's Jenseits hinüber.
Nachdem wir die unglückliche Edith begraben hatten, reisten wir mit tiefer Wehmuth im Herzen nach Hause und betrauerten ein ganzes Jahr lang die Unglückliche. Als ein Trost erschienen mir manchmal ote Worte des Rectors Walter, wenn er sagte: „Dieses Ende Ediihs und des Lords war eine Sühne und Erlösung zugleich und eine wahre Gnade Gottes gegenüber einem Leben voll Sünde und Schande:"
Langsam kehrten dann Ruhe und Heiterkeit wieder in unsere Herzen ein und der Rector hatte sogar manchmcl gute Laune. So sagte er eines Tages scherzend zu mir: „Wissen Sie, Fräulein Madeleine, daß ich Ihnen nächstens eine Schneiderrechnung schicken werde? Da bin ich an Ihrer Haus- tbüre mit dem Rockärmel an die frische Oelfarbe gestrichen. Warum warnen Sie denn Ihre Gäste nicht?"
„Das thut mir leid," entgegnete ich lachend. „Aber nichts für ungut; der Schaden ist noch zu heilen. Aberbitte, treten Sie näher, Herr Rector und leisten Sie mir Gesellschaft, ich lasse es mir eben bei einer Taffe Thee wohl sein; wer hätte gedacht, daß sich der Herbst so früh einstellen würde!"
Er zog sich einen Stuhl an das flackernde Kaminfeuer und nahm eine Taffe Thee aus meiner Hand.
„Wie nett, sich so bedienen zu laffen! So verwöhnt mich doch Niemand wie Sie. Nun sagen Sie mir aber, Madeleine, wozu Sie Ihr Haus so schön vorrichten?"
„Erstens, weil es nothwendig ist," verfitzte ich lächelnd. „In meiner Abwesenheit, während ich Lady Ponsonby in ihrer Krankheit pflegte, wollte ich nichts machen laffen. Zweitens habe ich mir eine kleine Summe gespart, von der ich mir schon eine kleine Extrafreude machen darf."
„Gestern war es ein Jahr, Madeleine, seit die arme Edith starb."
„Ich weiß es wohl, meine Gedanken weilten mehr denn je bei ihr. — Ist es denn wahr," fuhr ich nach kurzer Pause fort, „daß Guido mit dem Eigenthümer vom Bergschloß in Unterhandlung steht, um die Besitzung zu kaufen? Das Gerücht, daß er von seinem kürzlich verstorbenen Onkel ein bedeutendes Vermögen geerbt habe, scheint sich demnach zu bestätigen?"
„Ich glaube es wohl."
Später, als mein Freund mich wieder verlaffen hatte, zog ich mir einen Stuhl an den Kamin und nahm die Zeitung zur Hand.
Da wurde hastig an der Hausklingel gezogen. Wer konnte das sein?
Ich lauschte. Hanna öffnete die Stubenthür und ließ einen Fremden ein — so schien es wenigstens im ersten
Augenblick. Der Eingetretene kam mit festem Schritt näher und drückte mir herzlich die Hand. Guido war es, der vor mir stand.
Ich hieß ihn herzlich willkommen.
„Ja, Modeleine," sagte er, „ich bin nun wieder heimgekehrt, wie Du siehst; und in diesem Augenblicke fühle ich mich heimischer, als seit ich den Fuß wieder auf heimath- lichen Boden setzte. Es ist ein Jahr her, seit wir in Frankreich von einander schieden."
Diese Worte sprach er in leisem, bekümmertem Tone.
„Ja, schon ein Jahr," sprach ich. „Und Du siehst wieder kräftiger und gesünder aus, als damals, das freut mich von Herzen."
«Ich Hoffs, in der Zeit auch klüger und besser geworden zu sein," sagte er fceimükhig. — „Hast Du von meinem Glück gehört, Madeleine? Daß mein Onkel, den ich seit meiner Knabenzeit nicht wiedergesehen, mich zu seinem Erben eingesetzt hat?"
„Ja," antwortete ich, „und daß Du das Bergschloß zu kaufen beabsichtigst. Willst Du es selbst bewohnen?"
,.Jch boffe," sprach er nachdrücklich. „Ich hoffe den großen Fehltritt meiner Lebens durch mein jetzige» Vorhaben ein wenig wieder gut machen zu können; ich hoffe, daß die Erinnerung an die traurige Vergangenheit durch die schöne Verwirklichung einer glücklichen Zukunft sich verwischen und vergeffen machen läßt. Madeleine, willst Du mir die Zukunft zu einer glücklichen machm?"
„Ich?" frug ich erstaunt.
„Ja, Du," erwiderte er. „O, Madeleine, geliebtes Mädchen, wußtest Du nicht, daß Dein Bild nicht wieder aus meinem Herzen geschwunden ist seit der Stunde, in der ich Dir zuerst meine Liebe gestand ? Als ich Dir an jenem Abend, ehe ich nach Indien abretste, gelobte, Dich ewig zu lieben, that ich keinen falschen Eid. ... Ich werß, was Du sagen willst, Madeleine. Jetzt will ich Dir Rechenschaft ablegen über mein tiefer Schweigen während jener langen Jahre, die ich in Indien verbrachte. Ich war ein Spieler! Kaum weiß ich zu sagen, wie ich den ersten Schritt zu diesem Laster that, genug, daß ich bald auf dem Wege zu meinem Ruin war. Aber Dir bin ich nie, selbst in Gedanken nicht, untreu geworden. — Voll Scham, mich selbst verabscheuend, kehrte ich nach Europa zurück mit dem festen Vorsatze, die Karten nicht wieder anzurühren. Ich fühlte mich zu tief beschämt und gedemüthigt, um Dir zu schreiben.
„Nachdem ich mich — fast ohne jegliche Mittel — einige Zeit in Frankreich ausgehalten hatte, lernte ich Lady Ponsonby kennen. Sie lud mich in ihr Haus ein und ich folgte gern ihrer wiederholten Einladung, froh, mich aus meiner trüben Stimmung herausreißen zu können. Da lernte ich Edith kennen. Ich fand sie reizend, ohne wärmer für sie zu empfinden, bis ich bemerkte, daß Lady Ponsonby mich ganz offenbar vor den anderen jungen Herren bevorzugte, mich zu jeder Art von Vergnügen als Begleiter ihrer Enkelin herbeizog und mir auf diese Weise deuilich zu verstehen gab, daß ich als Bewerber um Ediths Hand keine Abweisung zu fürchten brauche. z
In jener Zeit wu«ve ich von meinen Gläubigern hart bedrängt, denn ich hatte nicht nur mein Vermögen verspielt und vergeudet, sondern hatte auch noch große Schulden. Ich war in Verzweiflung und so kam ich zu dem Entschluß, mich durch eine Verbindung mit Edith, welche als Lady Ponsonby» reiche Erbin galt, aus meiner Verlegenheit zu ziehen. — Jetzt kennst Du die ganze Feigheit meines damals so schwachen Characters- Du könntest mich deshalb nicht mehr verachten und verabscheuen, als ich selbst es thue. Ich war froh, daß Du während unserer Verlobung nur selten auf das Bergschloß kamst; ich wußte nicht, wie ich es ertragen sollte, Dich öfter zu sehen, ohne von meiner unveränderten Liebe zu Dir zu sprechen. O, Madeleine, wie ich Dich liebte! Wie ich Dich noch liebe! Sieh', hier ist Dein Bild, das mich nie verlaffen hat, seitdem Du es mir gabst! — Madeleine, ich frage Dich zum zweiten Male, willst Du die Meine werden? Madeleine,


