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Donnerstag, den 6! December. —---------- -----
Verworrene Wege.
Roman von A. Nicola.
(Schluß.)
In einem kleinen Dorfe fanden wir Edith im Sterben liegen. Alle Frische war aus diesem jugendlichen Gesicht gewichen, tiefe Falten des Kummers lagen auf der sonst so glatten Stirn und die großen, tief in ihre Höhlen zurückgesunkenen Augen schienen immer von Thränen umflort zu sein.
War das Edith, das einst so schöne, lebensfrohe Geschöpf? Jugend und Schönheit, Reichthum und Glanz waren dahin und nur eine Unglückliche, eine Sterbende war im tiefsten Jammer zurückgeblieben.
Ich schluchzte laut, als ich auf die traurige Gestalt vor mir blickte. Der Ton mußte sie geweckt haben, denn in dem Moment öffnete sie die Lider und schaute wild um sich.
Da trat der Rector zu ihr und sprach in leisem, innigem Ton: „Edith, Du ließest mich rufen; steh', hier bin ich und hier ist auch Madeleine, Deine liebe Schwester."
Da überkam sie ein heftiger Hustenanfall, der mir bis in's Herz drang. Sie richtete sich auf und drückte die Hand auf die schmerzende Brust.
Nachdem der Anfall vorüber war, legten wir die gänzlich Erschöpfte wieder auf die Riffen, die nicht weißer waren als ihr Gesicht.
„Habe tausend Dank, Lena," hauchte sie; „ach, wenn er nur käme!"
„Wer, meine Liebe?" fragte ich weich.
Da sah sie mit innigem Blick zu mir auf, heiße Thränen rollten über ihre bleichen Wangen und still weinend schmiegte sie sich an mich.
„Wen möchtest Du sehen, mein armer Kind?" wiederholte Walter.
„Guido — bevor es zur Versöhnung zu spät ist," bat sie.
„Er ist in Paris," entgegnete Jener, „ich eile, ihn zu holen. Suche Deine Kräfte aufrecht zu halten, bis ich mit ihm zurückkehre."
Während der Nacht, als ich an ihrem Lager wachte, erzählte sie mir, oft von heftigen Hustanfällen unterbrochen, die Verirrungen ihres Lebens. Schon bevor sie fechrzehn Jahre zählte, hatte sie den Lord in Paris kennen gelernt. Geschmeichelt von der unverkennbaren Bevorzugung des von der ganzen vornehmen jungen Damenwelt vergötterten jungen
, Mannes, gewann sie ihn bald innig lieb und gewährte ihm [ alltäglich heimliche Zusammenkünfte.
j Als der Lord nach einiger Zeit in die Heimath zurück- ! kehrte, gelobten sie einander ewige Treue. Bald darauf las l Edith, als ihre Augen über da« Zeitungsblatt glitten: „Am 28 dieses Monats starb nach kurzer Krankheit auf seiner Besitzung Hasewood Lord Arthur Hasewood." Das war ein harter, unerwarteter Schlag. Für Edith gab es in. der ganzen Welt nur einen dieses Namens. In Wahrheit aber bezog sich jene Todesanzeige auf einen Onkel ihres Geliebten; doch das erfuhr sie erst, als es zu spät war. Was weiter geschah, wußte ich. Nach der Flucht folgte die Reue der That auf dem Fuße, aber lieber hätte sie den Tod erlitten, als daß sie entehrt zu ihrem Gatten zurückgekehrt wäre. — Einen Monat lang blieb sie bei Lord Arthur; sie verzehrte sich in Gram und wies allen Trost von Jenem zurück. Nach vier Wochen entfloh sie auch ihm; und der Lord, der ihrer bereits müde war, da sie den ganzen Tag in Thränen und Selbstvorwürfen verbrachte, war nur noch darauf bedacht, sich Guidos Rache zu entziehen.
Am zweiten Tage ward Edith sichtlich schwächer und ich war ernstlich besorgt, daß sie die Nacht nicht überleben werde. Endlich, als es zu dämmern anfing, hörte ich die so sehnlich Erwarteten kommen. Ich beugte mich zu der Kranken nieder, küßte sie und verließ das Zimmer.
„Guido," rief ich bei dem Anblick seines tiefbekümmerten Gesichts, „sei standhaft und fasse Muth. Sie verlangt sehnlich st nach Dir. Sei freundlich zu ihr; sie ist für ihre Thor- heit genugsam bestraft worden."
Er reichte mir seine Linke — die andere Hand trug er in der Binde — und ließ sich dann schwer in einen Stuhl sinken. „Es gibt Sünden, die man nie vergeben kann, und Wunden, die nicht zu heilen sind — zu diesen gehört die meinige," erwiderte er.
„Guido," ergriff da der Rector das Wort, „haben Sie sich nie einer ähnlichen Sünde schuldig gemacht, daß Sie jetzt so hart gegen Ihre Gattin sein können?"
Diese wenigen Worte entschieden. Mit wankenden Schritten und bebenden Lippen trat Guido an das Lager der Frau, die ihm so tiefes Weh zugesügt hatte. Schweigend blickte er in Ediths Augen nieder — in diesem langen, festen Blick lag die ganze Qual, die er gelitten hatte.
Es war zu viel — sie konnte es nicht ertragen! Mit einem halb unterdrückten, angsterfüllten Schrei, als ob ihr dos Herz bräche, bedeckte sie ihr Gesicht mit den abgezehrten Händen und stöhnte: „Ach, wenn ich Kraft hätte, ich sänke


