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Sie sprachen heute Nachmittag von der Einsamkeit auf der Haide," begann er jetzt unbefangen auf ein anderes Ge- fprWsthema übergehend.Vor meinen Augen schwebt feit- dem^das Bild einer einsamen Mädchengestalt auf grauem Stein ruhend, um ste herum das Meer, der in den verglühenden Strahlen der Abendsonne leuchtenden rothen Ericas. Ich habe den heißen Wunsch, mich zu ihr zu setzen und ihr zu sagen, daß ich ste liebe, diese einsame, liebliche Haideblume! Würde sie es mir wohl gestatten, auf meine kühnen Worte lauschen?"

Dora hatte den Kopf etwas zur Seite gewandt, wohl lauschte sie auf seine Worte und beinahe hätte der bestrickende Klang dieser leidenschaftlichen Stimme Eingang in ihr Herz gefunden, da streifte plötzlich ihr Blick den schönen Herrn Leon­hard, der, seine dunkeläugige Tänzerin zur Seite, unendlich zierliche Schritte machte. Alle seine Worte, die er damals auf der Haide zu ihr gesagt, fielen ihr ein; auch diese: Ich bin freilich nur ein einfacher Landmann, mir stehen solche ge­wandte Redensarten, womit sich jener Herr in ihr Herz ein- geschmeichelt, nicht zu Gebote. O ja, er war sehr gewandt, der Herr Asieffor, ein Anderer im Städtchen hätte eine der­artige Liebeserklärung, die fast poetisch klang, nicht fertig ge­bracht- Aber sie wollte sich damit nicht bethören lassen, ganz gewiß nicht, sie wollte sich dagegen wappnen mit allen Kräften, die ihr zu Gebote standen, er sollte es inne werden, daß die verachteten Kleinstädterinnen wenigstens Character haben. Aller­dings rebelltrte etwas tief im Herzensgründe gegen dieses Vor­haben, der wahre Ton der Liebe, der an ihr Ohr geklungen, hatte dort doch wohl einen, wenn auch nur schwachen Wieder­hall gesunden.

Ich würde ihr sagen, meiner einsamen Haideblume," fuhr jetzt Born mit leiser, bewegter Stimme fort, zu reden, da die junge Dame immer noch beharrlich schwieg,daß ihr Bild sich unauslöschlich in meinem Herzen eingegraben und durch nichts kann daraus verdrängt werden, auch wenn sie sich von mir wenden sollte, es wäre freilich furchtbar hart, kaum zu ertragen."

Sparen Sie doch Ihre vielen unnützen Worte, Herr Assessor," tönte da Doras Stimme, scharf und kalt.Ich bin eine simple Kaufmannstochter mit einer richtigen Krämer­seele, solche schwungvollen Reden sind verlorene Liebesmühe. Warum sägen Sie mir nicht einfach: Ich brauche eine reiche Frau und will Dir die grenzenlose Ehre anthun, Dich zu mei­nem Weibe zu machen. Ich dächte, damit wäre Alles gesagt!"

Der Assessor neben ihr war sehr blaß geworden bei diesen herben Worten.Dora!" stieß er mit bebender Stimme heraus.Es bleibt nicht ungestraft, es rächt sich bitter, wenn man wahres, aufrichtige» Lieben auf diese beleidigende Weise zurückweist!"

Langsam erhob er sich. Dora hatte erreicht, was sie ge­wallt, sie hatte ihn tödtlich beleidigt, aber die Genugthuung, die sie darüber empfand, war nicht fo süß, als sie gedacht, mit einem scheuen Blick sah sie zu ihm auf und senkte dann schnell wie erschreckt den Kopf nieder. Noch nie in ihrem Leben hatte ein so erregtes, fast wild ausschauendes Menschenantlitz auf ste herabgeblickt.

Der Contre war jetzt zu Ende und die ermüdeten Mütter trieben zum Aufbruch. Im Mondenfcheine glitten die Kähne dahin über die leise murnelnden Wellen des Flusses. Volks­lieder wurden angestimmt. Dora sang leise die Altstimme dazu, das Herz war ihr zum Weinen schwer. Drüben am Steuer saß Born, sie konnte sein blasses, wie aus Marmor gemeißeltes Antlitz im fahlen Licht des Mondes erkennen. Die Wellen des Flusses schienen ihr zu einem großen, unendlichen Meer zu werden, das sich zwischen sie und ihn legte, und immer dumpfer, immer bedrückender wurde ihr zu Sinn, als hätte ste ein nie zu sühnendes Unrecht begangen und müßte nun da­für büßen bis zum Endziel ihrer Tage.

Hatte sie doch das Schönste, was das Leben einer Frau bieten kann, einer so nichtigen Sache wegen von sich gestoßen. Sie würde ihn vielleicht nie wieder hören, den Ton der echten Liebe, der so wahrheitsüberzeugend, so bestrickend an ihr Ohr ^eklungen, denn nicht noch einmal würde sich der stolze, tief­

gekränkte Mann dort am Steuer so weit herablassen und seines Herzens warmes Fühlen ihr gegenüber verrathen! Der Kuhn landete, man trennte sich.

Es ist Alles aus," sagte sich Dora, als Born stumm und ceremoniell seinen Hut zog und sein eisiger Blick sie streifte (Fortsetzung folgt.)

Der Kalender.

Eine Neujahrsplauderei für denGießener Anzeiger".

E. M. Wenn noch die Rosen blühen, erscheinen bereit» einige Kalender al» die ersten Boten des Winters. DerLahrer Hinkende" z B. ist schon immer im August heraus Dieses frühe Kommen hat nun freilich den Uebelstand im Gefolge, daß die letzten Ereignisse in diepolitische Rundschau" nicht mehr ausgenommen werden können und der Inhalt dieses Ka­pitels einen etwas antiquirten Eindruck macht- Von Rechts­wegen gehört der Kalender aus den Weihnachtstisch. Wenn die Weihnachts» oder Sylvesterglocken läuten, sollte man den ersten Blick auf ihn werfen! Die Zeiten sind vorüber, da er mit der Bibel und der Hauspostille für Tausende dis Haupt« lectüre bildete, die einzige Quelle der Belehrung über das, was in der Welt vor sich geht. Unser hoch entwickeltes Zeitungswesen hat ihm diese Aufgabe abgenommen. Ueber« flüssig ist der Kalender deshalb keineswegs geworden. Er hat vielmehr einen ungeahnten Aufschwung genommen, seine Her­stellung hat sich zu einem besonderen Industriezweig entwickelt. Früher wußte man ganz genau, was man in einem Kalender zu suchen und zu finden hatte, jetzt ist der Stoff dergestalt in die Breite gewachsen, daß eine Uebersicht Schwierigkeiten be­reitet. Nächst dem Grundstock der Haus-, Familien- und Landkalender hat sich die Klasse der Fach- und die der Luxuskalender herausgebildet. Fast gibt es keinen Stand, keinen Beruf mehr, der nicht Anspruch auf einen eigenen Ka­lender macht oder für den geschäftlicher Unternehmungsgeist nicht einen solchen ersonnen oder geschmackvoll herausstaffirt hat. Wir haben einen Universitätskalender, der den Lauf des Jahres nach Sommer- und Wintersemester regelt, einen kaufmännischen Kalender, der alles Wiffenswerthe über den ausländischen und inländischen Markt bringt, den Taschenkalender für das Heer" mit militärischen Fach­notizen, den Musikerkalender, der namentlich den Musik­lehrern ein unentbehrliche» Nachschlagebuch geworven ist, da» Jahrbuch für Schülerinnen", denDeutschen Schülerfreund" für Knaben, das eine mit dem Bildniß der Kaiserin, da» an­dere mit dem Porträt Geibelr geziert rc. In der Gruppe der Fachkalender" führen ein noch junges, aber fehr kräftiges Leben: 1) der im Auftrag des Vorstandes des Allg. deutschen Lehrerinnenvereins von F. Rommel herausgegebene Lehrer­innenkalender (Berlin, Verlag Oehmigke), der in kurzer, klarer Fassung eigentlich sozusagen das Entwickelungsbild eines wesentlichen Zweiges deutscher Frauenarbeit bringt. Die Mit­theilungen über Lehrerinnen-Vereine, Feierabendhäuser, Pen­sion»- und Krankenkassen, Ferienheime, Kurorte rc. nehmen einen breiten Raum ein, und 2) der von Prof. Josef Kürschner redigirteLiteratur-Kalender" (Eisenach, Kürschner, Selbstverlag), der jetzt bereits aus einem kleinen Taschenbuch zu einem voluminösen Band gediehen ist und auf dem Arbeits­tisch keines Schriftstellers und Journalisten fehlen sollte. Der Luxuskalender dehnt sein Reich aus vom Wand- bis zum Portemonnaiekalender. Ersterer hat die denkbar möglichsten Variationen erfahren. Die verschiedensten Liebhabereien sind dabei berücksichtigt worden: der Jagd-, der Sport-, der Ball- kalender! Ein Radfahrerkalender ist uns bis jetzt noch nicht in die Hände gekommen, aber wir sind nichtsdestoweniger von seiner Existenz fest überzeugt. In Erfurt erscheint ein Abreiß­kalender, der nach Art der Küchenzettel für jeden Tag einen guten Rath bezüglich der Blumenzucht und -Pflege bringt. Mey & Edlichs Abreißkalender (Leipzig-Plagwitz) ersetzt fast