daß ein Sohn aus diesem ehrbaren Hause ein solches Geschöpf . ehelichen konnte. Meine Mutter hat mir noch oft von diesem Scandal erzählt und was für ein tolles Leben jenes Wesen in dem alten ehrbaren Kaufmannshause eingeführt hat. Jahrelang hat sie der ganzen Stadt Unterhaltungsstoff geliefert, bis sie dann zum Heile aller ihrer Angehörigen früh verstorben."
„Ja und die Dora soll mit großer Pietät das Andenken an diese Großmutter festhalten," erwiderte die Frau Director. „Meine Johanna erzählte mir, daß das Oelbild derselben im luftigen Tänzercostüm in Doras Zimmer hänge und diese ganz ohne alle Scham, ja mit Bewunderung von ihr erzähle."
„Gräßlich," hauchte das alte Fräulein, „ich sürchte, man wird noch haarsträubende Dinge an der jungen Dame erleben- Sehen Sie nur, wie sie jetzt wieder mit dem jungen Walter kokettirt."
Der junge Walter war ein Student und Dora hatte eine ganz. besondere Passion sür Studenten, vielleicht weil sie in ihnen nie Freier befürchtete. Ihr helles Lachen schallte heiter durch den Saal und drang bis zu dm Ohren der beiden klatschenden Damen, die sich von Neuem über sie entsetzten. Auch noch ein anderes malitiöses Augenpaar ruhte in diesem Moment auf Dora, dasjenige des Assessor Born, welcher an dem Tanz nicht theilgenommen-
Er lehnte draußen an dem offenen Saalfenster, in nächster Nähe der beiden Damen, so daß keines ihrer scharfen Worte ihm entgangen war. Das Factum, daß Tänzerinnenblut in Doras Adern fließt, wußte er natürlich, diese Heirath des jungen reichen Kausmannssohnes mit jener Tänzerin aus Wien schien überhaupt das einzige nicht ganz alltägliche Ereigniß zu sein, was sich je in der kleinen Stadt zugetragen hatte. Er fand aber das Erbtheil Doras von ihrer Großmutter durchaus nicht so verächtlich, wie die beiden ehrbaren Damen da vor ihm.
Und gerade heute, In dem einfachen weißen Kleide, der mattgelben Rose in dem lockigen Haar, erschien sie ihm so graziös, so anziehend wie noch nie- Die trübe brennenden Kerzen an den Wänden warfen so ungewisse flackernde Lichter auf fie, die ganze Scenerie vor ihm hatte in dieser röthlichen, matten Beleuchtung ein fast malerisches Kolorit, dazu spielte die Musik eine jener melancholischen Volksweisen, allerdings im Dreiviertel'Tact, und um ihn herum Bäumerauschen, Nachti. gallengesang, der ganze Zauber einer Sommernacht. Sein Herz schlug höher und immer wieder suchten seine Blicke Dora. Es trieb ihn endlich hinein in den Saal. Warum sollte er nicht auch mit Dora tanzen, die leichte, schlanke Mädchengestalt in seinen Armen halten, warum nicht zu ihr sprechen von den Gedanken, die da leidenschaftlich, stürmend durch seine Seele flutheten. Born dachte in diesem Augenblick nicht daran, daß der Nimbus des Goldes Dora umgab, er würde sie, auch wenn sie nicht einen Heller ihr eigen nannte, ebenso begehrenswerth gefunden haben. Und nun stand er vor ihr und bat um einen Tanz, aber ein kalter, abweisender Blick begegnete ihm aus den eben noch so strahlenden Augen Doras.
„Ich danke, ich bin zu allen Tänzen engagirt," sagte sie etwas zögernd, wohl weil es eine Unwahrheit war.
Born wandte sich heftig von ihr und ging wieder zum Saal hinaus.
Dora blickte ihm nach, bis er die Saalthür hinter sich zuwarf, dann machte sie eine heftige Bewegung, als wiese sie irgend einen Gedanken, der ihr plötzlich gekommen, energisch zurück.
„Er verdient es nicht anders," murmelte sie und wenige Minuten darauf sah Born sie von seinem Fensterplatz aus an sich vorüberschweben, ebenso heiter ausschauend wie zuvor.
Aber die Scenerie in dem matt beleuchteten Saal, die ihn vorhin so gefesselt, schien ihm plötzlich wie verwandelt, es war, als läge eine trübe Wolke über Allen, die Wandltchter flackerten entsetzlich und die Musik däuchte ihm schauderhaft, ohr- zerreißend und die Nachtigall war verstummt.
„Das ist ein Flöten und Geigen, Trompeten schmettern drein, Da tanzt den Hochzeitsreigen Hie Herzallerliebste mein!"
murmelte Born, indem er in einen der kühlen, dunklen Waldwege einbog. Eine tiefe Verstimmung bemächtigte sich seiner, das Leben in der kleinen Stadt dünkte ihm plötzlich unerträglich. Mit Erschrecken fast erfüllte es ihn, wie tief er selbst schon hineiugerathen in dieses kleinstädtische Getriebe und Interesse an Allem nahm, was ihn früher erbärmlich schien, es war ihm, als wäre er, als er vor einem Jahr aus der Residenz hierher versetzt war, ein ganz anderer Mensch gewesen. Die tägliche Umgebung, die Gewohnheit bleibt eben nie ohne Einfluß auf die Menschen — und das entschuldigte schließlich in seinen Augen auch Dora, die in diesen engen Verhältnissen groß geworden war- Wo hätte fie sich sollen größere Weltanschauungen aneignen, Interesse gewinnen können sür Dinge, die diesen Kreisen meistens fern lagen.
Wäre es ihm vergönnt, sie hinwegzuführen aus diesem öden Erdenwinkel in jene geistig regen Kreise der Residenz, in welchen er so heimisch war oder in eine romantische Gebirgsgegend, in jene einsame Landschaft tief im Schwarzwald, in welchem er vor einigen Jahren mit einem genialen Freunde so schöne Tage verlebt und so Mancherlei geschwärmt und geträumt hatte, auch von der Zukunft und künftigem Ehestand, natürlich mit der schönsten, geistreichsten, liebenswürdigsten Frau auf Gottes Erdboden. Von all' diesen Eigenschaften besaß Dora Schmidt kaum eine. Sie war nicht schön, nicht sehr geistreich und auch nicht sehr liebenswürdig, welche Erfahrung er erst in letzter Viertelstunde gemacht und doch war ihm kaum je eine Mädchen-Erscheinung begegnet, die ihn so angezogen, und so den Wunsch in ihm erregt hätte, sie zu seinem Weibe zu machen, wie dieses verwöhnte Kind des Reichthums mit den unregelmäßigen und doch so anziehenden Zügen, dem brünetten Teint und all' der bezaubernden Grazie, dem Erbtheil einer Tänzerin. Unter diesen Gedanken hatte er sich dem Saale wieder genähert, die verlockenden Klänge einer Contre schallten ihm entgegen, er trat in die offene Thür und ein triumphiren- des Lächeln flog über sein Antlitz, als er Dora nicht unter den Tanzenden erblickte. Sie saß allein in dem dunkelsten Wink.l des Saals, die Arme über die Brust gekreuzt, den Kopf an die rauchgeschwärzte Wand zurückgelehnt. Langsam ging er auf sie zu und nahm neben ihr Platz.
„Ihr Tänzer scheint ausgedlieben zu sein," sagte er ironisch-
„Es scheint so," erwiderte Dora; „übrigens war ich gar nicht engagirt, es war eine Lüge vorhin, ich wollte nicht mit Ihnen tanzen, weil Sie sich doch nur über uns Kleinstädterinnen lustig machen. Wir sind geistlos, geschmacklos, albern, simpel, geistreiche Damen findet man nur in großen Städten!'
Nun war es heraus, wie erleichtert athmete die junge Dame auf.
„Dachte ich es doch," sagte Born, „daß es wieder eine der erbärmlichen Klatschereien war, die mich um das Glück gebracht haben, mit Ihnen zu tanzen."
„Nun, ist e» nicht wahr? Haben Sie es gesagt ober nicht?"
„Es ist schon möglich, daß ich dergleichen Unsinn geredet, vielleicht bei Ungar in der Weinstube," erwiderte der so Ge- fragte, dem jetzt die Unterhaltung plötzlich einfiel.
„Und Sie machten keine Ausnahme?"
„Nein, ich glaube nicht, ich hätte ja dann Herzensgeheimnisse verrathen müssen, und das thut man nicht in solchen Localen!"
Ec bog sich herab und blickte forschend in dar schmollende Gesichtchen neben sich.
„Wie können Sie nur solchen Klatschereien so viel Werth beilegen, ich dächte, Sie könnten es sich selbst sagen, baß ich an Sie nicht gedacht habe bei diesen unvorsichtigen Worten, die ich natürlich jetzt auf's tiefste bereue."
Dora jedoch hatte kein Ohr für seine Entschuldigung, sie war in höchst gereizter Stimmung. Im Stillen hatte sie gehofft, daß Leonhard die Unwahrheit gesagt und Born sich entschieden gegen die Anschuldigungen wehren würde. Nun gestand er es ohne Zögern ein, behandelte es als eine Bagatelle, die nicht der Rede werth fei.


