1894.

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Nr. 2

Nnt-phaltringsblatt zrnn Gi-tzenev Anzeige (GeMev^lsAnzeig-v)

Samstag, den 6. Januar.

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Bekehrt.

Novelle von F. S t ö ck e r t.

(Fortsetzung.)

Herr Leonhard, der am Steuer saß, zeigte bet diesen Worten frohlockend seine schönen weißen Zähne, während Born, dem seine unvorsichtigen Worte längst aus dem Gedächtniß ent» schwanden waren, ziemlich verblüfft drein schaute. Die junge Dame erschien ihm überhaupt sehr verändert seit einiger Zeit. Sie zeigte sich oft tief gereizt und verstimmt ihm gegenüver, und die dunklen Augen konnten dann so bitterböse blicken, als hadere sie mit der ganzen Welt; auch jetzt hatte ihn ein fast vernichtender Blick gestreift. Emige Damen in dem Kahn er­gingen sich, wahrscheinlich dem interessanten Assessor zu Ge­fallen, jetzt in Reisefchwärmereien; es war vom Harz und Thüringen die Rede, eine junge Dame schwärmte von den Alpen, eine andere von der Ostsee, und überall war es himm­lisch, reizend, entzückend gewesen.

Dora schwieg beharrlich dazu, erst als sich eine der Damen sehr verächtlich über die armselige Gegend ihrer Vaterstadt aussprach, erhob ste zornig ihre Stimme, ihre geliebte Heimath zu vertheidiren. Er lag tiefes Empfinden in ihren Worten und wie Poesie klang es, als sie von der Haide sprach, wie es sich dort so wonnig ruhe an Svätsommerabenden, so ein­sam, so menschenfern, wenn letzte Sonnenstrahlen den Himmel so gelbtich-roth färbten und in diesem eigenthümlich flammenden Licht die ganze Haide wie ein weites, wellendes, rosiges Meer erscheine. Wenn dann am Fluß die Nebel wallten und die Schatten der Nacht langsam heraufstiegen, o, dann kämen einem Gedanken, vielleicht bessere, größere, als in den so gepriesenen schönen Gegenden, die stets von Menschenmaflen überströmt seien, deren meistens nichtssagende Gesichter ihr jeden tieferen Eindruck stören würden.

Sehr schmeichelhaft für Ihre Mitmenschen," sagte Born, und doch kann man Ihnen bet diesem Sinn für Natm schön- heilen nur rathen, sich einmal jene gepriesenen Gegenden anzu­sehen, es gibt dort noch genug einsame Wald- und Bergpartieen mit entzückenden Fernsichten, ich wollte, ich dürfte . .

Er konnte seine Rede nicht vollenden, da man jetzt landete und ein Tusch schmetternder Trompeten die Gesell'chast empfing.

Der Vergnügungsort, nach welchem man jetzt die Schritte lenkte, hieß der Busch und war ein bescheidenes Fleckchen Wald, der Nest früherer bedeutender Waldungen. Ein ziemlich primi­tives Gasthaus, hölzerne Bänke und Tische auf dem freien Platz davor, das war die ganze Herrlichkeit. Die heitere Ge­

sellschaft aber, die sich jetzt auf diesen Bänken placirte, war ei« herzerfrischender Anblick. Unter Lachen und Scherzen arran- girten die jungen Damen jetzt die Kaffeetafel, zerschnitten zahl­lose Kuchenstücke und thürmten sie auf den Tellern auf, und die Wirthin brachte riesige Kaffeekannen angeschleppt. Emzelne Herren, darunter Herr Leonhard, vertilgten gewaltige Kuchen­massen, andere wieder verschmähten diesen süßen Genuß gänz­lich und baten um die Erlaubniß, eine Cigarre anzünden zu dürfen, was ihnen huldvoll gestattet wurde.

Als dieser Act des Kaffeetrinkens vorüber, erging die Jugend sich in Spielen auf dem W'esenplatz hinter dem Hause, daran schloß sich eine Polonaise, von Herrn Leonhard mit einer hübschen, schwarzäugigen jungen Dame angeführt, welcher pikan­ten und auch etwas koketten Schönheit er schon beim Kaffee­trinken und Spielen seine eifrigsten Huldigungen dargebracht, in dem festen Glauben, daß Dora das unmöglich gleichgiltig mit ansehen könne.

Leonhard gehörte zu den Männern, die sich nur schwer davon überzeugen, daß ein junges Mädchen ihrer bezaubernden Persönlichkeit gegenüber gleichgiltig bleiben könne, wenn sie vollends sich dazu Herabgelaffen, sich um ihre Gunst zu be­mühen. Auch der Korb, den ihm Dora gegeben, hatte den Glauben an seine Unwiderstehlichkeit durchaus noch nicht er­schüttert, es war eine Sinne von ihr gewesen, eine Caprice, tröstete er sich, und ste würde bald genug bittere Reue darüber empfinden, aber dann wollte er sie schmachten lassen bis zum Wahnsinn!

Die Tanzenden zogen jetzt in den elenden, rauchgeschwärz­ten Saal und Leonhard begann im Walzertaet mit seiner Tän­zerin zierlich in demselben herumzuwirbeln, sest überzeugt davon, daß Aller Blicke mit Bewunderung auf ihm ruhten. Er irrte sich aber, höchstens, daß die drei jungen Damen, die keine Tänzer bekommen, mit trüben Blrcken ihm nachschanten. Wenn eine der Tanzenden Bewunderung erregte, so war es Dora, an ihrer Wiege waren bte Grazien nicht ausgeblieben, in reicher Fülle hatten sie ihre Gaben gespendet. Jede Bewegung Doras beim Tanz war reizend und anmulhig. Das kurze, weiße Promenadenkleid ließ die zierlichen Füße sehen, welche kaum den Boden zu berühren schienen, die schlanke, biegsame Gestalt schien ganz im Tanze aufzugeben.

Man sieht, daß Tänzerinnenb ut in Doras Avern fließt," sagte die Frau Drector Brand, die Mutter einer der sitzen gebliebenen jungen Damen, malitiös zu ihrer Nachbarin.

Diese, ein bejahrtes Fcäulein, nickte feierlich mit dem steifen Haupte:Sie soll ja auch das leibhaftige Ebenbild ihrer Großmutter, der Wiener Tänzerin, sein, es bleibt das doch ein Makel für die Familie. Wie es nur überhaupt möglich war,