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die Fähigkeit besitzen, Hexenstücke und Zaubereien zu verüben? Ich muß weiter forschen."

Er schlug den folgenden Bogen auseinander und las so­gleich laut vor:

Actum: Ober-Eschbach den 24. Octbris 1640. Erschien vor mir Anna Maria, Ehefrau des Forsthüters König, flehent­lich bittende, als möchte ich staute pede mit in ihr Haus kommen, da eine fürnehme Frau dringend meiner begehre. Begab mich also dahin und fand wie berichtet, verlangete die todkranke Frau alles zur Nachricht nieder zu schreiben, da ihr End bevorstehe. Sagete also: Ich bin die Ehefrau des land- gräfl. Herrn Secretarii M. Caspari"

Gott sei mir gnädig!" stieß Caspari hervor, ließ das Blatt fallen und sprang auf.Das war mein heißgeliebtes erstes Weib, wie kam es nach Ober-Eschbach?"

Er setzte sich nieder, ergriff das Blatt von Neuem und versuchte zu lesen. Allein die Hände zitterten heftig und vor dem Angesichte schien ihm ein schwarzer Schleier zu hängen, daß er keinen Buchstaben zu unterscheiden vermochte. Endlich hatte er die gewaltige Erregung etwas niedergekämpft; er er­griff das Blatt wieder und begann laut zu lesen:

Ich bin die Ehefrau des landgräflichen Herrn Secretarii M. Caspari. Hetnt Nacht seyndt die Schweden in Homburg eingebrochen, haben alles niedergemacht, Männer, Weiber, Greise und Kinder umgebrungen, auch mir Gewalt angethan. Habe mich, als der Morgen graute, mit meinem Kindletn durch­geschlichen, vorher die Familienpapiere zu mir genommen und bis hierher gelanget. Mein Mann ist seit sechs Wochen in Nürnberg und dort an einem hitzigen Fieber gestorben"

Gerechter Gott!" rief Caspari;das war mein Vetter Martin Carpari, in Diensten des Churfürsten von der Pfalz; er starb in Nürnberg, nicht ich. Mein Brief muß verloren gegangen fein. O, mein armes Weib, welche Höllenqualen mußt Du erduldet haben. Und mein zartes Kindchen, wo mag es hingekommen sein!" Nach einem tiefen Seufzer las der (SpYPHTiAfpr tnpifpr *

unser Haus ist in Homburg niedergebrannt, der In­halt geraubt oder zerstört worden, konnte nur das nackte Leben, das Kindlein und die Familienpapiere davonbringen." Mein Kind, mein Kind!" jammerte Caspari.Wo mag es geblieben sein, was wird es erduldet haben?"

Nun fühle ich, daß mein Ende nahet. Diese gute Frau Anna Maria König hat mich ausgenommen, auch vor­gestern selbst ihr Kindlein von ungefähr gleichem Alter durch den Tod verloren. Will mein Kindlein auf- und annehmen, bis Hülfe kommt; hat mein Kindlein auch getränket und schläft nun in dem Bettlein des Verstorbenen. Vertraue ich also in meiner Todesstunde diesem gottesfürchtigen Weibe mein Liebstes an; übergebe ihm unsere Familienpapiere und ein Familien­schmuckstück, so meine Urahntn vor mehr denn hundert Jahren von dem Durchleuchtigen Landgrafen Herrn Philippen dem Großmüthigen empfangen; soll die Papiere und das güldene Stück fein aufheben und dem Kinde geben, so es einundzwanzig Jahr, oder vor deffen Heirath, so es vor diesem Alter hei- rathen möchte. Verspricht auch genannte Anna Maria König, alles getreulich zu halten, nach den Verwandten des Kmdes fleißig zu forschen und Kind, Papiere und Familienstück zurück­zugeben, so sich die Verwandten finden würden. Wohl weiß ich, daß ich ein Großes von dem frommen, gottesfürchtigen Weibe fordere, jedennoch thue ich es, diewecken mein Kmdlein sonst elendiglich verschmachten müßte. Obgleich ich durch den Raub und Brand der Schweden ganz arm worden und der frommen Anna Maria nichts hinterlassen kann, will sie sich des Kindleins doch erbarmen. Mein Gebet und der Segen einer Sterbenden begleite sie durch's Leben.

Darauf wurde die fürnehme Frau schwach und lag bei einer Viertelstunde ganz stille, regele sich aus einmal das kleine Mägdlein in der Wiegen, maßen die Anna Maria König das Kindlein in die Arme nahm und tränkte. Da that die für­nehme Frau noch einmal die Augen auf und lächelte, winkte auch das Weib mit dem säugenden Kindlein herzu, legte jedem

eine Hand auf das Haupt und verschied mit gottergebener, heiterer Miene.

Zwei Tage hernach ist die Frau in Ehren auf dem hie­sigen Friedhofs bestattet worden, hat auch einen feinen Ruhe­platz neben dem alten Pfarrherrn erhalten.

Solches zur Nachricht hierher gesetzet, unterschrieben und mit dem Schultheißensigillum versehen worden.

Joh. Pet. Himmelreich, Schlthß."

Der Commiffarius sprang wieder auf und ging hin und her.

Nun weiß ich," sprach er,daß mein liebes Weib ttt' Ober-Eschbach starb und dort ehrlich beigesetzt wurde. Einen schrecklichen Tod in den Flammen wie die Nachbarn be­richteten erduldete sie nicht. Nun muß ich mein Kind finden oder ausklären, ob es noch lebt oder nicht, muß wissen, wie diese Hexe Beilstein zu den Papieren und zu dem Familien- schmuckstücke kam."

Er sah die Blätter von Neuem durch und fand auf der vierten Seite des Ober-Eschbacher Protokolls einen weiteren Eintrag, welcher also lautete:

Erschien Anna Maria König bei mir und deponirete: Mein Mann ist mit den schwedischen Kriegsvölkern davon ge­gangen und hat mich im Elend gelassen. Bleibet mir nichts anderes übrig, als mit dem Kindlein in meine Heimath nach Bingenheim, einem Dorfs in der Wetterau bet Echzell, zu ziehen, allwo meine Eltern noch leben. So Jemand nach mir oder dem Kindlein fraget, bitte ich, es dorthin zu verweisen. Mein Vater heißet Johannes Beilstein"

Mit einem furchtbaren Schrei sprang Caspari auf, ohne das Schriftstück zu Ende zu lesen.

Gerechter Gott!" rief der Hexenrichter.Diese Sibille Margarethe König ist mein eigenes Töchterchen!" Ohnmächtig brach er zusammen und stürzte der Länge nach auf den Boden. Todtenstille herrschte in dem Gemache, man hörte das Bohren und Knistern der Holzwürmer in den alten Möbeln.

Nach einer Weile kam dem Manne das Bewußtsein wieder; er erhob sich mühsam und ließ sich auf den Sitz nieder.

Ich muß Alles zu Ende bringen!" sprach er heiser; was steht noch hier?"

Mein Vater heißet Johannes Beilstein, meine Mutter Anna. Siegelt alles ein, Papiere und Schmuckstück, und schreibet auf das Päcklein den Namen Sibille Margrethe König, damit kein Unberufener hineinschaut. Es hat sich Niemand um das Kindlein gemeldet, will es darum als mein erb und eigen annehmen und ihm auch meinen Namen geben. Ist also geschehen und bestätiget worden, soll aber noch constatiret wer­den, daß das Kindlein am linken Oberarm ein kleines Pläck- lein trägt, gleich seiner verstorbenen Mutter.

Solches zur Nachricht wiederumb hergesetzet, unterschrieben und besiegelt P^. Himmelreich, Schlthß."

Caspari schaute auf; sein Gesicht war kreidebleich, sein sonst noch dunkles Haar war grau geworden.

Was habe ich gethan!" stöhnte der Richter.Ich bin ein zweiter Kain, der die alte Frau tödten ließ, welche mein eigen Fleisch und Blut aufzog, es wie einen Augapfel hütete und es abgöttisch liebte. Mein väterliches Herz regte sich, als ich das schöne Kind vor zehn Jahren zum ersten Male beim Blumenstreuen sah, aber ich drängte diese Regung au- greulichem Hochmuths und unsäglichem Dünkel zurück, weil ich glaubte, es sei aus niederem Stande. Wieder und wieder schlug mir mächtig das Herz, wenn ich die liebliche Erscheinung sah und jedesmal hat die teufelische Aufgeblasenheit die lieber* Hand behalten- Ich werde wahnsinnig, wenn ich daran denke, daß der Henker dem Kinde die Kleider vom Leibe riß und daß ich das Pläcklein auf dem Oberarm nicht sogleich als ein Muttererbstück erkannte. Ich bin ein Teufel, ein Kain, ein Satan, ein Scheusal, wie das Kind selbst und seine treue zieherin, die alte Beckstein, sagten! Au meinem eigenen Flefich und Blut sollen mit meine Missethaten heirnzezahlt werden, sprach das Kmd vor der Folter!"