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Nr. 77

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Donnerstag, den 5. Juli.

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Die Hexe von Bingenheim.

Von Gg. Schäfer.

(Fortsetzung.)

Im Sommer kam die landgräfliche Familie wieder nach Bingenheim zurück. Der Fürst halte sich völlig erholt und freute sich auf die Jagden, welche bevorstanden. Besonders waren in den Forsten zwischen den Orten Blofeld, Bingen­heim, Echzell, Bisses und Nidda starke Hirsche vorhanden. Im September sollten einige erlegt werden. Commissarius Cas­pari war sonst ein Freund von Jagdparthien. Dieses Jahr reizte ihn das edle Waidwerk nicht, er blieb zu Hause.

Mitte September kam der Schultheiß von Geiß-Nidda und zeigte an, daß einem dortigen Bürger grausame Thaten durch Hexen und Zauberer zugefügt würden.Drei Stück Rindvieh sind dem Mann kurz hintereinander und jedesmal urplötzlich gefallen," berichtete der Schultheiß.Am Herz der Thiere hat ein weiser Mann aus Echzell erkannt, daß das Vieh von Zauberern heftig angegriffen ist. Das Herz des letzten Stückes wurde in eine Schweinsblase gethan und in den Schornstein gehenkt. Von Zeit zu Zeit wurde es herabgenom­men und mit Ruthen gepeitscht. Die Schläge haben die Hexe getroffen, denn diese ist bald darauf zwischen zwölf und ein Uhr Mittags in's Haus gekommen und wollte durchaus in das Wohnzimmer, wurde aber nicht Hineingelaffen. Das Herz hing so lange im Schornstein, bis der Bindfaden brach; an dem- selbigen Tage starb die Hexe. Wäre dies nicht geschehen, hätte sie die Menschen angegriffen und umgebracht, wie sie es zuerst mit dem Vieh lhat. Darum schafft Abhülfe, Herr; es gibt noch viele Hexen in der Welt."

Wollen sehen, was gethan werden kann," antwortete Caspari und entließ den Schultheißen. Durch diese Anzeige fiel dem Commiffarius ein, daß die Angelegenheit mit der alten Beilstein noch nicht ganz geordnetnmr und daß die Papiere der Sibille König noch in der Schublade verschnürt und uneröffnet lagen.

Hier bietet sich wahrscheinlich ein Mittel, die rückständigen Kosten beizubringen," dachte der Richter;ich werde das Packet öffnen und den Inhalt vrüfen."

Schon wollte der Commiffarius das Päckchen herbeiholen, als er zum Landgrafen berufen wurde. Zwei Tage später war große Jagd, Caspari nahm nicht Theil daran. Am Nachmittage, als die Kanzlei ganz leer war und eine Störung nicht in Aussicht stand, holte der Richter das Päckchen her­

vor; es fühlte sich an, als ob auch ein metallener Gegenstand darin eingewickelt fein könnte.

Vielleicht steckt ein Schmuck- oder Schaustück in den Papieren, wir werden dann um so eher zu unseren Auslagen kommen," sprach der Hexenmeister mit zufriedener Miene. Er nahm eine große Papierscheere, schnitt die Bindkordel durch, löste die Siegel und öffnete das Päckchen. Obenauf lag ein Blatt Papier, darauf stand geschrieben:

Geburtsprotokollum.

Sibille Margarethe, Michail Casparis und seiner Gattin Elfriede Sophie, einer geborenen von Lichtenfels filia, ist den löten Apriüs Vormittags zwischen 10 und 11 Uhr zur Welt geboren und den 21. Aprilis christlich getauft worden. Sind Gevatterinnen gewest: Sibille, Fried ericke von Lichtenfels, der Mutter Schwester, und Wilhelmine Margarethe Caspari, des Vaters Schwerer. Gott friste dem Kindlein sein Leben, daß es fromb und zur Gottesfurcht erzogen werden möge.

Homburg, den 21. Apr. 1640.

Georg Heinrich Schneider, (Siegel.) Kirchenrath.

Der Commissarius las das Geburtsprotocoll noch einmal laut vor, weil er beim erstmaligen Lesen seinen Augen nicht traute.Das ist der Taufschein meines ältesten, früh gestor­benen Töchterleins!" sprach er.Wie kommt dieses Schrift­stück in die Hände der Beilstein! Sollte hier ein Diebstahl oder Raub vorgekommen sein? Dann wehe der ganzen Sipp­schaft! Sehen wir weiter, vielleicht geben die übrigen Papiere Ausschluß!"

Vorsichtig schlug Caspari das zweite Blatt auseinander; gierig verschlangen seine Augen die Zeilen und blieben, wie bei dem eisten Protocolle, auf der Unterschrift des Kirchen- rathcs Schneider und dem großen Siegel haften. Auf dem Blatte stand geschrieben:

Copulsationsprotokollum-

Michail Caspari, Landgröflifch Hessen-Homburgifcher Secretorius allhier und Fräulein Elfriede Sophie, Herrn Rvprechten von Lichtenfels älteste Tochter, sind heute von mir ehelich eingesegnet worden und haben ihren christlichen Kirch­gang gehalten.

Homburg, den 5. Mai 1639.

Georg Heinrich Schneider, (Siegel.) Kirchenrath.

Hier habe ich meinen Originaltrauschein in der Hand!" rief Caspari erregt.Tas ist ja Zauberei und Teufels- bleudwerk. Sollte die alte Beilstein noch nach ihrem Hinthun