4
Eine Geschichte für Mütter.
Es war eigentlich nur ein süßes, rosiges Baby mit weich gerundeten Aermchen und dicken, strampelnden Beinchen, das fortwährend die kleinen Fäustchen in fein rundes, kirsch- rothes Mündchen steckte und dabei gar lieb und lustig mit den himmelblauen Aeuglein" zwickerte- Die blonden Härchen kräu- selten sich zu dünnen, leichten Löckchen, die im Sonnenschein wie gesponnenes Gold schimmerten und die Grübchenwangen waren fest und roth wie frischgeflückte Aepfel. — Gewiß kein Engelein konnte schöner und lieblicher sein, so wenigstens schien es der alten Boffie, die seine Kinderfrau zu sein die Ehre hatte.
Und doch wurde Babys Eintritt in die Welt so wenig freudig begrüßt von Denen, die ihm am nächsten standen.
Mylady, seine Mama, konnte es ihm nicht verzeihen, daß sie seinetwegen eine ganze Ball-Saison unbenutzt inußte vorübergehen lassen und daß seine Ankunft mit so viel Strapazen Verbunden war.
Als es ihr die Wärterin zum ersten Male zum Kusse reichte, schaute ste verwundert auf das spitzenbesäete, weiße Bündel mit dem krebsrothen, quieksenden Inhalt.
Sie hatte in den Büchern so viel von Mutterliebe und Mutterglück gelesen und fühlte doch nichts dergleichen. Der anwesenden „Leute" halber drückte sie ihren Mund auf die kleine Stirne kalt nnd flüchtig und lehnte sich dann gelangweilt und müde in die Krffen zurück.
Mylord war auch kein zärtlicher Vater.
Als man ihm sein Kind in die Arme legen wollte, hob er wie erschrocken abwehrend die Hände empor und entfernte sich schleunigst.
Boffie, die Kinderfrau, sandte ihm zuerst einen giftigen Blick nach, dann wechselte sie einen verständnißoollen mit der Amme, dabei schüttelte sie heftig den grauen Kopf, daß die Haubenbänder flatterten und murmelte in halblautem, zornigem Ton: „Und das will ein Vater sein? Solch Vornehme besitzen doch kein Herz, wie ganz anders geht das doch bei uns armen Leuten ab." Und dann wurde sie durch den Ton eines Glöckchens unterbrochen: Mylady wünschte einen Spiegel und als sie ihn erhalten, blickte sie eilig und voll ängstlicher Spannung in das blinkende Glas, aus dem ihr ein zwar bleiches aber wunderschönens Antlitz entgegenschaute. Aufmerksam betrachtete sie ihr Spiegelbild, dann nickte sie befriedigt. Gewiß kein Fältchen war zu sehen, keine Runzeln, kein schärferer Zug bemerkbar, ihre Schönheit hatte nicht Schaden gelitten.
Und dann kam Babys Geburtstag. Blumengewinde zierten Treppe und Flur, Triumphbogen umwölbten die Thüren und drinnen in der Halle standen in langen Reihen die weiß- gedeckten Tische mit den blitzenden Silbergeräthen und den funkelnden Gläsern. Und Wagen um Wagen rollte heran und brachte reich geschmückte, fröhliche Gäste; zahlreiche Diener eilten hin und her, die auserlesensten Speisen herumreichend. Und in Mitte der Tafel stand Mylady, strahlend in Jugend und Schönheit, kredenzte den schäumenden Wein und hob das schlanke Kelchglas graziös lächelnd empor, wenn ihr ein Glückwunsch gebracht wurde.
Es war eine wunderschöne Frauengestalt. Eng schmiegte sich das graue, silberschimmernde Atlasgewand den herrlichen Formen an; auf der wogenden Brust ruhte eine einzige, purpurfarbene Blüthenknospe und aus dem nachtschwarzen Haar glänzte ein Stern von Brillanten. Mylord's blasses, blasirtes Gesicht nahm den Ausdruck der Befriedigung an, als er sein schönes Weib betrachtete.
Sie hatten sich nicht aus Liebe geheirathet. — Er war arg verschuldet und es war die höchste Zeit für ihn gewesen, sich nach einer reichen Erbin umzusehen. Schön Ellen vertrauerte ihr Leben auf einsamem Schlosse an der Seite eines kränklichen Vaters und doch liebt sie die Welt und ihre Freuden so sehr.
Glänzende Feste, rauschende Vergnügungen, Bälle und Theater waren ihr Wunsch, ihr Sehnen und als Mylord als Freiwerber auftrat, neigte ste ohne Zögern bejahend das schöne Haupt. Sie sah sich schon im Geiste als Frau eines der angenehmsten Cavaliere vom Hofe, ihr Stolz war befriedigt, ihre Träume sollten sich erfüllen. — Schön Ellen und ihre Million waren so mühelos sein Eigen geworden; Liebe schien ste weder zu geben, noch zu verlangen.
Mylord war der aufmerksamste Gatte, Mylady tadellose Repräsentin seines Hauffs und so führten sie ein glückliches Leben neben einander.
Und nun war Baby gekommen! — Wie riß Mylord die Augen weit auf vor Erstaunen, als ihm Vaterfreuden verkündigt wurden. Doch kein Strahl sonniger Freude, nur grenzenlose Ueberaschung malte sich in seinen abgespannten schlaffen Zügen und dann ging er in den Club und bald hatte er über seine beträchtlichen Spieloerluste die gleichgültige Nachricht vergessen! Das waren Baby's Eltern und so war sein Heim beschaffen. Und die Zeit verrann und Baby wuchs und gedieh und war sechs Monate alt geworden. Da bemerkte eines Tages Boffie's tastender Finger etwas festes, scharfes in seinem Mündlein, und richtig, da standen sie drinnen, die ersten Zähnchen weiß und perlmutterblank. Mit einem Freudenschrei verkündet es die treue Wärterin der lauschenden Dienerschaft und stürzte dann eilig, unangemeldet in Mylady's Zimmer, um ihr die Botschaft zu bingen. Doch Mylady fuhr zornig empor und ertheilte ihr einen scharfen Verweis, ihre Ruhe einer solchen Kleinigkeit halber gestört zu haben; als sie aber Bosfies weinerliches, enttäuschtes Gesicht sah, zog sie die Börse und legte ein blankes Goldstück in die sträubende Hand. Darauf war es wohl abgesehen, dachte sie bei sich.
Und Boffie schlich sich thränendes Auges in das Kinderzimmer zurück, grollenden Zornes über diese Reichen, die da glaubten, Alles durch Geld gut zu machen, und dann nahm sie den kleinen Liebling in die Arme. Die kurzen Finger- chen tippten schwerfällig und unbeholfen nach den glänzenden Tropfen, die sich dick und schwarz zwischen den Wimpern hervordrängten.
Und doch konnte es sich die gute Seele nicht versagen, Mylady wieder herbei zu rufen, als Bahy eines schönen Morgens im Bettchen lag und zum ersten Mal in stammelnden Lauten „Mama" gerufen hatte- Auf Boffie's warmes von Entzücken geschwelltes Herz legte es sich wie ein eisiger Reif, als Mylady wiederum staunend fragte: „was den so Schönes oder Besonderes daran sei. Jedes Kind müsse doch einmal zu sprechen anfangen." Roch einige Wochen und dann feierte man den Jahrestag von Baby's Geburt. Run steckte es die rosigen Beinchen nicht mehr in den Mund, sondern stellte sie fest und stramm auf den Fußoden, kleine Schritte machend. Erst langsam zögernd, tastend, dann fester, muthiger, rascher und endlich war sie gelernt, die große Kunst, klein Baby lief im Hause herum.
(Schluß sogt.)
Vermischtes.
Die lange Rede. Der alte Oberst v. Beiß hatte seinen Abschied erhalten. Obwohl er nie in seinem Leben eine Rede gehalten, die länger gewesen wäre, als: „Unser gnädigster Landesherr lebe hoch!" beschloß er, sich von seinem Regiment mir einer längeren Rede zu verabschieden. Dieselbe war auch nach mancher schlaflosen Nacht zu Stande gekommen und hatte den wohlklingenden Anfang: „Hat je . . ." u. s- w. An dem Tage des Abschieds ist das Regiment versammelt; der Oberst reitet vor die Front und beginnt mit feierlicher Stimme: „Hat je ..." — „Adje, Herr Oberst!' antwortet das Regiment wie aus einem Munde auf den vermeintlichen Abschiedsgruß — und auch diese Rede war so kurz geblieben, wie alle ihre Vorgängerinnen.
Redaction: A. Scheyda. — Druck und Verlag der Brühl'schen Druckerei (Fr. Ehr. Pietsch) in Gießen.


