„Werden Sie es in diesem Jahre wieder verschmähen, zu reisen?" fragte der Assessor Born Dora einige Wochen nach dem oben geschilderten Morgen. Man befand sich auf einer Wasserpartie, leichte Kähne schaukelten auf dem blauen Strom, die Insassen derselben waren meistens junge Damen und Herren, die Mütter der jungen Mädchen hatten den Landweg vorge- zogen und wandelten langsam und gemessen am Ufer.
„Ich werde diese alberne Mode, die jetzt epidemisch um sich greift, nie mitmachen," erwiderte Dora und warf verächt- lich die Lippen auf, „da ich diese Reisewuth geradezu lächerlich finde."
„Lernen Sie nur erst solch' ungebundenes Reiseleben einmal kennen, der Gesichtskreis erweitert sich, Sie gewinnen tausend neue Eindrücke, großartige Nalurpanoramas erschließen sich Ihren Äugen Statt auf diesem eintönigen Flüßchen fahren Sie auf dem klaren, durchsichtigen Wasser der Schweizerseen und sehen ringsherum mächtige Bergriesen sich erheben."
„Und dann kehre ich zurück in die flachen Lande und finde diese einfachen Naturschönheiten, das Flüßchen, das Wiesengrün, den schmalen Streifen Wald so öde und langweilig wie nie zuvor," sagte Dora. „Nein, die Liebe zu meiner Heimath möchte ich um Alles nie verlieren, schon darum nicht, weil ich hier an der Hand meiner, so früh verlorenen Mutter als Kmd gegangen bin." „ , , , ,,
Borns Blicke ruhten voll inniger Theilnahme auf ihr, als sie aber denselben begegnete, verlor sich der weiche, ernste Ausdruck in ihren Zügen sofort. „Ich bin freilich nur eine simple Kleinstädterin," sagte sie jetzt im völlig veränderten Ton, „und darf mir wohl kaum ein Urtheil anmaßen über Dinge, die über meinen beschränkten Gesichtskreis hinausgehen."
(Fortsetzung folgt.)
3. -
wie sie in die sonnige, klare Luft dahinging, gleich einer der rosigen Haideblumen, die im Spätsommer die ganze Haide überziehen, eben so zierlich, so biegsam. Es war aber nicht ein derartiger poetischer Vergleich, welchen der abgewiesene Freier zwischen den Zähnen murmelte, es klang vielmehr: „Albernes, hochfahrendes Ding!" — Vielleicht hätte es ihm zur Genugthuung gereicht, hätte er, als er mit seinem Gespann wieder auf die Chaussee rollte, Dora beobachten können, wie sie auf dem Stein unter der alten Kiefer saß und bittere Thränen sich aus ihren Augen drängten. Ein Tropfen Gift war in ihr sorglos glückliches Dasein gefallen. „Eine Kleinstädterin also! Ohne Geist, langweilig, geschmacklos," murmelte sie, „o, ich sehe ihn sitzen in der rauchigen Bierstube, ich höre jedes Wort, ich sehe die dunklen Augen, die so stolz und verächtlich blicken können — und er machte keine Ausnahme — keine. Und ich — ich — ich bin eine große Närrin und hätte wohl besser gethan, die Hand des biederen, schönen Leonhard anzunehmen und sein schönes Rittergut. Wie hat's mir die Tante Alles angepriesen und nun habe ich Alles verscherzt, und habe einen Feind mehr auf der Welt."
Aber bald flog es über das Antlitz Doras schon wieder wie ein halbes Lächeln, sie lehnte den Kopf an den rauhen Stamm der Kiefer; die Bienen summten so einschläfernd um sie herum, schließlich fielen ihr die Augen zu, und die Sonne küßte ihre schlummernden Wangen und lockte dunkle Röthe darauf hervor. Als sie erwachte, waren über anderthalb Stunden vergangen und sie beeilte sich, um nach Hause zu gelangen. Man war hier derartige Extravakanzen schon von ihr gewöhnt und nicht weiter beunruhigt gewesen über ihr langes Ausbleiben. Während sie mit gutem Appetit ihr Mittagsmahl verzehrte, berichtete sie der Tante offenherzig von ihrem Zu- sammentreffen mit Herrn Leonhard, daß sie ihm einen Korb gegeben und es überhaupt wohl vorziehen werde, als alte Jung- fer zu sterben; denn die Männer — sie brach plötzlich ab, ver- rätherische Schatten flogen über das junge Gesicht und gaben demselben ein ganz melancholisches Ansehen, so daß die Tante sie voller Staunen anblickte, da sie einen derartigen Ausdruck noch nie bei ihrer Nichte wahrgenommen.
straße sollte entgegen lausen- „Ich habe Sie allerdings hier erwartet, aber nur um Ihnen zu sagen, — bitte, wollen Sie nicht nach dem Haideweg einlenken, man spricht dort ungestörter."
Leonhard war vom Wagen gestiegen, er hatte die Zügel des Pferdes in der Hand und lenkte jetzt vom Wege ab, der Haide zu.
Dora mußte sich jetzt gestehen, daß der junge Gutsbesitzer ein wirklich schöner Mann sei, von eleganter Figur und regelmäßigen Gesichtszügen; allerdings lag vielleicht etwas zu viel Selbstbewußtsein in seiner ganzen Haltung und in seinen blauen Augen leuchtete nicht allzuviel Geist.
Seine Eitelkeit wird furchtbar gekränkt werden, dachte das junge Mädchen, als sie einen prüfenden Blick in das schöne Antlitz des jungen Mannes neben sich warf; und er wird gewiß sehr zornig werden über den Korb von einem so unbedeutenden Mädchen, wie ich es bin, die sich nach seiner Ansicht jedenfalls unendlich glücklich schätzen müßte, an der Seite eines so bildschönen Mannes durch das Erdenleben zu wallen.
Sie hatten jetzt die Haide erreicht und Doras Blicke ruhten wieder auf den blauen Schmetterlingen, wie sie sich der Freiheit und des goldenen Sonnenlichtes freuten. „Zürnen Sie mir nicht, Herr Leonhard," begann sie jetzt mit unsicherer Stimme, „ich kann aber meine Freiheit nicht aufgeben, es sind doch immerhin Fesseln, die Sie mir auferlegen wollen, und Mele mögen ja auch solche Fesseln der Ehe süß und leicht finden, aber ich kann es nicht; mir erscheinen sie centnerschwer und darum ..."
„Bitte, bemühen Sie sich nicht weiter," unterbrach Herr Leonhard zornig ihre Rede, „ich glaube Sie hinreichend verstanden zu haben und bedarf Ihrer Auseinandersetzungen nicht mehr. Allerdings könnte ich Mancherlei einwenden und bin fest davon überzeugt, daß es nicht Abneigung gegen die Fesseln der Ehe sind, die mir diesen Korb von Ihnen verschafft haben. Ein anderer, hochstudirter Herr soll sich ja jetzt und wie es heißt nicht vergeblich um Ihre Gunst bemühen, da muß ich einfacher Landmann dann wohl zurücktreten, mir stehen solche gewandte Redensarten, womit sich Jener in Ihrem Herzen eingeschmeichelt, nicht zu Gebote. Ob er es aber so ehrlich meint, wie ich, ist noch die Frage. Er sprach sich neulich wenigstens über die ganze Damenwelt in Ihrer Vaterstadt sehr verächtlich aus!"
Doras Augen flammten auf- „Wen meinen Sie?" rief sie zornig.
„O, Sie wissen e» ganz genau, er hat einen schwarzen Bart und kohlschwarze Augen," entgegnete der junge Land- wirth. „Der feine Herr machte keine Ausnahme, Fräulein Dora, es wären Alle eitle Kleinstädterinnen, ohne Geist, ohne Geschmack in ihren Toiletten, langweilig, uninteressant. Geistvolle und interessante Damen fände man überhaupt nur in großen Städten."
Dora bückte sich während dieser für sie so wenig schmeichelhaften Rede einigemal und pflückte etwas ungestüm einzelne kleine Blumen, die am Wege standen, um sie dann in kleine Stücke zu zerreißen. Ein paar Mal stampfte sie mit den zierlichen Füßen heftig auf dem weichen Haideboden auf und als Leonhard nun schwieg und sie mit spähenden Blicken beobachtete, wandte sie ihm das Antlitz mit einer Miene grenzen- loser Verachtung zu.
„Es interesstrt mich gar nicht, Herr Leonhard, was die Herren in ihren Bierkneipen verhandeln, und ich finde es durchaus nicht fein, dergleichen einer jungen Dame zu wiederholen."
Leonhard biß sich auf die Lippen, während eine dunkle Röthe sein schönes Antlitz überflog. Verlegen zog er seine Uhr hervor.
„Es ist bereits Mittag," murmelte er dann, „und ich habe noch Geschäfte in der Stadt."
„O, dann berauben Sie sich nicht länger Ihrer kostbaren Zeit einer simpeln, uninteressanten Kleinstädterin willen," rief Dora ironisch. „Adieu, mein Herr!"
Die junge Dame machte eine graziöse Verbeugung und eilte den Haideweg hinunter. Leonhard blickte ihr sinnend nach,


