„Nicht träumen sollt Ihr Euer Leben, Erleben sollt Ihr, was Ihr träumt!" —
„Wenn ich aber die Unmöglichkeit einsehe, meine Träume zu erleben?"
„Dann lasien Sie das Träumen besser sein, suchen Sie sich lieber auszusöhnen mit unserem, von Ihnen so verachteten Jahrhundert. Leben Sie, und genießen Sie Ihre Jugend, das schöne Leben voll und ganz, es ist beides so kurz!"
Dora machte einen ironischen Km'x und sagte spöttisch:
„Ich danke für Ihre weisen Rathschläge, Herr Assessor, und werde sie zu beherzigen suchen."
Einen Moment ruhte beim Abschiede ihre Hand in der seinen, dann schloß sich die Thür des alten Kausmannshauser, und Born stand allein auf dem mondbeschienenen Marktplatz.
Die Thurmuhr verkündete die letzte Stunde de« Tages. Der Nachtwächter der Kleinstadt ließ sein melodisches Horn ertönen, dann war es wieder still um den Assessor herum, nur der alte Brunnen auf dem Marktplatze rauschte leise, träumerisch. Der junge Mann lehnte sich an das Gemäuer desselben und sah hinauf nach Doras Zimmer, in welchem jetzt ein Licht aufflammte.
„Wäre sie weniger reich, es wäre besser für sie," murmelte er. „All diese Launen, diese seltsamen Einsälle sind eine Folge ihres großen Reichthums. Wäre sie arm, und der Mann, der sie liebte, dürfte ihr all die Schätze in den Schooß werfen, womit das launige Schicksal sie überschüttet, dann könnte sich vielleicht dieser spröde, herbe Charakter noch zu einem sanften hingebenden gestalten; so jedoch verlangt sie in ihrem Uebermuth absonderliche Dinge, heroische Thaten von uns Männern, fabelt von Menschengröße hier in diesem kleinen Neste, wo der größte Theil der Einwohner im Einerlei des gewöhnlichen Alltagslebens sein Dasein verbringt. Allerdings sie — Dora macht eine Ausnahme, da ist Alles Ursprünglichkeit — Natur — Leben — und darum — darum schätze ich sie mehr als alle Anderen. O, Dora, könnt ich Dich bekehren!"
Alle Lichter in den Häusern und auf den Straßen waren jetzt erloschen, und Born schritt langsam seiner Wohnung zu.
Dora Schmidt war seit ihrer Kindheit verwaist und Erbin eines großen Vermögens. Sie lebte seit dem Tode ihrer Eltern im Hause ihres Onkels, einem alten reichen Kaufmannshause. Niemand trat hier ihren Launen entgegen, da Alle im Hause der Macht des Goldes, welches Dora, die reiche Erbin, in Hülle und Fülle besaß, huldigten.
Das junge Mädchen hatte sich einige Zimmer int obersten Stocke ganz nach ihrem Geschmack eingerichtet und die alter* thümltchen Möbel, die hochlehnigen Stühle, die zierlichen Tischchen mit geschweiften Beinen, die kunstvoll ausgelegten Schränke paßten sehr gut zu den Gemächern mit den tiefen gewölbten Fensternischen, den geschnitzten eichenen Thüren. Alle die alten Möbel waren echt und nicht jener Mode vergangener Zeiten nachgebildet, wie man es heutzutage liebt. Dora war reich genug, dieser ihrer Neigung für echte Möbel aus alter Zeit freien Spielraum zu lassen und hatte für manches Stück ihrer Einrichtung große Summen ausgegeben.
Die Maiensonne warf ihr goldenes Licht in das Zimmer, dessen Bewohnerin soeben ihre Toilette beendet. Weich und duftig schmiegte sich das mattrosafarbene Sommerkleid um die schlanke, zierliche Gestalt Doras, und wenn auch die Züge ihres jugendlichen Antlitzes durchaus nicht schön zu nennen waren, die unbewußte, echt jungfräuliche Anmuth, die über ihrer ganzen Erscheinung lag, machte Dora doch ungemein anziehend und angenehm in allen Kreisen, in welchen sie verkehrte-
Dora Schmidt blickte im Uebrigen klar in die Welt hinein Sie wußte sehr genau, daß sie nicht schön war und war fest davon überzeugt, daß all' die Huldigungen, die ihr zu Theil wurden, nur ihrem Reichthum galten- Mit Bangen fast erfüllte sie daher der Gedanke, daß auch ihr Herz dereinst der Liebe verfallen könne. — Was sollte sie dann thun? Würden nicht gerade dann die quälendsten Zweifel sich ihrer bemäch
tigen? Ach, waren es nicht schon derartige Zweifel, welche heute ihre reine Stirn beschatteten, und ihre braunen Augen so ernst und sinnend blicken, ließen?
„Ich muß in die frische Lust, es ist so schwül hier in den Zimmern!" rief sie jetzt und griff nach ihrem Hut, dann eilte sie die vielfach gewundene Wendeltreppe hinunter und hinaus auf die stille Straße, dem Thore der Stadt zu.
Die Umgebung der Stadt hatte für ein leidenschaftlich verwöhntes Auge nur geringe Reize, doch für Dora besaß sie den ganzen Zauber der Heimath. An den Ufern des blauen Flusses, wo die alten Weidenbäume standen, war sie als Kind an der Hand ihrer verstorbenen.Mutter so ost gewandert bis hinaus auf die Haide, wo die Haidesöhre, die Günsterbüsche und die rothe Erica wuchsen. Ach, nirgends war es so märchenhaft still wie hier. Auch heute schlug Dora den Weg dahin ein; dort unter einer verkrüppelten Kiefer lag ein altersgrauer Stein, das war ihr Ruheplatz.
Rings um sie herum lag das sonnige Haideland, die Grillen zirpten und kleine, blaue Schmetterlinge flatterten lustig um die spärlich wachsenden Blumen und Gräser. Sinnend folgten die Blicke des jungen Mädchens den Schmetterlingen.
„Es ist etwas Herrliches um solche goldene Freiheit," sagte sie leise, „und ich gebe sie nicht dahin, mögen der Onkel und die Tante sagen, was sie wollen."
Diese Worte Doras bezogen sich auf eine Unterredung, welche sie heute Morgen beim Frühstück mit ihren Verwandten gehabt. Vor einigen Tagen hatte ein junger Rittergutsbesitzer aus einem benachbarten Dorfe um ihre Hand angehalteu. Ein wohlhabender, hübscher und auch gebildeter Mann, an dem nichts auszusetzen war, wie Onkel und Tante erklärt hatten. Trotzdem hatte sich Dora nicht entschließen können, ihr Jaw geben und hatte, da sie keinen Ausweg weiter gewußt, scy... lich um einige Tage Bedenkzeit gebeten. Diese Frist war nun um und am Morgen hatte man dringend eine Erklärung von ihr verlangt, da Herr Leonhard, so hieß der Freier, seinen Besuch für diesen Tag angekündigt. Dora hatte weder Ja noch Nein gesagt und war schließlich in ihr Zimmer entwischt, um Toilette zu machen; und dann war sie hinausgelaufen auf die einsame Haide und sah voll kindlichem Neid auf die Schmetterlinge, deren Freiheit hier Niemand nachstellte. Mancherlei Pläne durchkreuzten dabei ihr Hirn, wie sie sich wohl schließlich aus dieser Calamität ziehen könne- Sollte sie den Tag über hier draußen bleiben? Noch tiefer hineinlaufen in die Haide, sich dort versteckt halten? Das wäre feige und kindisch und ihr Character neigte ja auch mehr zum entschlossenen Handeln, als zum ergebenen Dulden.
Wenn sie links von dem Haideweg abbog, kam sie nach der Chaussee, welche der Freiersmann auf seinem Wege nach der Stadt passiren mußte und es war vielleicht da« Klügste, sie ging ihm entgegen und theilte ihm in schonenden Worten mit, daß sie seine Frau nicht werden könnte, weil — ja warum nicht! Er würde natürlich ihre Gründe hören wollen: und es waren auch welche vorhanden, ganz gewiß, aber sie waren tief, tief in dem Herzen verborgen, — wie etwa« Heilige«, Unberührte« ruhten sie dort und scheuten noch den Gedanken, das Wort.
Die junge Dame zog jetzt ihre zierliche Uhr hervor und dann schlug sie, ohne sich länger zu besinnen, den Weg nach der Chaussee ein, da die Stunde nahe herangerückt mar, zu welcher Herr Leonhard seinen Besuch angekündigt hatte. Heiß lag die Mittagssonne auf der Landstraße und die Wagen und Pferde, welche die Straße passirten, wirbelten undurchdringliche Staubwolken auf. Jetzt näherte sich ein eleganter Einspänner und Dora erkannte darin den Insassen, Herrn Leonhard, der mit sicherer Hand seinen Rappen lenkte. Die Situation erschien ihr jetzt doch etwas bedenklich. Herr Leonhard hatte sie bereits erkannt. „Fräulein Dora! Welches Glück!" rief er, und zeigte dabei ein paar Reihen blendend weißer Zähne. „Darf ich mir dies Zusammentreffen zu meinen Gunsten auslegen?"
„Keineswegs, mein Herr!" rief Dora, sehr erregt über diese Vermuthung, daß sie einem Freier bi« nach der Land-


