1894

Uirtevhaltrrngsblatt zrrin Gießenev Anzeigev (Geirerml-Anzeigev)

Donnerstag, den 4. Januar.

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Bekehrt.

'Novelle von F. S t ö ck e r t.

(Nachdruck verboten.)

ich glaube in Bezug aus die Frauen an keinen Herois- r Männer mehr! Die Liebe wenigstens begeistert nicht inzigen Mann mehr zu großen Thaten, wie zu den der Ritter und Minnesänger!"

Die junge Dame, die diesen großen Ausspruch gethan, lehnte sich nachlässig in ihren Stuhl zurück, und blickte zu der Sternenpracht des nächtlichen Himmels hinauf. Drüben am Waldesrand glitzerte der blaue Strom, und an seinen Ufern webten und wogten geisterhaft die Schatten der Nacht, einer wonnigen Maiennacht, welche die kleine Gesellschaft in dem Vergnügungslocal heute länger als gewöhnlich draußen fesselte.

Ein harter Ausspruch, Fräulein Dora," nahm jetzt der Assessor Born das Wort.Sie sind noch so jung und haben schon den Glauben verloren an Menschengröß'e und edle Männerliebe!"

Ich habe ihn noch nie gehabt, Herr Assessor! Glauben Sie,a nicht, daß dieser Ausspruch eine Folge bitterer Ent­täuschungen meinerseits ist. Nein, mit kaltem Blute habe ich Welt und Menschen beobachtet und bin zu dieser Ueberzeugung gekommen. Ich will nicht behaupten, daß ein Mann nicht zu lieben vermöchte; er kann seiner Liebe nur keine Opfer bringen, weil er sein liebes Ich stets in den Vordergrund stellt. Haben Sie Gertrud Bauer gekannt?"

Nur flüchtig."

Sie war meine beste Freundin, und in meinen Augen das reizendste, liebenswertheste Geschöpf."

Und es fand sich Niemand von uns gefühllosen Bar- baren, der sie geliebt hätte?"

O doch, Gertrud wurde leidenschaftlich geliebt, aber nun es war eben ein Mann!" fügte die junge Dame mit so verächtlich komischer Miene hinzu, daß Alles lackte. Nur Dora blieb ernst und fuhr erregt fort:Er vermochte seiner Liebe keine Opfer zu bringen; Gertrud war arm, folglich konnte er sie nach seiner Ansicht nicht heiratben. Er sprach stch offen mit ihr darüber aus, ließ Gertrud sitzen und führte bald darauf ein reiches Mädchen heim. Gertrud ist Lehrerin geworden, in irgend einem öden Winkel Weflpreußens ver­trauert sie ihre Jugend, während ihr ehemaliger Verehrer herrlich und in Freuden vom Reichthum seiner Frau lebt."

Und nach diesem Einen beurtheilen Sie alle Männer?" fragte Born ernst.

O, er -steht nicht vereinzelt da, unter Hunderten würde vielleicht erst Einer einmal anders handeln!"

Nun, dann will ich wünschen, daß dieser Eine Ihnen begegnet!" rief lachend eine erst kürzlich verheiratete junge Frau. Ihre strahlenden Augen blickten zu dem Gatten herüber. !Hoffentlich zählst Du auch zu diesen Ausnahmemännern," scherzte sie.

-Wir gehören Alle dazu, gnädige Frau!" rief ein alter jovialer Herr, Doras Onkel;und ich denke, meine kleine launenhafte Nichte wird sich mit der Zeit auch zu einer an­dern, bessern Ansicht über uns bekehren."

Schwerlich," sagte Dora und warf das Köpfchen zurück. Die Zeit ist flach und die Menschen auch."

Die Männer wollen Sie sagen," warf Assessor Born ein.

Nein, auch wir leiden unter dieser Flachheit, eine große Frauennatur findet sich wohl eben so selten."

Nun, warum werden wir armen Adamssöhne dann so hart von Dir verurtheilt, wenn Deiner Ansicht nach Alles flach ist?" fragte lächelnd Herr Schmidt, Doras Onkel.

Es läßt sich übrigens noch ganz gemüthlich leben in dieser Flachheit und ohne Menschengröße. Ein Hoch auf unsere gemüthlicheflache Zeit!"

Die Gläser klangen zusammen, dann erhob man sich und ging langsam der Stadt zu.

Der Mond war jetzt aufgegangen, und in seinem geister­haften Licht hatten die Straßen mit ihren alten Giebelhäusern ein ganz mittelalterliches, romantisches Ansehn.

Es ist, als müßte eine Laute erklingen, und ein Minne­sänger mit malerisch übergeworfenem Mantel dort aus der Mauernische hervortreten, und von dem Balkon hier irgend ein schönes Bürgerkind in altdeutscher Tracht sich zu ihm herabbeugen," meinte Dora, indem ihr Blick geringschätzig den Assessor Born streifte, der in seinem modernen Sommerkostüm freilich in keiner Weise einem Minnesänger ähnelte.

Ja, die Minnesänger sind ausgestorben, Fräulein Dora," rief dieser lachend.Ich würde mich auch, wenn ich in jenen gepriesenen Zeiten gelebt hätte, nicht dazu geeignet haben, da mir Mutter Natur eine Singstimme gänzlich versagt hat. Als Minnesänger würde ich die Liebe eines schönen Bürgerkindes schwerlich gewinnen können."

Spotten Sie nur!" rief Dora,ich schwärme doch für jene alten Zeiten, und wenn ich oben in meinem Erker sitze und durch die runden Fensterscheiben blicke, dann träume ich mich oft in diese vergangenen Jahrhunderte, in das roman­tische, heldenhafte Mittelalter zurück."

Und vergessen die Gegenwart darüber. Wissen Sie nicht, daß es in einer unserer Lieblinzsdichtungen heißt: