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ordnete der Hof- und Leibmedicus, daß die landgräfliche Herr« chaft nach dem warm und geschützt liegenden Homburg über« ledeln und fleißig die Bäder gebrauchen solle. Da die Land« zräfin, welche am 24. April eines Töchterleins genesen >es neunten Kindes sich gesund und stark fühlte, zog die Herrschaft um den 12. Mai nach Homburg über.

Der alte Seligmann saß immer noch im Gefängnifie und wartete auf die Entscheidung des Reichsgerichtes zu Speier. Vor seiner Abreise befahl der Landgraf, daß Seligmann un» verzüglich in Freiheit gesetzt werden müsse, wenn das Urthett des Reichskammergerichts günstig für den Beklagten lauten würde.

Wenige Tage nach Abreise der Herrschaft traf das Urtheil aus Speier ein; es bestätigte das Bingenheimer Urtheil in allen Theilen, wie wir schon früher mitgetheilt haben. Selig« mann wurde am 17. Mai 1660 auf dem Scheiterhaufen verbrannt.

Run standen die Gefängnisse leer. Verbittert und ver« ärgert ging der Commissarius Caspari umher. Nichts konnte ihm recht gemacht werden, weder im Dienste noch in der Familie. Das Essen und Trinken schmeckte ihm nicht, die Arbeiten waren ihm eine Last und eine Plage. Geselligkeit war ihm ein Greuel. Ehemals kam er mit Hofprediger Meles und seiner Gattin öfter zusammen, als der Seelsorger aber wegen des Rentmeisters direct zu der Herrschaft fuhr und an höchster Stelle Einspruch erhob, haßte der Commissarius den Hofprediger und zog sich ganz von ihm zurück.

Im Juni kam eine Cabinetsverfügung des Landgrafen, worin bestiinmt wurde, daß die Acht gegen den ehemaligen Rentmeister Bardenstein und seine Frau Sibille Margarethe, eine geborene König, aufgehoben sei. Die Nachricht erregte große, allgemeine Freude. Justine eilte, sobald es ihr mög­lich, nach der Ronneburg, um selbst die wichtige Mittheilung zu überbringen.

Als das treffliche Mädchen die Wendeltreppe der Ronne­burg hinaufstieg, hörte sie von ferne schon gewaltige, aber un­gefügige Töne, welche eine Art Gesang vorstellen sollten. Er war der alte Burggraf, der diese herz- und ohrzerretßende Weise anstimmte. Der Alte hatte den kleinen Justus auf den Armen und lullte den Knaben mit diesen ungefügigen Tönen in den Schlaf. Der Kleine war bereits so an diese verven­erschütternde Musik gewöhnt, daß er nicht einschlief, wenn ihm nicht kräftig vorgesungen wurde. Justine öffnete den kleinen Saal, in welchem der singende Alte auf- und abschritt, und schlüpfte leise hinein. Der Burggraf, als er die liebe kleine Gestalt urplötzlich vor sich stehen sah, brach in ein so mächtiges Lachen, Rufen und Schelten aus, daß der Knabe, schon halb eingeschlafen, wieder aufwachte und aus Leibeskräften mitschrie. Darob stürzte nun Sibille herbei, welche ihrer Freude eben­falls lebhaften Ausdruck gab und zuletzt erschien der Vice­burggraf Bardenstein, dem es gerade so erging, wie den Uebrigen.

Daß die guten Menschen glückliche Stunden zusammen verlebten, bedarf keiner Schilderung. Die Nachricht über die Beseitigung der Acht erregte hohe Befriedigung. Mit tiefer Trauer gedachte man der schmählich gemordeten alten Groß­mutter Beilstein und beklagte schmerzlich, daß es ihr die sie so nahe der schirmenden Ronneburg gekommen war nicht gelang, das rettende Asyl zu erreichen.

Mehrere Tage vergingen den Freunden in Glück und Freude.

Du verdirbst mir den Jungen viel schlimmer als ich!" rief der alte Burggraf einmal, als Justine das Knäblein fein und geschickt ankleidete und Herumtrug.Glaubst Du, der Bursche dürfe mir ein zarter Weiberknecht oder feiner Zier­bengel werden?" L

Ihr geht ja auch gar weich und milde mit dem Bub- letn um," antwortete Justine,sonst würde das zarte Wesen schreien vor Schmerz, nicht wahr? Ihr meint nur, weil Ihr so gewaltig singt und brüllt, wäre Euer Anfassen härttr.'

Das meine ich allerdings, Justine; denn wenn ich Dich so flink Herumfingern sehe, ist mir, als müsse sich dasBürsch-

wine niemals leiden können und hat mir einen Tort angethan, wo sie vermochte. Zum dritten hat ihr die Schultheißin in meiner Gegenwart die Geschichte mit den verloren gegangenen sünsundzwanzig Thalern gesagt und das wird sie schon aus­beuten. Zum vierten, fünften, sechsten, siebenten ist es sehr gut, wenn sie sich etwas abkühlt und die Heirathshitze mäßigt, gleich einer brütelustigen Henne. Also bleibe ich weg, renne mich in keine Ungelegenheiten und überlasse es Malwinchen, vom Eise zu stelzen, wie es kann und mag."

Jungfrau Malwine war inzwischen doch auf die Beine gekommen; sie hatte sich etwas vorwärts gearbeitet, wo kein Eis war und auf einer solchen Stelle gelang das Ausstehen. Ihre kritische Lage war auch aus anderen Häusern bemerkt worden, die Leute brachten aber aus ähnlichen Gründen keine Hülfe, wie sie sich Heinz der Postläufer ausgedacht hatte.

Voller Gift und Galle eilte die Jungfrau nach Hause und schwur dem Henker Rache. Mehrere Tage war ihr der Appetit vergangen; er stellte sich aber dann um so kräftiger ein, so daß das Versäumte bald wieder nachgeholt war.

Wer den Schaden hat, braucht für den Spott nicht zu sorgen," sprach Schirrmeister Hans Metz, als der Fall beim Abendschoppen besprochen wurde.

Die Liebeshitze bei Malwinchen soll so abgekühlt sein," bemerkte Mundkoch Philipp Arnold, der die dicke Jungfrau absolut nicht leiden konnte,daß sie erklärt habe: sie wolle ihr Lebtag nicht heirathen, selbst wenn zehn Männer auf den Knieen um sie anhalten würden."

Zehn auf einmal wären zu viel," antwortete Hof­bierbrauer Böring,aber mit einem einzigen möchte ich es nicht wagen. Ich wette zehn gegen eins, daß sie einen nimmt, wenn er nur Halbwegs annehmbar ist."

Das ist auch die Ansicht der Durchlauchtigen Frau Land« gräfinl" bemerkte der Küchenschreiber Anton König.--

Meister Zacharias war mit seiner Arbeit fertig; die Strohgebunde saßen so um das Hochgericht herum, daß ste einen kegelförmigen Haufen bildeten. Commissarius Caspari, welcher acht Tage lang nicht ausgegangen, kam vom Schlosse her über den Rathhausplatz geschritten. An den Henker und seine Arbeit hatte er nicht mehr gedacht.

Haben wir unsere Sache nicht gut gemacht, gestrenger Herr?" fragte Meister Zacharias, welcher sich in ehrerbietiger Entfernung hielt, dem aber noch der Schelm wegen Malwin- chens Fall im Nacken saß.

Caspari sah nach dem Strohhaufen, gab aber keine Antwort.

Seht nur, gestrenger Herr, wie sich das Ding gut aus­nimmt," fuhr der Henker fort;man meint, es wäre ein riesiger Ameisenhaufen und die Eisnadeln, welche darüber riefeln, wären die fleißigen Thierlein. Es ist etwas Schönes um einen großen Ameisenhaufen."

Der Commissarius schüttelte sich, würdigte den Henker keines Blickes und ging eine andere Richtung, als es seine Absicht war.

Tags darauf erschien der Büttel mit zwei Soldaten bei Meister Zacharias, um ihn wegen ungebührlichen Betragens gegen den Herrn Commissarius und Jungfrau Malwine auf acht Tage bei Wasser und Brod einzusperren. Als die acht Tage um waren, sah Meister Zacharias sehr schlotterig aus, denn acht Tage Wasser und Brod bei einer grimmigen Kälte verderben Laune und Humor in aller Wegen.

Achtzehntes und letztes Kapitel.

Langsam zog der Frühling des Jahres 1660 heran, wochenlang dauerte der Kampf in der Natur, bis endlich zu Anfang Mai die liebe Sonne über rauhen Wind und frostiges Wetter siegte.

Viele Wochen hatte der Landgraf mit einer schweren Krankheit, die man heute mit Schleimfieber oder Typhus be­zeichnen würde, zu kämpfen gehabt. Seine starke, gesunde Natur überwand die Krankheit, aber eine große Schwäche blieb zurück und ein Theil seines schönen Haupthaares fiel aus. Als es nun mild und lieblich in der Natur geworden, ver-