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nicht irre machen. , t ,

Sagt mir/' sprach er ernst,wie das berühmte Werk

von Friedrich Spee: Cautio criminalis, mit dem ich seit Wochen mich beschäftige, erfaßt und verstanden werden soll? Spee ist der Nachkomme eines altadeligen Geschlechtes Derer von Langenfeld, ein hochgelahrter Herr und katholischer Theo- logus. Ihm wurde das Haupt grau vor den Jahren, roett er die Ueberzeugung bekam, daß die vielen Hexen, die er als deren Seelsorger und Beichtvater auf ihrem letzten Gange zum Blutgerüste begleiten mußte, unschuldig hingemordet wurden? '

Euer Durchlaucht wollen gnädigst gestatten," erwiderte Caspari,ehrerbietigst zu bemerken, daß gerade Spee in seiner ersten Frage der Cautio criminalis, welche lautet: Ob auch in Wahrheit Zauberer, Hexen und Unholde seien? die Ant­wort gibt: Ja und daß dasselbig von Niemanden ohne Leichtfertigkeit und groben Unverstand geleugnet werden könne." Mit Geschicklichkeit und juristischer Spitzfindigkeit gelang es

Caspari, da die beiden anderen Beamten mithalfen, die Be- denken des Fürsten zu beseitigen.

Nehmen wir an," sprach der Landgraf,Ihr hättet Recht; wie steht es aber mit der Verantwortung vor Gott und dem Gewiffen? Hier in der neunten Frage Paragraph sechs des Spee'schen Werkes stehet geschrieben: Ich weiß wohl, daß in diesem Wesen auch einige Unschuldige mit unter aufen; aber deshalben mache ich mir kein Gewiffen, sintemal mein Fürst, der doch ein sehr vorstchtiger, gewissenhafter Herr ist, mich treibt, daß ich in diesem Lande fortfahren solle; der wird wohl wiffen und sein Gewiffen dabei in Acht nehmen, was er befiehlt; mir gebührt, daß ich demselbigen nachkomme. Ist das nicht (Gott erbarm'« I) eine lustige Sache? Fürsten und Herren legen alle Sorgen von sich ab und hängen die­selben auf ihre Amtleute und Räthe und deroselben Conscienz und Gewiffen; diese thun dergleichen und werfen's auf ihrer Herren Gewiffen! Der Fürst sagt: Unsere Räthe mögen sehen, was sie zu thun haben; die Räthe sagen: Der Fürst möge I sehen, daß er's verantworte. Ist das nicht ein schöner Circui? Welcher aber wird vor Gott verantworten müffen? Dann weil es Jener sehen soll und Dieser soll's sehen, geschieht'-, daß es Niemand siehet oder achtet." Nachdem der Landgrrf dies vorgelesen, erhob er sich, ging einigemal tnt Gemache auf und ab und sprach:Niemals werde ich mein Gewiffen mit dem schrecklichen Gedanken belasten, daß ich meine Zustimmung zu der Hinrichtung eines Menschen gegeben, deffen Unschuld sich nachträglich herausstellt." . u

INiemals, Durchlaucht!" antwortete Caspari mit Warme; die gerechteste und sorgfältigste Prüfung muß bei jedem ein-

I zelnen Falle stattfinden und nur dann darf gestraft werden, wenn vollständige Beweise und unanfechtbare Zeugen vorhanden sind. Die Ausführungen des Spee sind darneben nicht von

I Werth, für uns gilt Benedict Carpzov, der Sohn des aus- gezeichneten Juristen, Kanzlers und Appellationsrathes zu Dresden, gestorben 1624. Der Sohn Benedict Carpzov über­ragt den trefflichen Vater noch um Haupteslänge. Er hat am Schöppenstuhle zu Leipzig, am Oberhofgerichte daselbst, als

I Hofrath zu Dresden und als Profeffor der Rechtsgelahrtheit in Leipzig die herrlichsten Werke verfaßt; seine practica rerum criminalia gelten als das Beste unter allen ähnlichen

I Werken und er ist unbestritten der größte Jurist unseres Jahr­hunderts. Was eine solche Autorität sagt und thut, dürfen wir glauben und annehmen." , n

So gebe ich denn mit schwerem Herzen meine Zustim- mung," sprach der Landgraf nach längerer Pause und nut einem tiefen Seufzer,daß eine Untersuchung gegen den Schweinehirten von Biffes und seinen Sohn eröffnet werden darf. Ich mache zur Bedingung, daß nur auf Grund von I Thatsachen und mit großer Milde und Menschlichkeit verhan­delt werden soll, denn Milde und Herzensgüte werden seit I Jahrhunderten im hessischen Fürstenhause geübt. Ich befehle, daß Erkundigungen in der Umgegend über die beiden Bezich- I tuten eingezogen werden, bevor sie selbst zur Haft kommen I dürfen. Fallen die Erkundigungen nicht ungünstig aus, soll , I man die Leute in Ruhe laffen. Gehabt Euch wohl, Ihr

Herren, die Sitzung ist aufgehoben."

Mit tiefen Bücklingen entfernten sich die Beamten. Der Rentmeister und der Kanzleirath, welche dem Justiz-Commiffarms als einem Eindringling und jüngeren Emporkömmling wenig günstig gesinnt waren, empfahlen sich bei ihrem Vorgesetzten und gingen zusammen ihren Wohnungen zu, welche nahe bei

heimlichen, sündhaften Handlungen find, können wir um so weniger bestreiten, als ja die gräuliche Verwüstung unseres armen Vaterlandes, welche» au» tausend »no hunderttausend Wunden annoch blutet, beredtes Zeugniß ablegt, lieber solche I Fremden, Landstreicher, Zigeuner und Gesindel jeher Art werde I ich mit dem Justizcommiffarius Caspari berathen und ihm gemeffene Befehle ertheilen, daß er strenge gegen diesen Ab- schäum der Menschheit einschreitet. Ich will nicht, daß mein I Land und Volk, welche» ansängt, sich von den schweren Schick- salsschlägen zu erholen, durch Tagdtebe und Vagabunden be- 1 lästigt und ausgesogen wird." _ t L .

Vergesset auch nicht, mein Herr Gemahl, daß der Schweine- I Hirt von Bisse» ein Ausländer und hergelaufener Mensch ist, der im übelsten Rufe stehet, der die Leute mit allerhand Zauber­sprüchen und Tränklein behandelt. Von dem Augenblicke an, wo dieser Mann unser verblichene» Kindlein ansah und an- I redete, ging es rückwärts mit ihm, bis es den Geist aufgab.

Der Landgraf schüttelte den Kops zu diesen Worten der I geliebten Gemahlin, wodurch diese nur noch eifriger wurde.

Was meine Augen sehen, glaubt mein Herz, sagen die I Wärterinnen," bemerkte Sophie Eleonore weiter. «Fraget doch einmal selbst die Beiden, welche genau und übereinstim­mend die Begegnung mit dem Schweinehirten undffeinem Sohne I erzählen. Zwischen Himmel und Erde gibt es Dinge, welche I wir uns nicht erklären können, wie Euer Liebden vorhin selbst sagten. Da» tiefschmerzliche Ereigniß in unserem Hause scheint de» Unerklärlichen viel in sich zu bergen."

Bei diesen Worten rannen der Landgräfin die Thränen über die zarten Wangen, was den Fürsten tief ergriff.Wollet Euch trösten, liebwertheste Gattin," sprach er weich und Herz- lich,ich werde Eurem Wunsche Folge leisten.

Wochenlang kämpften die widersprechendsten Gefühle tm Inneren des Fürsten. Die Greuel, welche durch die Hexen- prozeffe in allen civilisirten Ländern Europas verübt wurden, waren offenkundig; auf der anderen Seite glaubten alle Men­schen: Gelehrte und Laien, Juristen und Theologen, Staats­männer und Heerführer, Bauern und Handwerker an die un­natürlichen Kräfte und die verderblichen Einflüffe der Hexen und Zauberer: also war er Pflicht, sie auszurotten. Was ist das Richtige? fragte sich der Landgraf: Die Vernichtung von Menschenleben, von denen vielleicht die meisten ganz unschuldig waren? Oder den Hexen und Zauberern mit ihren bösen Thaten freien Lauf zu laffen? Der Fürst befahl den Justiz- commiffarius Caspari zum Vortrag, welcher bat, daß in dieser hochwichtigen Sache auch der Canzleirath Holthäuser und der Rentmeister Leisching zu einem Conseil unter dem Vorsitze des Fürsten berufen werden möchten- Die» geschah; Caspari hatte eine große Anzahl gelehrter Werke, von Juristen und Theologen lutherischer, reformirter und katholischer Confession der dama­ligen Zeit verfaßt, päpstliche Bullen, fürstliche Decrete und Verordnungen herbeigeschafft und wies daraus in überzeugend­ster Weise nach, daß es Hexen gäbe und daß es Pfl cht der Fürsten und ihrer Behörden sei, diese Scheusaln mit Feuer und Schwert zu vertilgen. Der Kanzleirath und der Rent- meister stimmten eifrig bei, aber der Landgraf ließ sich dadurch

einander lagen.

Meint Ihr nicht," flüsterte der Rentmeister, als sie einige hundert Schritte entfernt waren,daß der hochmögende, gestrenge Commiffarius- mit den Folter« und Marterwerkzeugen Alles beweist, was er will?" .

Selbstverständlich!" erwiderte der Kanzleirath.Die Tortur leistet Alles, was man von ihr verlangt. Besonders ist sie gut dazu, aus einem unschuldigen Menschen einen scheuß­lichen Verbrecher zu machen. Ein reiner, unschuldiger ME, der kein Verbrechen begangen hat, kann nichts gestehen. Man legt ihn aus die Folter, man schraubt ihm Arme und Beine