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1894.
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DonnerstsZ, den 3. Mai.
Die Hexe von Bingenheim.
Von Gg. Schäfer.
(Fortsetzung.)
Da ging ein unheimlich Gerücht umher im Lande, erst leise und nur unter vier Augen, bald aber lauter und deutlicher. Das Prtnzlein ist keines natürlichen Todes verblichen, hieß es, sondern Hexen und Zauberer haben ihm durch ihre Künste vergeben und es vom Leben zum Tode gebracht. Gar schreckliche Krämpfe soll es gehabt und fürchterlich die Aeug- lein verdreht haben, bevor es starb.
Diese Gerüchte drangen am ersten durch die Dienerinnen zur Frau Landgräfin, denn das weibliche Personal an Höfen und anderswo weiß gar schnell alle Neuigkeiten, Heimlichkeiten und Unheimlichkeiten aufzuspüren und weiter zu leiten. Der Glaube an Hexen, Zauberer und Unholde, an deren übernatürliche Kräfte und Fähigkeiten, an die schrecklichen Thaten der Teufels, welcher mit schlechten Menschen Bündnisse ab- schlöfle, um andere Menschen zu quälen und zu verderben, Vieh sterben zu laffen, Ungeziefer und übele Witterung zu erzeugen, auf daß es den Menschen elendiglich erginge: dieser schreckliche Aberglaube war vor 250 Jahren, besonders nach dem 30jährigen Kriege, allgemein unter allen Ständen verbreitet und hat die fürchterlichsten Früchte gezeitigt.
„Mein Gemahl!" sprach Sophie Eleonore mehrere Monate nach Ableben des Prinzleins zu dem Landgrafen, „es geht die schreckliche Sage, daß unser Söhnlein keines natürlichen Todes verstorben, sondern durch böse Menschen, Hexen, höllische Geister und Zauberer seines Lebens beraubt worden sei. Gar wohl weiß ich, daß Ihr einen hohen, aufgeklärten Geist besttzet, nichts von solchen Dingen hören möget und ste in das Reich der Fabeln und Phantasmagorieen verweiset. Doch die Gerüchte treten mit solcher Bestimmtheit aus, daß ich sie nicht länger verschweigen darf, bitte darum Euer Liebden, die Sache untersuchen und dagegen einschreiten zu wollen, ehe größeres Unheil unserem Lande und Volke erwachsen mag."
„Meine vielgeliebte Gemahlin," erwiderte Wilhelm Christoph, indem er der jugend-schönen Gattin zuerst die Hand, dann die weiße Stirne und zuletzt das seidenweiche Haar zärtlich küßte, „auch mir sind dergleichen Gerüchte schon zu Ohren gekommen. Doch kann ich daran nicht glauben. Man wüihet mit Feuer und Schwert, mit Galgen und Rad im ganzen heiligen römischen Reiche deutscher Nation gegen Hexen und Zauberer. In unserem Heffenlande, insonderheit in unseren Stammlanden, den Landgrasfchaften Darmstadt und Homburg,
ist es seither ruhig geblieben, zu unsrer Ehre sei e» gesagt. Am wenigsten wird der Hesse seinem Landesvater oder dessen Kindern und Angehörigen etwas zu leide thun, denn treu ist der Hesse und — wie der Apostel sagt — kein Falsch an ihm, gerecht und fromm ist er. Anderthalb Jahrtausende in der Geschichte beweisen dies und es ist, meine liebwertheste Sophie Eleonore, unser Stolz."
Der Landgraf hatte mit Wärme und Begeisterung gesprochen und es blitzte Stolz und Freude aus seinen Augen, als er von seinem Volke und dessen trefflichen Eigenschaften und seinen Stammlanden sprach.
„O, wie freue ich mich," begann Sophie Eleonore, als der Gemahl schwieg, „daß Euer Liebden Ihr Volk und Land so lieben und hoch halten. Auch ich thue es und von Kindes- beinen an ist es uns eingepflanzet worden. In diesen herrlichen Thälern und Fluren, wo es mir allsogleich am ersten Tage gar sehr gefiel, kann man sich heimisch fühlen."
„Dank Euch für dieses Wort, liebwertheste Gemahlin. Wohl habt Ihr recht, daß es schön ist in der Wetterau und selbst in ganz Oberhessen. Ein wackerer Volksstamm wohnt in diesen Gauen, der sich vor sechszehn Jahrhunderten schon mit den Römern herumschlug und diese hatten hohen Respect vor den Chatten oder Hessen, wie ste später hießen. Tapfer, treu, bieder, einfach und genügsam sind die alten Helden gewesen, dies Erbtheil soll den Nachkommen verbleiben."
„Recht habt Ihr, mein Herr Gemahl, kein Hesse wird seinem Landesvater oder dessen Familie etwas zu leid thun. Aber wisset, es gibt auch Fremde, Ausländer und fahrendes Volk, welche die Vaterlandsliebe und Hessentreue nicht im Herzen tragen, lieber diese haben die Hexen, Zauberer und höllischen Geister einen solchen Einfluß, daß sie Böses und fürchterliche Uebelthaten gegen Menschen, Thiere, Wein und Getreide allzeit auszuüben bereit sind. Grade diese Haffen die Guten, die Hochstehenden und sogenannten Geringen. Kein Fürstengeschlecht steht so hoch, daß es nicht von Sündern und Schächern beneidet und angefeindet werden könnte. Werden nicht zuweilen die besten Menschen und erhabensten Herrscher am meisten gehaßt? Das sind teuflische Einflüsse, die wir Menschenkinder nicht genügend erklären können."
"Meine liebwertheste Gemahlin," antwortete der Landgraf und küßte der Gattin von neuem die Hand, „Ihr habt da viel Wahres gesagt. Zwischen dem Diesseits und Jenseits gibt es noch ein Etwas, das wir nicht zu fassen vermögen. Finstere Mächte scheinen Einfluß auf die Schicksale der Menschen zu gewinnen und daß Fremde, welche kein Interesse für unser Vaterland, Heimath und Familie haben, leichter bereit zu Uebelthaten, Raub, Mord und Brand, also auch zu unheilvollen


