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Male dem Gottesdienst in dem kleinen protestantischen Kirch­lein beiwohnte, das bi» auf den letzte» Platz mit Andächtigen gefüllt war. Ich ließ mich dicht an der Thür auf einen Holz- fchemel nieder, den mir der Küster freundlich überließ. Das Kirchlein war recht einfach und schmucklos, aber eine Fluth von goldenem Sonnenlicht strömte durch die hohen, buntbemal« ten Bogenfenster und wob einen Glorienschein um den Altar. Da, in demselben Moment, al» die Orgel mit brausenden Accorden den Kirchengesang intonirte, trat noch ein junges Mädchen in das Gotteshaus. Es war ein Anblick, der mir ewig unvergeßlich bleiben wird; mir ging mein ganzes Herz dabei auf, als die herrliche Mädchengestalt, ein Bild weib­licher Anmuth und Schönheit, mit zaghafter Schüchternheit und doch voller Hoheit langsam an mir vorüberschritt. Das weiße Kleid floß in duftigen Falten an ihr herab und eine Fülle blonder, goldig schimmernder Haare umkrauste das zarte, liebreizende Gesicht, aus dem unter dunkeln, fein gezeichneten Brauen ein Paar blaue Märchenaugen träumerisch in die Welt blickten in die harte, rauhe Welt, welche dem jungen, lieb­lichen Geschöpf nur zu bald eine Stätte voll bitterschweren Leids und trüber Erfahrungen werden sollte.

Ja, Margarethe Leonhardt war schön und sie war ganz ander», als alle die polnischen Damen, die ich bi» dahin kennen gelernt. Sie war eine Deutsche, blauäugig und blondhaarig, und weiß wie der Schnee. Sie war Loreley selbst, eine echte rheinische Mädchenblume.

Am Abend desselben Tage» lernte ich Margarethe näher kennen. Sie sang in einem Concert im Kursaal des Gesell­schaftshauses von Em», in dem sich alle Abend eine aus allen Welttheilen und allen Nationen zusammengemischte Gesellschaft von Kurgästen versammelte.

Ihr Gesang klang fremdartig in mein Ohr und doch süß und berauschend Ich hörte nur den Ton ihrer Stimme, die Worte verstand ich nicht. Aber da» schöre deutsche Lied tönte mir wie Sphärenmusik in die Seele hinein.

Nach dem Concert wurde getanzt. Ich drängte mich an die holde Fremde heran und st immelte ein paar Worte, die ebenso gut arabisch sein konnten, denn sie verstmd die polnische Sprache nicht. Sie lächelte und antwortete mir auf Fran­zösisch. Diese» und die internationale Augensprache verständigte un» rasch und gleich darauf hing sie an meinem Arm. Wir schwebten im frohen Reigentänze über das glänzende Parkett und ich preßte in einem Uebermaß von Wonne und Entzücken die reizende Mädchengestalt heiß und innig an meins hoch­klopfende Brust.

Ich tanzte den ganzen Abend mit ihr, ich bat um Blumen aus ihrem Bouquet und sie verweigerte mir meine Bitten nicht. Schon am ersten Tage liebte ich da» schöne deutsche Gretchen mit wonnigem Entzücken,' mit glühender Leidenschaft ich war jung und heißblütig und mein Herz regte sich zum ersten Male.

Und nachher ja, nachher, da sahen wir uns alle Tage. Wenn ich des Morgen« erwachte, erschien mir die Welt ein Himmelreich, denn in dieser Welt war Margarethe. Minuten und Stunden durfte ich bei ihr sein, ahr süßes Plaudern, Lachen und Singen hören, ihren blonden Kopf in meinen Hän­den halten und ihre rochen Lippen küssen. Ach, wie war da» Leben so bezaubernd schön I"

Der Graf schwieg eine Weile, sein ganzer Körper zitterte vor Aufregung. Gräsin Antonia» Wangen glühten, ihre klugen Augen waren erwartungsvoll auf ihren Gatten gerichtet. Weiter, Stanislaw," sagte sie,weiter! Ich weiß das Alles schon, ich möchte mehr wissen!"

Margarethe Leonhardt war eine Waise," fuhr er mit schwankender Stimme fort,sie stand allein da und war auf sich selbst angewiesen. Ihre Begabung für Musik war ihre Erwerbsquelle. Sie unterrichtete in Gesang und Clajüerspiel; auch in den Emser Reunions sang sie zuweilen gegen Entgelt, sie mußte sich ja ihr täglich Brod verdienen, denn sie war arm. Aber sie war auch stolz, sie erlaubte e» mir nicht, ihre Lage durch meine Mittel zu erleichtern, kaum daß sie ab und zu ein kleine» Geschenk von mir nahm, von mir, der ich Reich-

thümer zu ihlen Füßen gelegt hätte, wenn sie e» nur gewollt. Aber sie war mit meiner Liebe allein zufrieden, wie ich mit der ihrigen. An's Heirathen dachten wir Beide nicht, wir waren noch so jung; aber ich dachte auch an die Meinigen, an die Heimaih nicht mehr, nicht an den Glanz, an die Freu­den und Zerstreuungen der großen Welt. Die kleine Stadt an der dunkelgrünen Lahn war meine Welt und ich dachte nur an Margarethe.

Und wieder nsgr e» ein Zufall, der mit einem Schlage mein Leben und Lieben, mein Empfinden und Denken änderte.

In unserem Vaterlande gährte e» damals schon lange im Geheimen. Von hochfliegenden Erwartungen aufgeregt, lauerte man nur auf den Augenblick, in dem sich die Fackel der Empörung entzünden würde, um sich mit den Waffen in der Hand um die roth-weißen Fahnen zu schaaren und Gut, Blut und Leben für Polen» Freiheit einzusetzen. Und endlich war e» so weit: Der ganze polnische Adel, die Bauern und Komor« nikr nahmen voller Begeisterung an diesem verwegenen und gefahrvollen Unternehmen Theil. Freilich stand do» Leben auf dem Spiele, aber e» handelte sich um das Glück der ganzen Nation und die drohende Gefahr erfüllte Aller Herzen mit gröberem Muths und höherer Hoffnung Alles war möglich und Alles schon vollbracht.

Die Revolution von 1830 führte etwa» von dem roman­tischen Geiste früherer Zeiten mit sich, und die polnische Mar­seillaise, da» Erzeugniß der trunkenen Begeisterung eine» un­glücklichen und dem Schicksal verfallenen Volke», klang in ganz Polen wieder und rief das Volk zum blutigen Kampfe- Selbst Frauen und Mädchen blieben nicht bloße Zuschauerinnen dabei, denn sie trugen die roth-weißen Nationalfarben nicht nur auf der Brust, sondern auch im Herzen- Sogar ältere, ernste Männer, deren gereister Geist sich die ganze Aussichtslosigkeit des Unternehmen» vorstellen konnte, opferten Vermögen, feste Lebensstellung, kurz Alle», und traten voller Enthusiasmu» in da» Polenheer und Jedermann sah bereit« das Vaterland be­freit und einen Fürsten polnischer Abstammung auf dem Thron.

Was Wunder, wenn auch in meiner Seele ein Helden­gesang erklang, das Blut stürmischer in den Adern rollte und das aufgeregte Herz stärker zu klopfen begann. Die Jnsarcection übte auch auf mich volle Gewalt aus und wendete alle meine Gedanken dem Vaterlands zu. Sämmtliche Standesgenoffen nahmen bereits an dem Aufstande Theil, und war nicht auch mein Herz tapfer und voller Begeisterung und das Blut, das es erwärmte, polnisch und adelig? Sollte ich feige zurückbleiben ? Nein, das war unmöglich, meine Edelmannsehre und mein heiße», rebellisches Polenblut empörten sich dagegen. Da« schöne deutsche Mädchen und all' der wonnige Liebeszauber, der es umgab, besaß nicht mehr die Macht, mich zurückzuhalten. In diesem Augenblick hielt mich ein anderer Zauber umfangen und zog mich unaufhaltsam in die Heimaih zurück.

Und nun kam der Abschied, der traurige Abschied. Wir küßten uns mit vor Schmerz halb wahnsinnigen Herzen in einem Rausch von Jammer, Verzweiflung und Leidenschaft, wir küßten uns zum letzten Mal und bann nie wieder. Der süße, wonnige Traum von Glück und Liebe war zu Ende geträumt. Am folgenden Tage verließ ich Em» und Mar­garethe. Da» goldene Herz blieb ihr zum Andenken zurück. Unzählige Thränen, in Kummer und Schmerzen geweint, folg­ten mir nach."

Der Graf lachte kurz und hart auf. Dann fuhr er hastig fort:Wie traurig und unglücklich die Erhebung unserer Nation endete, weiß jeder Pole. Sie kostete unzählige Opfer und das Vaterland blutete ans tausend Wunden.

In dem mörderischen Kampfe bei Praga traf mich eine feindliche Kugel und ich siechte lange an meinem zerschossenen Beine dahm, doch stand ich mit Margarethe in fortwährendem Briefwechsel. In ihrem letzten Briefe vertraute sie mir ein Geheinmiß an, da» ich schon lange dunkel geahnt. Jetzt for­derten Ehre und Pflicht meine schleunige Vermählung mit dem geliebten Mädchen, da» mir Alle» geopfert. Und der Gedanke, mein Schicksal mit dem ihrigen zu verknüpfen, sie al» theure Gattin in mein Hau» zu führen und als angesehener Land-