150
Nacht. Dabei tobte ein wilder Sturm und raste mit hohlem Brausen um dar alte Herrenhaus.
„Stanislaw, soll ich Pavel zum Arzt schicken?" fragte endlich Gräfin Antonia.
Der Graf hob langsam die Wimpern. '„Weshalb?" fragte er.
„Du bist krank, Du liegst da, blaß und fiebernd, und rührst Dich nicht. Du wirst begreifen, daß ich in schrecklicher Angst um Dich bin."
„Ich bin nicht krank," erwiderte er, „nur erschüttert — erschüttert bis in's innerste Mark hinein!" Und nun richtete er sich plötzlich auf, in seinen Augen loderte ein ungewohntes Feuer. „Antonia, weißt Du noch, was ich Dir einst von Margarethe Leonhardt erzählte? Es war kurz vor unserer Vermählung. Erinnerst Du Dich noch daran oder soll ich es Dir wiederholen?"
„Wozu — ich habe e» nicht vergeflen. Und warum willst Du noch einmal an alten, längst vernarbten Wunden rühren! ' Um Gräfin Antonias schöngeschwungene Lippen schwebte ein bitteres Lächeln und ihre Stimme klang ungeduldig, fast rauh.
„Und dennoch muß ich noch einmal darüber sprechen; ich kann nicht anders, Antonia. Zwanzig Jahre habe ich Ruhe gehabt, zwanzig lange Jahre. Aber nun lebt Alles wieder in mir auf, verklungene Saiten ertönen. Mein Lieben und Leiden, meine Schuld, meine Reue und Verzweiflung sind wieder da und was ich mit blutigen Thränen hineinsenkte in das Grab der Vergessenheit, ist auferstanden I"
Des Grafen Stimme erlosch mit einem schluchzenden Laut, er hob die Arme und rang die Hände verzweifelt gen Himmel.
„Aber Stanislaw, das ist ja reiner Wahnsinn! Nimm Dich doch zusammen und beherrsche Dich! Over bist Du doch krank?" fragte sie.
Er schüttelte heftig den Kopf. „Höre mich nur ruhig an, ich bin nicht krank und jetzt will ich Dir die Geschichte meiner Jugend erzählen, in anderer Weise wie früher. Ich habe mehr auf dem Gewissen, als Du denkst!"
Die Gräfin lächelte bitter schmerzlich vor sich hin, dann machte sie eine Geberde der Abwehr. „Laß das heute, Du bist aufgeregt, er hat Zeit bis morgen!"
„Nein, heute," rief er heftig, „heute, heute! Ja, siehe mich nur finster an, ich verdiene es schon, denn betrogen habe ich Dich und belogen, belogen viele Jahre hindurch. Verachte mich, Antonia!" — Die Stimme schlug über, er ließ ächzend das Haupt aus die Brust sinken.
„Still, Stanislaw, still!" sagte sie bedeutungsvoll. Ihr Blick fuhr erschrocken durch's Zimmer. Frau von Bielinska hatte neugierig den Kopf erhoben, während Michalina, die Feuerzange in der Hand, mit glotzenden Augen und offenem Munde herübersah.
„Was ich Dir zu beichten habe, kann Jeder hören," fuhr er lebhaft fort- „So lange habe ich mein Geheimntß bewahrt, das niemals über meine Lippen kam. Ich glaubte, daß die Zeit es sterben lassen würde. — Aber es ist anders gekommen, ganz anders. Großer Gott, was hast Du für ein Geschick über die Menschen verhängt, daß sie auf Erden vollkommenes Glück nicht kennen! Erst dann, wenn man hineinsinkt in den Tod, in das dunkle Grab, dann findet man Ruhe und Frieden!"
Schwer athmend verstummte er und preßte beide Hände vor die überfließenden Augen, als könne er damit die Bilder der Vergangenheit von sich abwehren.
Gräfin Antonia glitt jetzt rasch durch das Zimmer und fuhr die alte Köchin unwillig an. „Was stehst Du hier mit offenem Munde, gehe hinaus, gehe, sage ich Dir!"
„Na ja — aber mich plagt ganz wahrhaftig die N-ugier nicht," stotterte diese, indem sie die Feuerzange fallen ließ. Sie streifte noch einmal scheu und erschrocken des Grafen verstörtes Gesicht und trippelte hinaus. Aber die Thür schloß sie nicht fest, sie duckte sich dahinter nieder und lauschte begierig.
Der Graf schwieg noch eine Weile, dann sagte er mit seltsam vibrirender Stimme: „Das arme Weib, das hier einst elend zu Grunde ging, war Margarethe Leonhardt, ich kann
es beweisen — und die blonde Jadwiga ist ihr Kind und - das meine!"
„Ach, großer Gott, ach, heilige Mutter von Czenstochau!" stammelte ganz fassungslos die Edelfrau, indem sie sich heftia bekreuzigte.
Und nun ertönte auch ein lautes Klirren. Die Gräfin hatte ihr Flacon zur Erde gleiten lassen, dessen Scherben auf den Dielen zerschellten. Sie schüttelte in heftiger, zorniger Verneinung den Kopf.
„Aber Stanislaw, das ist nicht wahr, das kann nicht wahr sein, — was Du redest, ist offenbarer Wahnsinn. Entweder bist Du krank oder Du lügst."
«Ich log nur einmal in meinem Leben — damals aus Feigheit. Und Du mußt es glauben, daß ich jetzt die Wahr, heit rede. Dieselbe ist ja geradezu mit den Händen zu greifen, sobald man alle Verhältnisse erwägt und mit klarem Verstände prüft. Und wenn Alles zweifelt, so täusche ich mich gewiß nicht, ich darf nur an Jadwiga denken — sie ist der Mutter wie aus den Augen geschnitten — und dann die Augen, diese wunderbaren Augen, es sind Margarethens Märchenaugen!"
„Zufall, Stanislaw, reiner Zufall! Nichts weiter, als ein merkwürdiges Spiel der Natur!"
„Es gibt dergleichen Naturspiele nicht," brauste er aus. „Jadwiga ist mein Kind, mein armes, wiedergefundenes Kind, das sagt mir mein Herz — mein fühlendes, sehendes und sprechendes Herz. Es kann kein Jrrthum sein!"
Des Grafen Stimme erstickte in einem Strom von Thrä> neu, der ihm unaufhaltsam aus den Augen brach.
Und nun herrschte wieder eine Zsit lang lautlose Stille im Zimmer. Nur das Kaminfeuer knisterte und tanzte auf- sprühend mit zuckenden Flammenzungen über den Rost. Draußen war es trotz der Morgenfrühe ganz finster geworden, denn die schwarzgrauen Schneewolken hatten sich dichter zusammengeballt und Himmel und Erde in tiefe Dämmerung gehüllt.
Bei Frau von Bielinska war der vorherige Schrecken schnell in Verwunderung und Neugier übergegangen. Sie konnte es kaum abwarten, mehr zu hören, und so sprang sie ungeduldig von ihrem Schaukelstuhle auf und lief zu dem Grafen hin.
„Jesus, dann ist die Jadwiga gar kein Landstreicherkind," rief sie. „Wer hätte das gedacht, daß es noch so mit ihr kommt? Ja, ja — nun weiß man auch, wo sie das Aparte her hat, den stolzen Blick und die vornehme Haltung, mit einem Wort, den Adel im Blut. — Aber ich möchte gern mehr er« fahren, Pan Stanislaw — so reden Sie doch, — erzählen Sie, — ach, ich sterbe vor Ungeduld!"
Gräfin Antonia hatte das kleine Schmuckstück an sich genommen und betrachtete es mit großem Interesse. „Es ist wirklich Dein Porträt, Stanislaw," sagte sie gepreßt. „Dar Herz trägt auch unser Familienwappen und unsere Initialen — und doch kann ich immer noch nicht glauben, daß die fremde Frau, die es hierher brachte, Margarethe Leonhardt war."
„Sie war es und keine Andere, es spricht Alles dafür, und wenn Du mich ruhig anhören willst, werden Deine Zweifel bald schwinden." Und nun sprach der Graf hastig weiter, in geflügelten Worten, mitunter sich überstürzend: „Das ganze Leben des Menschen ist eine Kette von Zufälligkeiten und ost ist es, al« kämen ihm dieselben zu Hülfe, um ihn in seinen Thorheiten und bösen Neigungen zu unterstützen. So war ei auch reiner Zufall, der mich veranlaßte, vor etwa zwanzig Jahren nach Deutschland zu reisen, an den Rhein, in Nassaus Bäder, Wiesbaden und Ems. Ich war damals ein junger, lebenslustiger Cavalier, der die Freuden eines sorgenlosen Daseins in vollen Zügen genoß und den die schönen Frauen meiner Heimath mehr wie billig verwöhnten, ja, mein Glück bei ihnen kam mir selbst zuweilen wunderbar vor. Trotz alledem hatte ich mein Herz noch an Keine verloren — ich pflückte keine Blume, mochte sie noch Jo schön und verlockend sein. - Und wieder war es ein Zufall, der mich mit Margarethe Leonhardt zusammenführte — nichts wie Zufall — und doch wie verhängnißvoll in seinen Folgen. An einem schonen, sonnigen Sonntagsmorgen in Ems war es, al» ich zum ersten


