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„Mutter, Mutter, was liegt daran?"
„Unglücklicher Kind! Ich habe indeß gestern an Professor Simler geschrieben. Er hält er für durchaus nöthig, daß Du in ein Nordseebad gehst und schlägt Borkum, die grüne Insel, vor; ich begleite Dich nämlich."
„SD, gute Mutter! Aber die Mittel? Wir müssen spar- sam sein!"
„Gott wird weiter helfen, wenn wir nicht auskommen I Auch von Deinem Vormund hat er geschrieben. Die Jmprägnir- Masse, welche brennbare Stoffe unverbrennbar machen soll, hat sich nicht bewährt; Pfeil hat über seine Experimente den Rest seines Vermögens eingebüßt und sehr locker gelebt, man weiß nicht, wovon er noch existirt!"
Ruth verzog ihr Gesicht schmerzlich und sagte: „Liebe Mama, laß ihn! Weißt Du, schon als Mädchen und später in der Pension lachten sie mich aus, daß ich keine Schlangen, Molche und Kröten leiden konnte, ich rechne den Herrn Vor» mund zu den menschlichen Kriechern dieser Art! — In einem Jahre bi« ich mündig und werde mich möglichst bemühen, den Namen Pfeil zu vergessen!" , , r
„Nun, er bekümmert sich ja so wie so nicht um mich und Dich!"
„Du irrst, Mama, ich wollte Dir nur den Schmerz nicht bereiten, Briese in Deine Hände zu legen, in denen er aber- malsHum meine Hand anhielt I"
„Und was thatest Du?" , „
„Ich habe ihn ein für allemal heftig abgewiesen!"
„Gott sei Dank!"
Vierzehn Tage später befanden sich Frau und Fräulein von Linden schon am Strande von Borkum, dessen Badegesell- schast bunt zusammengewürfelt war.
Die beiden Frauen hielten sich still für sich, aber auf den einsamen Spaziergängen erregte Ruths stolze Erscheinung die Ausmerksamkeit eines bleichen Badegastes, der säst täglich den Weg der Beiden kreuzte und jedesmal ehrerbietig grüßte.
Der bleiche Mann war ein reicher Kausherr aus Nürnberg, der hier die Gesundheit wiederzuerlangen suchte. Durch Zufall hatte dieser, ein Herr Breitinger, seine Privatwohnung neben den Damen erhalten; dabei hatte er des öfteren Gelegenheit gehabt, Ruths schöne Altstimme zu hören, wenn sie ihre düstergefärbten Lieder sang.
Eines Tages hatte man ein Wohllhätigkeitsconcert arran- girt; an der Spitze des Comites stand auch Herr Alexander Breitinger, der nun auch bei den Frauen erschien und um Ruths Mitwirkung in der Concertaufführung bat. Diesem Ansinnen war nicht auszuweichen, Ruth mußte den Vortrag von „Erlkönig" und „Am Meer" zusagen, wenn sie es auch nicht gern that. ,
Vergeblich hatte während dieser langen Zeit Edgar von Bach Egypten und den Orient bereist, sich das Gleichgewicht seiner Seele wiederzuerwerben. Deggenhof ließ er wie eine Perle herausputzen, unter den drei Steineichen ward ein Ruheplatz hergerichtet, an dem Edgar am liebsten weilte. Man konnte nicht sagen, daß er thatenlos das Leben verträumt hätte; er war ein tüchtiger Landwirth geworden, aber er blieb Junggeselle; das Heirathen wäre ihm verleidet, hatte er seinen Bekannten erklärt. Den Professor hatte er nur einmal wieder- gesehen, aber zum Austausch von mehr als landläufigen Redensarten war es zwischen Beiden, da fremde Leute dazwischen getreten, nicht gekommen. Diesen Sommer fand der Arzt Edgar ungewöhnlich bleich und schlug einen sechswöchentlichen Aufenthalt an der See vor.
„Meinen Sie?" fragte Edgar. „Aber wohin?" „Sagen wir Borkum!"
„Gut, also Borkum! Mir ist es ziemlich einerlei!"
So kam Edgar von Bach eben auf Borkum an, als Abends das Wohllhätigkeitsconcert stattfand. Der Kursaal war längst gesüllt, als die Badecapelle mit der Ouvertüre von Rossini» „Othello" begann. Auf diese brachte der Coneert- meister eines süddeutschen Musikinstitut» eine Violin-Phantäsie
mit Orchester von BSriot zum Vortrag, dann folgte der „Erlkönig". Edgar hatte das Alles wie im Traume an seinem Ohr vorbeiziehen lassen, jetzt folgte das Triolenstakkato in G-moll der Begleitung von „Erklönig". Dann ertönte e» klar und melodisch: „Wer reitet so spät durch Nacht und Wind?"
Bei den ersten Tönen der Lieder sprang Edgar auf: dar war ihre Stimme! Aber schon saß er wieder und ließ die herrliche Dichtung Goethe», die wunderbare Composition Schuberts voll auf sich einwirken. Er sah noch, wie Herr Alexander Breitinger Ruth wieder an ihren Platz brachte und ein Stich ging ihm durch's Herz. Erst jetzt studirte er das Programm: Ruth trat noch einmal auf. Er verließ leise den Saal und wandte sich an den Oberkellner: „Können Sie mir die vollständige Liste aller Kurgäste geben?" fragte er und ein Thaler glitt in des modernen Ganymeds Hand.
Nach einigen Minuten war sie in der That in Edgars Händen.
Er schlug sie auf und murmelte: „Ob ihr Gatte auch hier ist?"
Er suchte: O, P, Pa, Pf; der Name Pfeil kam gar nicht vor! — War sie denn nicht verheirathet mit dem Professor?
Jetzt wurde der Buchstabe L aufgeschlagen! Ah da, Linden, Kaufmann, von Linden, Georgine, Wittwe des well. Obersten, nebst Tochter!
Er versank in tiefes Nachdenken. Warum hatte sie Pfeil nicht geheirathet? Zwar hatte sie ihm in Deggenhof Wunden geschlagen, die nie zu Hellen waren, aber was lag denn eigentlich vor? Daß er sein Herz an dieses holde Frauenbild verloren, war nicht zu ändern; sollte er nicht doch noch einen Versuch machen, sie zu sprechen? — Sinnend ging er wieder in den Saal, wo soeben das Orchester die Jntroduction, welche den Schlag der Meereswogen gegen den Strand, ein ferne», dumpfes Grollen, nachahmt, intonirte- Nun führte der Herr von vorhin Ruth wieder auf die Tribüne und sie fang und fang, daß er, ganz hingerissen, sich weit vorbeugte. Da traf ihn ihr Blick und mit dem ersterbenden letzten Tone brach sie zusammen und fiel Herrn Breitinger in die Arme. Edgar suchte durch den Haufen durchzudringen, der sich um die Ohnmächtige schaarte, aber es gelang ihm nicht; gleich daraus waren die Damen verschwunden. Edgar hatte für den Schluß des Concerts keinerlei Interesse mehr! Er wandte sich wieder dem Oberkellner zu: „Sagen Sie, mein Bester," begann er und ein zweiter Thaler fiel in die Hand des Erfreuten, „kennen Sie die Dame, welche soeben gesungen hat?"
„Jawohl; es ist Fräulein Ruth von Linden!"
„Ist der Herr, welcher sie führte, mit ihr verwandt, verlobt, verheirathet?"
„O, nichts von dem; es ist das Comitemitglied, Herr Alexander Breitinger, ein Nürnberger Millionär!"
„Sehen Sie Fräulein von Linden öfter?"
„Jeden Tag zweimal, wenn die Dame mit der Mama ihren Strandspaziergang macht!"
„Ich danke!"
Edgar ging in sein Hotel, nahm sich aber vor, morgen früh Frau von Linden aufzusuchen.
In der That geschah diese», aber Frau von Linden war mit Ruth in Gesellschaft verschiedener Herren und Damen sehr früh in einem Kutter davongefahren.
Edgar schlenderte am Strande entlang. Wie ein Silberspiegel blinkte das weite Meer; dort zog ein Dampfer vorbei, eine lange schwarze Linie am Horizont zurücklassend; dort mußte eine Untiefe sein, denn die Wellen bildeten eine kräuselnde Brandung. Ach, all' sein Weh wachte bei diesem Anblick einer öden Wafferwüste wieder in ihm auf. Leise declamirte er:
„Du warst meines Lebens Seele, Du wardst meines Lebens Qual; Was hilft's, wenn ich es verhehle, Daß es jetzt ist öd' und schal? Mein Ideal ist längst gestilrzet Und mir glänzt kein Sonnenblick; Ach, mein Leben ist gewürzet Mit Verzweiflung am Geschickt"


