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Gr kam an den Landungsplatz der Boote, wo ein alter Uann an einem Kahne arbeitete. Hier erkundigte sich Edgar, wann der Kutter ausgelaufen-

Wollt Ihr mich eine Stunde Boot fahren?" fragte Edgar nun.

Der Alte nickte und sagte:Ein Stunnen mag't noch gähn!"

Wieso?"

Et treckt en up?"

Was ist das?"

En Storm!"

Und die sind draußen auf der See!" dachte Edgar- Nun, beffer tobt und begraben da unten, als länger noch so lebendig!"

Edgar träumte sich auf der Bootfahrt weit hinweg; da faßte ihn ein Windstoß und entführte ihm seinen Strohhut.

Det Wäder kömmt!" rief der jAlte und hielt dem Strande zu.

Schon mehrten sich die hohlen Windstöße; die Schiffer kamen und bärgen die Fahrzeuge. Es war dunkel, der Wind heulte. Da brach das Weiter los I

Edgar stand noch barhäuptig am Strande, das lockige Haar flog ihm wild um die Stirn; so schaute er aus, gespannt, jede Faser seines starken Körpers zur Anstrengung bereit, wenn

Aber da steuerte der Kutter schon heran! Wie eine Nuß­schale trugen ihn hohe Wellenkämme dem Strande näher; sie waren gerettet! Aber nein, eine große Sturzwelle überholte dar Fahrzeug nahe am Ufer. Regen und Wind peitschten Edgar in'« Gesicht, aber er hielt den Blick fest auf Ruth, die im Vordertheil des Kutters stand, gerichtet. Kaum verschwand das Schiff in der Welle, so durchschnitt er auch schon die Brandung; sechs, acht Schiffer folgten und das Rettungswerk begann. Edgar, ein geschickter, kräftiger Schwimmer, hielt jetzt von einem Wogenkamm aus Umschau. Er stieß einen Jubel­ruf aus: im nächsten Moment hielt er Ruth ohnmächtig in seinen Armen und schwamm dem Strande zu. Ein ihm ent­gegengeworfenes Seil zog ihn vollends heran. Da lag er nun am Userrande, Ruths Kopf in seinem Schooß.

Jetzt schlug sie die Augen auf, sah sich in Edgars Armen und schauerte zusammen, dann flüsterte sie:Meine Mutter!"

Gerettet!" rief er, denn dort brachte der Führer des Schiffes sie. Es war Niemand verunglückt.

Mittlerweile hatte der Sturm ausgetobt und das Meer beruhigte sich. Langfam wandelten die Damen ihrer Woh- nunglzu. Ä .

Ruth hatte Edgar einen Moment ihre kleine Hand gereicht und gesagt:Ich danke Ihnen tausendmal!"

Das hatte ihn durchzuckt, wunderlich, in jede Faser drin- gend. Dann hatte er sich Frau von Linden mit den Worten genähert:Ich muß Sie sprechen, gnädige Frau!"

Sie müssen?"

Tod und Leben hängt davon ab!"

Um sieben Uhr früh; ich schicke Ruth sort!" erwiderte Frau von Linden leise-

O Dank, Dank!" flüsterte Edgar.

Er küßte ihr die Hand und ging.

Am andern Morgen sagte Frau von Linden zu ihrer Tochter:Du mußt heute den Strandspaziergang allein machen, Ruth, ich bin infolge des Schreckens doch nicht recht wohl!"

Ruth machte Einwendungen, aber ihre Mutter sandte sie fort, was der jungen Dame doch wohl das Richtigste dünken mußte, da sie in der Einsamkeit am besten anihn" denken konnte. Wie war es möglich gewesen, daß gerade er sie retten mußte? Nun war sie im Watt, dort leckte das Meerwaffer den Sand hinweg. Leise brach sie in die Worte au»:

O, könnte ich in's Meer versenken, Im tiefsten Wogenschwall ertränken Mein unermeßlich herbes Weh! Wie mich umschlingt mit seinen Armen Das Meerweib, denn es hat Erbarmen Mit meinem Leide nur die See!"

Ja, wäre ich tobt!" setzte sie hinzu-So wär's zu Ende!"

Edgar hatte fast die ganze Nacht kein Auge geschlossen. Sehr aufgeregt trat er vor Frau von Linden hin.

Die Frau Oberst empfing ihn freundlich, aber auch ge­messen:Zuerst", sagte sie, danke ich Ihnen, daß Sie mir mein Kind gerettet! Ich bin in Ihrer Schuld!"

Ich würde mehr in der Ihrigen sein, gnädige Frau," entgegnete Edgar,wenn Sie es vermittelten, daß ich Ruth, deren Hand, wie ich höre noch frei ist, sprechen könnte; aber ruhig und ohne Erregung!"

Ohne Erregung? Sie müßten dann beide nichtjung" sein! Nun aber zur Sache, Herr von Bach!"

Edgar entgegnete:Vor langer Zeit schmeichelte ich mir, ein auch von Ruth gern gesehener Gast Ihres Hauses zu sein, bis plötzlich nach dem Tode Ihres Gatten pardon, daß ich alte Wunden aufreiße eines Tages Ruth erklärte: ich willihn" nicht Wiedersehen! Welches ist die Ursache dieser Wandlung?"

Frau von Linden blickte ihn erstaunt an und sagte: Das wissen Sie nicht?"

Nein, in der That nicht!"

Frau von Linden stand auf, holte einen Brief aus ihrem Koffer, reichte ihn Edgar und sagte:Lesen Sie!"

Edgar blickte hinein und sagte:Es ist ein Billet des Professors Pfeil an feine Geliebte!"

Von Ihrer Hand?"

Allerdings; er selbst trug seine Rechte in der Binde und bat mich, für ihn zu schreiben! Obwohl ich nun der­gleichen Verhältnisse nicht billige, schrieb ich doch aus Gefälligkeit!"

O ich begreife!" fiel hier erregt Frau von Linden ein. Es fängt bei mir an schrecklich zu tagen! Der Professor hat Sie und uns betrogen! Wir fanden diesen Brief nach Ihrem Fortgänge auf dem Corridor und glaubten"

Daß ich ihn verloren? O nein, nein! Ich mußte aber denken, daß Pseil dem Herzen Ruths näher stand als ich, zumal ich in seinem Album eine Wtdmung fand, die ich Ihnen wörtlich sagen kann, denn sie war es, die mich von jeder Annäherung bis zum Zusammentreffen in Deggenhof zurückscheuchte I" Und er citirte die bekannten Strophen.

Da sprang Frau von Linden auf und sagte:Gott sei gelobt! So kommi's endlich an den Tag!"

Sie holte Ruths Tagebuch und zeigte ihm, wo die Seite herausgeschnitten, worüber beide Frauen seit der Entdeckung sich vergeblich den Kopf zerbrochen.

Jene Widmung galt mir, der Mutter!" sagte sie stolz. Pseil hat sie gestohlen und sich dadurch unstreitig einen Nebenbuhler um Ruths Hand vom Leibe gehalten! Er hat sie und uns ungeheuerlich betrogen!"

Um unser Lebensglück l" sagte Ruth und trat dann geisterhaft blaß ins Zimmer, während sie fortfuhr:Ich habe genug gehört, Herr von Bach, um Sie tief beschämt um Verzeihung bitten zu müssen!"

Mit einem Jubelruf sprang er auf und rief:Ruth, Ruth!"

Sie hielten sich umschlungen und die Frau Oberst brauchte nur ihren Segen dazu zu geben, was sie auch von ganzem Herzen that. m

Noch denselben Tag brachte die Badezeitung die Ver» lobungsanzeige Ruths von Linden und Edgars von Bach.

Das junge Brautpaar bestellte sofort in der Heimath die Aufgebotsformalitäten. Vier Wochen später wurde mit Genehmigung der Obervormundschaftsbehörde Edgar und Ruth getraut. ,

Und nun," sagte der junge Ehemann, als das Paar in Deggenhof einzog,soll auch die Rechnung mit Deinem be­trügerischen Vormunde ausgeglichen werden!"

Gott kam ihm aber zuvor, denn an demselben Tage brachten die Zeitungen Notizen über einen heruntergekommenen Menschen Doctor Ernst Pfeil, Professor der Chemie, welcher wegen einer Wechfelfälschung steckbrieflich verfolgt wurde.