--- 459 S-
thums darstellten. Schien die Sonne durch die bunten Glas, scheiben dieses kreisrunden Raumes, so entstand auf dem Fuß. baden ein kaleidoskopartiges Farbenspiel, wer aber aus den hohen Bogenfenstern blickte, glaubte sich in einem Panorama zu befinden, so abwechselungsreich und überraschend war die Pracht der Bilder, die sich dem Auge darboten. Von diesem Zimmer aus führte eine zweite Wendeltreppe nach einer offenen Galerie, welche um den Thurm herumlief und eine herrliche Fernsicht gewährte. Wenn Rafaele zuweilen hier stand und auf die rauschenden, wogenden Baumkronen blickte, während der Wind sich in den reichen, feflellos herabwallenden Haaren sing, daß sie bald hoch aufflatterten, bald wie ein aus glitzern, den Goldfäden gewobener Schleier auf die sanft gerundeten Schultern fielen, glich sie einer entzückenden Zauberin oder einer jener verführerischen Schönheiten der Vorzeit, um deren Besitz einst heiße Kämpfe entbrannten.
Frau v. Waldau war stolz auf ihr reizendes Kind und schwelgte in den Triumphen, welche dieses feierte, gehörte aber nicht zu den Müttern, die ehrgeizige Wünsche hegen. Alles, was sie wollte und erstrebte, gipfelten in dem Verlangen, die einzige Tochter glücklich zu wissen, deshalb hatte sie auch dem Bitten derselben, Mazda als Schwester betrachten zu dürfen, nachgegeben, und wenn beide Mädchen ihr unermüdlich die zärt. lichste Sorgfalt widmeten, sagte sie oft lächelnd und gerührt:
„Ihr verwöhnt mich. Ich werde mir noch einbilden, zwei Kinder zu besitzen, und endlich gar nicht mehr wissen, welches da» liebevollere ist."
Für Doctor Frank hegte die alte Dame besonderes Wohl- wollen, nicht nur, weil seine großen geistigen Fähigkeiten ihr Bewunderung abnöthigten, sondern auch, weil sein an Schroff, heit grenzender Ernst zuweilen wahrhaft unwiderstehlicher Lie. benswürdigkeit wich. „Man könnte ihm stundenlang zuhören, ohne müde zu werden. Ich müßte mich sehr täuschen, oder er wird es noch zu einer hervorragenden Stellung bringen und einst das Staunen der Welt erregen," äußerte sie nicht selten, und so durfte er wohl hoffen, sie seinem Werben ge» neigt zu machen.
Nachdem mehrere Wochen seit dem letzten Besuch ver- flössen, entschloß sich der Arzt, nach Clauswitz zu fahren und Frau v. Waldau um eine Unterredung zu bitten. Auf dem Gute angelangt, wurde ihm insofern eine Enttäuschung zu Theil, als er die Damen nicht allein traf. Studiosus Werner und Erich v. Degenfeld waren zugegen. Es hatte geregnet, im Garten rieselte es noch flimmernd von den Zweigen herab, während die Sonnenstrahlen schon wieder wie goldene Pfeile durch das Laub schossen. Der Kaffee wurde deshalb in dem kleinen, gemüthlichen Salon genommen.
Magda, eine dunkelrothe Nelke in dem schwarzen, krausen Haar, flog mit ihrer gewöhnlichen Lebhaftigkeit dem Eintreten« den entgegen. In den fast übergroßen Augen schillerte ein wundersames Gemisch von Schelmerei und schwärmerischer Gluth. Die Worte der Begrüßung sprudelten ihr förmlich von den Lippen, und dann waltete sie so hausmütterlich eifrig und zuvorkommend an dem zierlich gedeckten Tisch, daß Fritz Werner meinte, er habe nie etwas so Liebliches, Graziöses, Schmetterlingsartiges gesehen. Neben ihr nahm sich Rafaele wie eine herrliche Marmorstatue aus. Das Erscheinen Georg Franks hatte genügt, eine wahre Eisatmosphäre um sie zu verbreiten.
„Willkommen, lieber Doctor! Das ist eine sehr angenehme Ueberraschung!" rief Frau v. Waldau, die Tochter mit einem verstohlenen, aber ernst verweisenden Blicke streifend, während Magdas hübsche Hand dem Gaste die gefüllte Taffe darbot. „Sie blieben uns lange fern, und wir vermißten Sie. Wie oft muß ich noch wiederholen, daß Sie für uns nicht nur der Arzt, sondern auch der Freund sind, den man nicht gern ent. Kehrt? Doch jetzt keine Vorwürfe, wenn sie auch wohl ver« dient wären, ich freue mich —"
Sie wurde unterbrochen. Der Verwalter, an strenge Regelmäßigkeit gewöhnt, trat ein und überbrachte eine größere Summe Geldes.
„Von den Pächtern, gnädige Frau," bemerkte er.
, „ Ja, ja, lieber Hagen, schon gut. Hier die Empfangs bescheinigung."
Er empfahl sich. Die alte Dame schloß ihren Schreib» tisch auf, legte das Geld in eine kleine Caffette von orydirtem Silber und kehrte wieder an den Tisch zurück.
„Verwahren Sie in diesem Möbel immer so bedeutende Beträge?" fragte Degenfeld erstaunt.
„Ja," erwiderte sie unbefangen.
„Davor möchte ich warnen."
„Warum?"
„Der Secretär scheint mir sehr alt zu sein."
„Das ist er auch und durchaus nicht passend zu der mo« deinen Einrichtung; aber ich kann mich nicht von ihm trennen, weil er schon von meiner Mutter benutzt wurde."
„Ich finde es sehr natürlich, daß man ein so werthes Andenken hoch hält, es sollte aber dann eben nur als solches betrachtet werden."
„Was wollen Sie damit sagen?"
„Daß ich es unvorsichtig finde, wenn Sie solche Summen hier einschließen."
„O, lieber Erich —"
„Dieser Schreibtisch bietet gar keine Sicherheit. Er ist ganz leicht gearbeitet. Derartige Möbel wurden in früherer Zeit, der damaligen Mode entsprechend, dutzendweise angefertigt."
„Nun — und?"
„Ich glaube, es ist mehr als gewagt, Werthgegenstände darin aufzubewahren. Die Schlösser dürsten auch alle ganz ähnlich gearbeitet sein. Auf Gut Altdorf steht ein Damen« Schreibtisch, der diesem völlig gleicht, aber eben seiner Un- sicherheit wegen schon lange nicht mehr benutzt wird."
„Und aus diesem Grunde —"
„Fürchte ich, daß Sie eines Tage» eine schlimme Ueber- raschung erleben werden."
Frau v. Waldau lächelte.
„In dieser Hinsicht habe ich nichts zu fürchten. Meine alten, bewährten Diener veruntreuen mir keinen Pfennig. Was aber diesen Schreibtisch anbelangt, so trage ich den Schlüssel immer bei mir oder verwahre ihn an einem Ort, von welchem nur Magda und Rafaele Kenntniß haben. Diese Beiden mußte ich natürlich in das Geheimniß einweihen, denn der Fall, daß ein rasches Oeffnen in meiner Abwesenheit nöthig werden sollte, kann ja immerhin eintreten. Abgerechnet davon, daß ich überhaupt nicht mißtrauisch bin, liegt also gar kein Grund zu Befürchtungen vor."
Liebkosend, als wolle sie ein lebendes Wesen über eine ihm zugefügte Kränkung trösten, streichelte sie das alte Möbel. „Ich habe es sehr — sehr lieb, dieses Vermächtniß meiner Mutter und, so lange ich lebe, wird es durch kein anderes neuerer Construction verdrängt werden."
„Mama, die Sonne hat alle Feuchtigkeit wie mit durstigen Lippen aufgesogen!" rief Rafaele. „Ich finde es zu eng und zu schwül hier. Könnten wir nicht in die freie, köstlich ab« gekühlte Lust hinaus und Croquet spielen?"
„Aber selbstverständlich, mein Kind. Geht nur, ich komme nach. — Möchten Sie sich nicht an dem Spiele betheiligen, lieber Doctor?"
„Ich kam in der Absicht, Sie um eine Unterredung zu bitten, gnädige Frau!"
„Nun dann wollen wir noch etwa« zurückbleiben."
Die Mädchen eilten, von Werner undL)egenfeld begleitet, in den Garten, und bald hörte man die jungen, frischen Stimmen und das heitere Gelächter herauf klingen.
(Fortsetzung folgt)
Gemeinnütziges.
Ernte und Aufbewahrung von Tafelobst. Bei der Ernte von Obst, welches längere Zett sich gut auf« »eben lassen soll, beachte man, daß die Früchte nur trocken gepflückt werden dürfen, also am besten Morgens nach Abtrocknen


