Mein Beruf gilt mir immer noch als höchster Lebens­zweck, aber daß ich meine Gedanken nicht mehr so fest zusammen- zufaffen vermag wie früher, will ich zugestehen. Sie sind in einem goldenen Netz gefangen in einem Zaubernetz, gewoben aus dem flimmernden Haar der Loreley Nicht Magda Ra faele ist es, deren Besitz ich erstrebe. Niemals gab es ein so herrliches, aber auch so unnahbares Mädchen. Schön, blendend und kühl wie ein Nordlicht erscheint sie mir."

Ja, sie würde ich gern als Schwiegertochter willkommen heißen!" rief die Wittwe und fügte nachdenklich hinzu:Du hist also ihrer Gegenliebe noch nicht gewiß?"

Ich glaube sogar, daß ich ihr Abneigung einflöße."

Das wäre!" grollte die alte Frau, deren Mutterstolz sich regte.Diese Vermuthung müßte, meiner Ansicht nach, wie ein Strahl eisigen Wassers wirken."

Mich entflammt sie nur! Ein leicht zu erringendes Weib kann mich nicht fesseln. Welcher Triumph, ihren Trotz zu brechen und in diesen wunderbaren Augen ein heißes Aufleuch­ten zu sehen! Ist ein solcher Preis nicht werth, daß man Alles einsetzt und mit verzweifelter Verwegenheit um ihn kämpft?"

Aber ein so stolzes und energisches Mädchen wird nur dem Zuge seines Herzens folgen und, wenn dieses nicht für Dich spricht, Dir nimmermehr die Hand reichen."

Ihr Widerstand entmuthigt mich keineswegs. Ganz im Gegenthetl betrachte ich ihn als eine Herausforderung, als stumme Kriegserklärung, die mich wohl reizt, aber nicht einschüchtert. Meine Wünsche wachsen oft zu Giganten an, welche achtlos zertreten, was ihnen im Wege steht."

Ich fürchte, Du hast recht und befindest Dich hart an der Grenze, die Willensstärke und Despotismus scheidet," sagte sie, ihn mit einem eigenthümlichen Gemisch von Scheu und Bewunderung betrachtend.

Wohl möglich. Daran ist vielleicht die geheimnißvolle Wissenschaft schuld, welche man Hypnotismus nennt," erwiderte Georg mit sarkastischem Lächeln.Es hat etwas Berauschen­des, wenn man solch' unumschränkte Herrschaft über Andere auszuüben vermag, wenn ein Wort, ein Blick, ja, selbst nur eine Geberde genügt, um Gehorsam zu erzwingen. Was ist die rohe, körperliche Kraft gegen die Fähigkeit, den Geist in Fesseln zu schlagen, dem Gedanken zu gebieten, der Seele Ge­setze vorzuschreiben? Im Himmel und in der Hölle zugleich wurzelt diese seltsame Macht. Wer sie besitzt, entwöhnt sich leicht jener Stumpfheit, mit welcher so viele Menschen tragen, was nicht zu ändern scheint, und die Versuchung tritt an ihn heran, sogar das Schicksal in andere Bahnen zu lenken."

In das gefüllte Weinglas starrend, hatte er gesprochen, wie Jemand, der die Gegenwart eines Andern ganz vergißt und fuhr jetzt fast nervös empor, als die Wittwe erschrocken und mahnend rief:Davor hüte Dich! Die Vorsehung läßt solche Eingriffe nicht unbestraft. Groß und bewundert möchte ich Dich wissen, ja, alle Jahre, die mir der Allgütige noch be­stimmt hat, hingeben für die stolze Freude, mich nur einmal die Mutter des berühmten Arztes" nennen zu hören, aber wenn Du so sprichst, wie eben jetzt, dann durchschauert es mich unheimlich und die Stimme des Gewissens wirft mir vor, daß ich Dich nicht bei Zeiten warnte und bemüht war, Deinen Sinn gottergebener zu machen."

Spare Dir diese Anklagen," erwiderte er unmuthig. Ich werde sicher nie von dem Wege der Pflicht weichen, ge­schähe es aber dennoch, so müßte Dich der Himmel von jeder Schuld freisprechen, denn die Hand einer Frau wäre zu schwach, um mich zu lenken."

Ich kann mich einer tiefen Beklemmung kaum erwehren. So wie ich Dich, wie ich die Hartnäckigkeit Deines Characters kenne, drängt sich mir die Befürchtung auf, daß dieses Fräulein von Waldau unser böses Verhängniß wird. Es gibt vielleicht noch entzückendere Mädchen, um welche Du nicht vergebens werben würdest."

Ich bedauere jetzt, Dir etwas anvertraut zu haben, was ich als mein tiesstes Geheimniß hütete, aber da es nun einmal geschehen ist, so bitte ich, alles Zureden zu unterlassen. Ich bin kein Kind, das die silberne Mondenscheibe vom

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Firmament herabreißen möchte. Vor der Unmöglichkeit werde ch mir natürlichHalt!" gebieten; aber ehe ich sie anerkenne, mag noch viel Zeit vergehen. Es handelt sich hier für mich um eine Lebensfrage, und deshalb will und darf ich nicht zurück­weichen, so lange ein Schimmer von Hoffnung leuchtet. Daß mich die Leidenschaft mit solcher Gewalt ergreifen konnte, cheint mir selbst unfaßlich. Ich wußte nicht, welche Gluth verborgen in mir schlummerte- Schon um meines Ehrgeize» willen muß ich Rafaele zu erringen suchen, denn nicht eher werde ich die frühere geistige Spannkraft wieder finden, als iis ich aufgehört habe, unter dem lähmenden Banne ungestillter Sehnsucht zu stehen. Erst wenn ich weiß, daß kein Anderer mir das kostbare Gut, nach welchem ich verlange, zu rauben vermag, daß Niemand mehr ein Recht hat, zwischen mich und das geliebte Weib zu treten, dann werde ich jene Ruhe und Sammlung zurück gewinnen, ohne welche man nichts Großer leistet, dann wird der Stern des Ruhmes sein blendendes Licht auf meinen Pfad werfen. Und jetzt enden wir dieses Ge­spräch, um es nicht wieder aufzunehmen. Gute Nacht! Ich möchte noch einige Stunden an dem Werke, welches ich zu veröffentlichen gedenke, arbeiten."

Sie legte die Hand in die dargebotene, und während sie zu dem Sohn aufblickte, wich die bange Sorge schon wieder dem Mutterstolz. Schön war das scharf markirte Gesicht Georgs nicht, aber welche Gedankenfülle schien sich hinter der hohen Stirn zu bergen! Welche Geistesfunken sprühten aur den grauen Augen! Welch' unbeugsame Energie prägte sich in diesen Zügen aus!

"Er ist doch der Bedeutendsten einer, und wo er mit seinem Willen steht, da mögen unüberwindlich scheinende Hin­dernisse in ein Nichts zusammenstürzen," flüsterte sie noch, während der Schlummer ihr bereits verworrene Bilder vor­zugaukeln begann.

Als zarte, lichtdurchglänzte Morgennebel wallten, brMite immer noch die mit grünem Schleier verhüllte Lampe in dem Zimmer des Arztes. Der geopferten Nachtruhe ungeachtet, schien jedoch die Arbeit nicht in ersprießlicher Weise gefördert worden zu sein, denn Frank löste mit unzufriedener Miene die eng beschriebenen Blätter au« dem Manuskript, zerriß sie in kleine Stücke und warf diese in den Papierkorb. Er verlebte jetzt eine jener Stunden, wo unbezähmbarer Ehrgeiz ihn zwang, alle seine Geisteskräfte anzustrengen, wo er aber auch mit trotziger Verzweiflung die Schranken erkannte, welche der Macht und dem Willen des Menschen gesetzt sind. Wenn die widerspenstigen Gedanken, denen er vergebens zu gebieten suchte, immer wieder zu Rafaele zurückkehrten, überwältigte ihn ein Gefühl, brennender als Schmerz, das ihn wie in Flammen tauchte und jeden Nerv in ihm fiebern ließ, ein Gefühl zorniger Verachtung, welches ihm die eigene Schwäche und Ohnmacht einflößte.

So durfte es nicht fortgehen. Eine Entscheidung, mochte sie ausfallen wie immer, mußte herbeigeführt werden. Nur die Gewißheit, und wenn sie selbst den jähen Zusammensturz alles Hoffens bedeutete, konnte endlich, nach langem Kampf, die Ruhe wiederbringen.

An Frau v. Waldau, die ihm bei jeder Gelegenheit Be­weise des Wohlwollens und der Achtung gab, glaubte er übrigens eine mächtige und beredte Fürsprecherin zu haben, und so reifte denn in Frank der Entschluß, sie zur Vertrauten seiner glühenden Leidenschaft zu machen und um die Hand ihrer Tochter Rafaele zu werben.

II.

Gut Clauswitz zeichnete sich nicht durch ungewöhnliche Größe und Ausdehnung, sondern hauptsächlich durch die Eigen- thümlichkeit der Bauart aus. Es glich mit seinen Erkern und Zinnen einer Burg. In der Mitte ragte ein runder Thurm empor, der von Außen fast etwas düster aussah, stieg man aber die innen angebrachte Wendeltreppe hinauf, so gelangte man in ein reizendes, in altdeutschem Stil möblirte» Zimmer, dessen Wandbekleidungen zum Theil aus kunstvollen Stickereren bestanden, welche sämmtlich Scenen aus der Zeit des Ritter-

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