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sals zu beherzigen, für den er ihr unerwartetes Erscheinen nahm, und nachdem er die Thür hinter ihr in'S Schloß ge­drückt hatte, erfaßte er ihre beiden Hände.

Nein, ich bin nicht krank, Elfriede," sagte er,aber ich bin namenlos unglücklich und ein rettungslos Verlorener, wenn Du nicht stark und großmüthig genug bist, mich zu retten."

Erschrocken war das junge Mädchen ein wenig zurück­gewichen.

Was ist Dir widerfahren? Von welcher Art könnte ein Unglück fein, dessen Abwendung in meine Macht gegeben wäre?"

Willst Du mir versprechen, mich ruhig anzuhören, Elfriede? Und willst Du mir bei dem Andenken unserer Mutter schwören, daß ohne meine ausdrückliche Einwilligung nicht ein Wort von dem, was ich Dir jetzt anvertrauen will, über Deine Lippen kommen soll?"

Wie Du mich ängstigst I Ist denn wirklich etwas so Fürchterliches geschehen?"

Etwas Fürchterliches ja! Aber ich bin noch ohne Deine Antwort. Willst Du mir schwören, zu schweigen?"

Ich schwöre es! Nun erlöse mich endlich aus dieser schrecklichen Ungewißheit und Angst!"

Er zog sie neben sich auf das Sopha nieder und legte ihr seine Beichte ab in mühsamen, abgerissenen, oft zusammen­hanglosen Worten, aber ohne jede Beschönigung seines ver­brecherischen Thuns. Elfriede verstand so wenig von der Natur der Dinge, um welche es sich da handelte, daß ihr für Vieles von dem, was er ihr auseinanderzusetzen suchte, die rechte Er­klärung fehlte; aber sie unterbrach ihn trotzdem durch keine Frage, denn die hoffnungslose Verzweislung in seinen Menen war ja von einer fo furchtbaren Beredsamkeit, daß sie trotz alledem nur zu gut begriff, wie hier das Schicksal eines Men­schenlebens auf dem Spiele stand.

Als er bis zu der Schilderung feiner heutigen Unterredung mit Stirner gekommen war und bis zu der unbarmherzigen Drohung desselben, den gefälschten Wechsel der Staatsanwalt­schaft zu übergeben, versagte ihm plötzlich die Stimme- Die schmachvolle Bedingung, an welche der ehemalige Rechtsanwalt sein Versprechen, Gnade zu üben, geknüpft hatte, wollte ihm nicht über die Lippen und als er den bis dahin starr auf den Boden gehefteten Blick zu dem lieblichen, todestraurigen Antlitz seiner Schwester erhob, da nannte er im Grunde seines Herzens sich selber einen Schurken, weil ihm auch nur für die Dauer eines Augenblicks der Gedanke hatte kommen können, feine eigene Rettung mit dem zerstörten Lebensglück dieses holden, unschuldigen Wesens zu erkaufen.

Er brach mitten in seiner Erzählung ab und sprang auf, um an den Schreibtisch zu treten.

Sieh' her, Elfriede!" fuhr er fort, indem er ihr den Briefbogen, auf dem nichts al» die Anrede an den Vater stand, entgegenhielt.Dies war es, womit ich beschäftigt war, als Du mich überraschtest. Ich bin nicht werth, dem besten und gütigsten aller Menschen mit dem Kainszeichen der Schande auf meiner Stirn noch einmal unter die Augen zu treten. Er wird die Schmach, welche ich zum Dank für alle Liebe aus seinen ehrlichen Namen gehäuft, vielleicht minder grausam empfinden, wenn er durch meinen Anblick nicht mehr daran er­innert werden kann und das entsetzliche Bewußtsein wenig­stens, einen Sohn im Zuchthause zu haben, soll ihm erspart bleiben. Wärest Du um eine Viertelstunde später gekommen, so würdest Du nur noch einen stillen Mann gefunden haben."

Ernst!" schrie das junge Mädchen im höchsten Entsetzen auf.Weich' ein fürchterlicher, frevelhafter Gedanke! Deine Schuld würde erst in Wahrheit unverzeihlich und unsühnbar werden durch eine solche Thal! Sagtest Du denn nicht vor­hin, daß ich im Stande sei, Dich zu retten? Und zweifelst Du etwa, daß es mir an dem Willen fehlen würde, es zu thun?"

Düster schüttelte er den Kopf.

Vergiß das thörichte Wort, Elfriede, das ich bei Deinem Eintritt gesprochen! Auch Du vermagst mir nicht zu helfen, so wenig als irgend ein Mensch auf Erden mir zu helfen ver­

mag. In einer Anwandlung von Feigheit und sträflicher Liebe zum Leben nur konnte ich etwas Anderes glauben. Laß mich meinen Weg in's Verderben, den ich ja aus eigener Wahl be­schritten habe, nun immerhin bis zu Ende gehen und ver- gieb mir, daß ich Deine reine Seele betrübt und erschreckt habe durch diese überflüssige Geschichte meiner Verirrung."

Aber Elfriede ließ sich natürlich mit solchen Worten jetzt Nicht mehr fortschicken. Als der Bruder ihren Bitten immer nur dieselbe düstere Weigerung entgegensetzte, schlug sie endlich einen anderen, hoheitsvoll befehlenden Ton an und drohte, den Vater auf der Stelle von Allem zu unterrichten, wenn sie nicht eine Erklärung erhielte für jene erste Aeußerung, die der junge Arzt jetzt so hartnäckig zu verleugnen suchte.

Doch Ernst Hallenstein fand noch immer nicht den Muth, dem verbrecherischen Verlangen Stirners Ausdruck zu geben. Alles, was er sich durch das Drängen und Befehlen feiner Schwester entreißen ließ, war eine beklommene Andeutung, daß der ehemalige Rechtsanwalt allein die Macht habe, die Kata­strophe abzuwenden und daß Elfriede doch sicherlich schon vor dem bloßen Gedanken an eine Berührung mit Stirner zurück­geschreckt sein würde.

So verschleiert auch immer dieser Hinweis sein mochte, mit dem feinen Jnstinct des Weibes hatte das junge Mädchen doch die darin verborgene Bedeutung sofort erfaßt. In ent­schlossenem Tone sagte sie:Doctor Stirner ist mir in hohem Grade widerwärtig das ist wahr und was ich soeben von Dir gehört habe, kann mir seine Person gewiß nicht sym» pathischer machen. Aber meine Abneigung gegen den Menschen darf mich nicht hindern, Alles, was in meinen Kräften steht, für Deine Rettung zu versuchen. Ich werde zu ihm gehen, ihn um Barmherzigkeit zu bitten, und ich hoffe, er wird meins Bitte nicht unerfüllt lassen."

Wie, Elfriede das wolltest Du für mich thun? Aber Du bedenkst nicht, was Du damit auf Dich nimmst! Es wäre ein schwerer Verstoß gegen dis gute Sitte, wenn Du Stirner besuchtest, obwohl Du die Verlobte eines Anderen bist. Und dann ich weiß nicht, von welcher Art der'Empfang fein würde, den Du bei ihm zu erwarten hast."

Er wird mich unfreundlich behandeln, darauf muß ich gefaßt sein; denn er sglaubt sich wahrscheinlich von mir ge­kränkt, obwohl ich bei jenem Anlaß nicht anders zu handeln vermochte, als ich es gethan. Aber mag er immerhin jetzt in feiner Weise Vergeltung an mir Üben! Was bedeutet die Demüthigung, der ich mich damit vielleicht aussetze, gegenüber dem furchtbaren Unglück, welches Dich bedroht!"

Er hatte nicht Tapferkeit und Selbstverleugnung genug, um sie aus ihrem Jrrthum zu reißen; denn die Kundgabe ihrer hochherzigen Absicht hatte den fast schon verglimmenden Hoffnungsfunken in seinem Herzen von neuem zu heller Flamme angefacht und hatte die mahnenden Bedenklichkeiten seines Ge­wissens verstummen lassen vor jener lockenden Stimme der Versuchung, die ihm Rettung verhieß und Leben und Freiheit. Wohl erhob er noch einige schwache Einwendungen gegen das Vorhaben Elfriedens; aber seine Warnungen waren nicht mehr ernsthaft gemeint und er hütete sich wohl, irgend etwas zu sagen, das sie vielleicht wirklich in ihrem Entschlüsse hätte wankend machen können. Da sie mit ruhiger Bestimmtheit dabei verharrte, auf der Stelle zu gehen, gab er auch diesen scheinbaren Widerstand sehr bald auf und versuchte nur noch, sie zur Annahme feiner Begleitung zu bestimmen- Aber das junge Mädchen lehnte dies Anerbieten entschieden ab.

Was könnte mir Schlimmes widerfahren?" sagte sie. Und wozu sollte ich Deines Schutzes bedürfen? Wie stark auch immer der Groll sein mag, welchen Doctor Stirner gegen mich empfindet, als ein Mann von guter Erziehung wird er darüber doch nicht vergessen, welche Rücksichten er einer Dame schuldig ist, die im Vertrauen auf seine Ritterlichkeit die Schwelle seiner Behausung überschreitet."

Auch diesmal widersprach Ernst Hallenstein nicht.

(Fortsetzung folgt.)