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zweiflung war in seinem fahlen, innerhalb weniger Stunden gleichsam um Jahrzehnte gealterten Gesicht.
„Wenn Sie den Zufall, der mich in Ihre Hand gegeben, zur Befriedigung Ihres Rachegelüstes nützen wollen, so kann ich mir's allerdings ersparen, mich noch tiefer vor Ihnen zu demüthigen. In Einem aber werden Sie sich dennoch getäuscht haben — deffen kann ich Sie versichern! Sie werden den Staatsanwalt Rodewaldt niemals als Ankläger gegen mich auftreten sehen, denn wenn ich schon sür mein Vergehen be- straft werden soll, so werde ich diese Strass von einem anderen Richter vollziehen lasien als von dem, der Staatsanwälte und Vertheidiger anhören muß, um zu seinem Spruche zu gelangen."
Er machte ein paar Schritte gegen die Thür hin und erst, als er die Klinke derselben bereits in der Hand hatte, hielt ihn ein Zuruf Stirners zurück.
„Verweilen Sie noch einen Augenblick! Ich bin kein rach» süchtiges Scheusal, das durchaus Blut und Verderben sehen muß, sondern ich bin nur ein Mensch, der sich nicht ungestraft in seinen tiefsten und heiligsten Empfindungen verletzen laffen will. Verschaffen Sie mir eine andere Genugthuung für den Schimpf, den ich von Ihrer Schwester und von Ihrem Vater erleiden mußte, und ich werde dieses Papier zerreißen, ohne daß die Kenntniß von seinem Vorhandensein über jenen allerkleinsten Kreis hinausgedrungen wäre, von welchem Sie einen Verrath wohl schwerlich zu befürchten haben."
Ernst Höllenstein stürzte auf ihn zu. Eine berauschende Fülle von Licht und Sonnenschein hatte sich plötzlich vor seinen geblendeten Augen aufgethan.
„Fordern Sie von mir, was Sie wollen!" rief er aus. „Soweit mein Vermögen reicht, werde ich unbedenklich jede Ihrer Bedingungen erfüllen."
„Run wohl, so sorgen Sie, daß die Verlobung Ihrer Schwester mit Rodewaldt aufgehoben und daß Fräulein Elfriede Hallenstein meine Gattin werde. Rur so kann die Ehrenkränkung wieder gut gemacht werden, die man mir angethan."
Der Arzt sah ihn an, als ob er daran zweifle, richtig gehört zu haben; aber Julius Stirners Miene war nicht diejenige eines Mannes, der geneigt ist, zu scherzen. All' die beglückende Hoffnung, die ihn noch soeben durchströmt hatte, war wieder dahin.
„Sie wissen, daß es Unmögliches ist, was Sie da von mir fordern," sagte er tonlos. „Auch wenn ich die Berechtigung Ihres Verlangens anerkennen wollte, woher sollte ich die Macht haben, ihm zur Verwirklichung zu verhelfen?"
Der ehemalige Rechtsanwalt zuckte mit den Achseln.
„Die geeigneten Mittel und Wege zu finden, müßte allerdings Ihre Sache sein. Aber man sagt ja, daß die Roth erfinderisch macht und ich glaube, es würde nicht einmal allzu großer Erfindungsgabe bedürfen. Ich fordere zunächst nichts Anderes, als daß jene Verbindung rückgängig gemacht werde und daß mir Ihr Vater die Thür seines Hauses in aller Form wieder erschließt. Für das Weitere werde ich dann schon selber Sorge zu tragen wissen und ich werde höchstens hier und da Ihre gelegentliche Unterstützung dabei in Anspruch nehmen. Sie werden mir vielleicht entgegenhalten, daß Ihre Schwester den Staatsanwalt liebt; aber ich vermag darin durchaus keinen stichhaltigen Grund zu erblicken für die Unmöglichkeit, meinem Verlangen nachzukommen. Die Bekanntschaft der beiden ist ja viel zu kurz, als daß wirklich schon eine so gewaltige und unauslöschliche Liebe von Fräulein Elfriedens Herzen Besitz ergriffen haben sollte und ihre schwesterlichen Empfindungen werden hoffentlich noch stärker sein, als ihre bräutlichen. Wenn Sie ihr im Vertrauen mittheilen, wieviel für Sie auf dem Spiele steht, so wird sie nicht zögern, Ihnen ein Opfer zu bringen, das doch schließlich überhaupt nur in der Einbildung ein Opfer ist."
Es war unverkennbar, daß er es durchaus ernsthaft mit seiner Bedingung meinte, und wie vollständig auch die Angst um das eigene Schicksal den jungen Arzt beherrschte, so empörte sich doch etwas in seinem Innern gewaltig gegen die brutale Kaltblütigkeit, mit welcher jener das Lebensglück seiner Schwester vernichten wollte und gegen den Cynismus, mit dem
er von den heiligsten Dingen sprach. Ein zorniges, verächt» liches Wort wollte sich auf feine Lippen drängen; aber er war doch zu feige, um es auszusprechen und so wandte er sich schweigend abermals zum Gehen.
„Ich will Ihnen Zeit laffen, sich meinen Vorschlag zu überlegen!" rief ihm Julius Stirner nach. „Sind Sie bis morgen Mittag nicht im Stande, mir eine Nachricht zu bringen, wie ich sie erwarte, so wird eine Stunde später der Staatsanwalt im Besitz Ihres Wechsels sein- Sie werden ja wissen, auf welcher Seite der größere Vortheil für Sie gelegen ist."
Ohne ein Wort stürzte Hallenstein davon. Al« er die Thür des eleganten Arbeitszimmers hinter sich in's Schloß warf, war er fest überzeugt, daß er nunmehr mit dem Leben abgeschlossen habe und daß es für ihn keinen anderen Weg mehr gab, äls den Weg in den Tod.
VII.
GanzIvon diesem Gedanken beherrscht, kehrte der junge Arzt in das väterliche Haus zurück und begab sich in sein Studierzimmer. Er bewahrte dort in seinem Schreibtisch verschiedene Chemikalien auf, von denen er mit voller Bestimmtheit wußte, daß ihr Genuß einen leichten und fast schmerzlosen Tod im Gefolge habe- Eines dieser wohlthätigen Gifte — so hatte er sich entschlossen — sollte auch ihm Erlösung bringen au« dem schrecklichen Zustande, in dem er sich seit dem Vormittag befand, und Rettung vor der namenlosen Schmach, die ihn bedrohte. Es fehlte ihm nicht an persönlichem Muth, aber er hatte den Tod so oft und in so schrecklichen Gestalten gesehen, daß ihn nun doch ein Grauen überkam bei dem Anblick des kleinen Fläschchens, welches er einem Fache seines Schreibtisches entnommen. Und da« Herz schnürte sich ihm zusammen bei dem Gedanken an den Kummer, den er seinem gütigen Vater bereiten mußte. Er griff zur Feder, aber er kam über die ersten Worte des Abschiedsbriefss, welchen er an den Professor richten wollte, nicht hinaus. Das ehrwürdige Gesicht des alten Herrn stand in erschreckender Lebendigkeit vor seiner Seele, und die Worte, welche geeignet gewesen wären, einen Vater schonend auf die Schmach und das schimpfliche Ende seines Sohnes vorzubereiten, wollten ihm trotz aüm Grübelns nicht etnfallen.
Und wie er so dasaß, den Federhalter zwischen den Zähnen und die stieren, brennenden Augen auf das weiße Blatt geheftet, auf dem bis jetzt nur die Worte: „Mein geliebter Vater!" zu lesen standen, da schoß ihm plötzlich die Frage durch das gemarterte Gehirn: „Muß e« denn wirklich sein? Muß ich die Verblendung eines einzigen unglückseligen Augenblicks wirklich mit meinem jungen Leben bezahlen und muß ich diesem ehrlichen grauen Haupte zu der Schande auch noch den bitteren Schmerz bereiten, den einzigen Sohn durch eigene Hand gefallen zu sehen? Ist es denn in der That etwas so Ungeheuerliches um die Bedingung, welche dieser Stirner mir gestellt hat? Wäre nicht alles Unglück abgewendet, wenn Elfriede sich zu dem Verzicht entschließen könnte, welchen er verlangt? Habe ich nicht um meines alten Vaters willen geradezu die Pflicht, wenigstens einen Versuch nach dieser Richtung hin zu machen?"
Er warf die Feder bei Seite und durchmaß unentschlossen mit langen Schritten das Zimmer. Das Erbärmliche und Entwürdigende der Zumuthung hielt ihn noch von der Aus- fühmng jenes Gedankens ab; aber die Liebe zum Leben war bereits wieder so stark in ihm geworden, daß er geflissentlich nach Gründen suchte, mit denen er auch die letzten seiner Bedenklichkeiten zu beschwichtigen vermochte.
Und nun war es ein Zufall, der die letzte Entscheidung herbeiführte. Es wurde an die Thür des Zimmers geklopft und auf den Zuruf des jungen Arztes trat Elfriede selbst über die Schwelle. Sie hattii irgend eine Frage oder ein unbedeutendes Anliegen an den Bruder gehabt; aber bei dem Anblick seines aschfahlen, verstörten Gesichts vergaß sie den Zweck ihres Kommens.
„Mein Gott, was ist Dir, Ernst?" fragte sie bestürzt. „Du bist doch nicht krank?"
Er war sogleich entschlossen gewesen, den Wink des Schick-


