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1893
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Samstag, den 29. Juli.
Der Staatsanwalt.
Novelle von Wolfgang Hellmuth.
(Fortsetzung.)
Julius Stirner hatte seinem Drehsessel einen kleinen Ruck gegeben, so daß sie einander nun Auge in Auge gegenüber saßen und nach einem sekundenlangen Schweigen sagte er mit eisiger Kälte:
„Eine Fälschung also? — Nun, das ist ja eine hübsche Ueberraschung! — Die Familie Hallenstein hatte in der That guten Grund, voll hochmüthigen Stolzes auf mich herabzu- sehen."
„Legen Sie nicht meiner Familie zur Last, was allein mein Verschulden ist!" bat der Arzt, der jetzt, wo das entsetzliche Geständniß von seinem Herzen war, für einen Moment wieder freier zu athmen vermochte. „Und verdammen Sie auch mich nicht früher, als bis Sie meine Rechtfertigung gehört haben. Ich befand mich ja in einer Lage, in der ich kaum noch wußte, was ich that."
Und er schilderte in vollster Aufrichtigkeit die Bedrängniß, in welcher er sich unmittelbar vor dem Verfalltage seines älteren Wechsels befunden, er erwähnte die günstigen Aussichten, welche sich ihm für die nächste Zukunst aufgethan und seine Zuversicht, das gefälschte Accept noch rechtzeitig unmittelbar vor dem Fälligkeitstermin einlösen oder prolongiren zu können.
Der ehemalige Rechtsanwalt hörte ihn an, ohne ihn zu unterbrechen; dann aber erwiderte er mit schneidender Ironie:
„Das also nennen Sie eine Rechtfertigung? — Ungefähr mit den nämlichen Gründen dürfte wohl auch jeder Kassendieb und jeder Raubmörder seine Handlungsweise zu entschuldigen im Stande sein. Ich fürchte, Sie werden mit solcher 58er» theidigung schwerlich die Milde eines Gerichtshofes wachrufen können."
„Aber Ignaz Barteck hatte mir doch versprochen, den Wechsel nicht weiter zu geben und er hat gehandelt wie ein Schurke, indem er sein Versprechen brach. Denn er wußte ganz genau, welche Bewandtniß es mit der Unterschrift meines Onkels hatte — er mußte es wissen; denn von ihm allein ist jener unglückselige Gedanke ja ausgegangen."
Der Andere runzelte die Stirn und fiel ihm mit strengem Ausdruck in's Wort.
„Hüten Sie sich vor jedem Versuch, einen ehrenhaften Mann mit hinabzureißen in Ihr Verderben! — Sie würden Ihre eigene Lage dadurch wahrlich nicht verbessern können, denn Niemand wird einer so ungeheuerlichen und unsinnigen
Behauptung auch nur eine Minute lang Glauben schenken! — Aber ich sehe nicht ein, weshalb wir uns noch weiter über diese Dinge unterhalten sollten. Ich bin weder berufen, über Sie zu richten, noch habe ich die Macht, Sie vor den Folgen Ihrer Handlungsweise zu bewahren. — Ihr Geständniß läßt mir ja nur noch einen einzigen Weg zum Handeln offen."
Angstvoll suchte Emst Hallenstein in dem undurchdringlichen Gesicht des Andern zu leien.
„Sie wollen also nicht warten, bis ich im Stande bin, meine Schuld zu zahlen? Sie denken daran, meinem Vater Alles zu offenbaren?"
Doctor Stirner schüttelte sehr entschieden den Kopf.
„Nein — nicht Ihrem Vater, aber dem Herrn Staatsanwalt, Ihrem zukünftigen Schwager. — Es muß ein sehr pikantes Schauspiel werden, ihn gerade bei dieser Gelegenheit seine Pflicht als öffentlicher Ankläger erfüllen zu sehen."
„Nein, nein — das kann Ihr Ernst nicht sein — das werden Sie nicht thun — das nicht! Was habe ich Ihnen gethan, daß Sie mich durchaus verderben müssen? Wenn Sie mich meinem Vater entdecken, so wird das ein verhängnißvoller Schlag sür den alten Mann sein — es wird ihn vielleicht tödten — aber Ihr Geld werden Sie alsdann sicherlich erhalten und dies ist doch am Ende das einzige Interesse, welches Sie an der Sache haben."
Der ehemalige Rechtsanwalt sah den jungen Arzt mit funkelnden Augen durchdringend an und jetzt zum ersten Male durchzuckte es den Unglücklichen wie eine dunkle Ahnung, daß er das Opfer eines mit grausamer Berechnung angelegten Planes geworden sei.
„So? Und wer sagt Ihnen, daß dies das einzige Interesse sei, welches ich an der Sache habe? — Wäre es nicht vollkommen begreislich, wenn ich den Wunsch hegte, bei dieser Gelegenheit Genugthuung zu nehmen für die Beleidigungen, die mir von Ihren Angehörigen und in Ihrem Hause widerfahren sind? Ihre Schwester wies hochmüthig meine Bewerbung um ihre Hand zurück und Ihr Vater zögerte nicht, den Stab über mich zu brechen, nur weil es einigen blöden, mißgünstigen Gesellen gefallen hatte, meine Handlungsweise in einem bestimmten Fall für eine nach Philisterbegriffen unmoralische zu erklären. Der Mensch, der es unter Ihrem Dache wagen durfte, mich zu beschimpfen, ist heute im Begriff, ein Mitglied Ihrer Familie zu werden, und ich wüßte wahrlich nicht, was mich unter solchen Umständen noch veranlaffen könnte, Nachsicht und Schonung zu üben gegen Jemanden, der den Namen Hallenstein trägt."
Der junge Doctor erhob sich. Der finstere Trotz der Ver-


