- 200 -

Der Tanz war mittlerweile zu Ende und Lothar geleitete seine Dame an ihren Platz. Sinnend schaute sie ihm nach, als er davon ging, und leise murmelten ihre Lippen:Welch' ein herrlicher Character, schade, daß er den Adel nicht accep- tirt hat!" (Fortsetzung folgt.)

Höflichkeit der Kinder.

Mit dem Hute in der Hand kommt man durch das ganze Land!" Wer kennt nicht dies Sprüchlein und wer wendet es nicht oft in der Kindererziehung an? Ist doch dis Höflrchkert, welche wir frühzeitig unseren Kindern anerziehen, gewisser, maßen das Spiegelbild unserer eigenen guten Erziehung und kennzeichnet unseren Bildungsgrad. Höflichkeit will, wie so viel unserer guten Sitten, frühzeitig der Jugend anerzogen werden. Manches Kind hat die angeborene Gabe, ferne und höfliche Manieren leicht anzunehmen. Bei diesen braucht es nicht der so unendlich oft wiederholten Ermahnungen, wie bei jenem kleinen Tollpatsch. Aber endlich erreicht man es auch bei diesem mit jenem besten Erziehungsmittel mit uner­müdlicher Geduld. Der kleine Mann hat le,bliche Mameren angenommen, und wird seine Höflichkeit oft von Bekannten gerühmt und lobend anerkannt. Ich stelle den kleinen Bur­schen, welcher stets von weitem schon höflich sein Mützchen zieht, meinen Buben zu nachahmendem Beispiel vor. Aber was sehe ich? der Kleine, der noch eben mich so artig begrüßte, zieht nicht einmal den Hut vor seiner Mutter ab! Erstaunt sage ich ihm darüber meine Meinung und bekomme die im Kinder­mund gewiß übliche Antwort:Aber meine Mutter brauche ich doch nicht zu begrüßen, die kenne ich ja!" Und gerade das ist's, worauf diese kurzen Worte Hinweisen sollen auf d,e Höflichkeit in der eigenen Familie, welche nur zu ost versäumt wird.' Man muß nur das Kind über seine irrige Memung ausklären, ihm klar zu machen suchen, daß von allen Menschen die Eltern das größte Anrecht an jeden äußeren Beweis und jede Kundgebung der Ehrerbietung haben neben dem Vorrecht der weiteren innigeren Liebesbezeugungen. Gerade bei den sonst gegen Fremde so höflichen Kindern befremdet dieser Ver- stoß, dem man nur zu häufig begegnet, am meisten. Wie oft werden auch andere Höflichkeitsbezeugungen gegen die Eltern vergessen! Wie nimmt es uns für jeden Knaben ein, wenn er der Mutter mit schwacher Kraft beim Aussteigen behülflich ist, ihre Packete trägt, das Tuch, den Schirm abnimmt, hübsch zurücktritt, bis Vater und Mutter hinausgegangen sind, höflich aussteht, um seinen Platz älteren Personen anzubieten, schnell hinzuspringt, um etwas Heruntergefallenes aufzuheben! Tau- send kleine Dinge gibt es, bei denen sich des Kindes Höflichkeit in angenehmer Weise kund thun kann und als willkommene Aufmerksamkeit wohlthut. Man halte auch im Hause streng auf Höflichkeit, ob Fremde dabei sind oder nicht, den Eltern und Geschwistern gegenüber in gleicher Weise. Man gestatte nicht, daß z. B- nach Tische der Wunsch einer gesegneten Mahl­zeit verabsäumt wird. Man fragt nicht:willst Du noch etwas haben?" - sondern:bittest Du noch um etwas?" Man verlange streng bet jeder Gabe den Dank oder die Bitte. Auch selbst den Dienstboten gegenüber geziemt sich bei Kindern nicht das herrische, befehlende Verlangen, sondern die höfliche Bitte. Der bei Vielen so verpönte Handkuß sollte bei Kindern, und besonders bei Knaben, stets verlangt werden zur besonderen Kundgebung ihrer Ehrfurcht. Die meist nicht zur Höflichkeit geneigte Knabennatur muß dazu erzogen werden. Derartig feine Manieren werden stets der beste Empfehlungsbrief sem, Bildung bekunden und schnell die Herzen gewinnen. Es sind auch durchaus nicht leere Formen, denn der Kern des liebe­vollen Denkens für die Bequemlichkeit Anderer steckt darin, den Egoismus ertödtend. Aus diesen höflichen Kindern wachsen höfliche Männer heran, welche die ihnen von Jugend aner» zogene Höflichkeit nicht vergeffen. Wie freut sich wohl jede

Redaction: A. Scher) da. Druck und Verlag der

Frau, wenn nicht nur der Bräutigam, nicht nur der junge Ehegatte, sondern auch der alternde Ehemann die Höflichkeit ihr gegenüber nie vergißt.

Wie angenehm berührt uns das ritterlich zuvorkommende Wesen eines älteren Herrn, an dem sich oft die Jugend ein Beispiel nehmen könnte! ,

Selbstverständlich ist alles Uebermaß auch hier, wie m allen Dingen, unangenehm und vom Nebel. Die Höflichkeit, wie überhaupt die äußere gute Form, wird entschieden in aristo­kratischen Kreisen mehr gepflegt; sie sollte auch in bürgerlichen Kreisen und vor allen Dingen im Schooße der Familie zu Hause sein. Zuerst geht man mit dem Hute in der Hand durchs Haus, dieses des Kindes erste Welt, dann erst durchs ganze Land. ____________

Vermischtes.

Zur Krinolineufrage, die schon lange die Damen­welt beschäftigt, hat nun auch der Pariser Kletderkünstler Felix gesprochen. Eher werde ich mein Geschäft schließen, als daß ich Krinolinen anfertigte, bekräftigte er, wie die anderen führen­den Modekünstler schon gethan haben. Felix sagt mit Recht, der Reifrock würde das Grab der Erfindung fein, dre Mode- bewegung zur Unfruchtbarkeit verurtheilen. Der Reffrock könne überhaupt nur in einer geisteisarmen, der Schaffenskraft ent­behrenden Zeit aufkommen. Gegenwärtig befinden wir uns aber in einer Zeit üppig sprudelnder, sich förmlich überstürzen­der Schaffenskraft und Erfindungen. Die Krinolrne ist das Höchste der Unschönheit und Geschmacklosigkert. Felix grebt noch einen besonderen Grund an, warum sie mcht auskommen, nicht herrschen kann. Die großen Riesenbazare suchen stets nach Neuheiten, verbreiten sie massenhaft, so daß sie sofort allgemein getragen werden- Sie fallen daber regelmäßig in Uebertreibungen. Deßhalb verschmähen alle wirklich eleganten Damen die Riesenbazare. Dazu kommt, daß der Gehkorb, die Krinoline, weniger als je in unsere heutigen Lebensverhältnffse paßt. Heute hat sich der Reiseverkehr gegen früher verzehn- facht, Omnibuffe und Pferdebahnen sind selbst bis in Mittel- und Kleinstädte vorgedrungen, Hunderttausende, nein mele Millionen Damen benutzen diese täglich. Nie aber mit dem Reifrock. Als im vorigen Jahrhundert der Reffrock herrichte, gab es keine Eisenbahnen, noch Omnibuffe, noch Pferdebahnen. Die Damen ließen sich, in Tragfeffeln siehend, zu Ballen uns Festen tragen. Dies sind himmelweit verschiedene Verhältnisse, die nicht wiederkehren dürften. Die Modekünstler gehen fehl, arbeiten vergebens, wenn sie ihre Schöpfungen nicht den vor­handenen Verhältnissen anpaffen wollen.

VomKasernenhof. Feldwebel:Tritt der Kerl mit'm rechten Fuß an: Da ist's freilich kein Wunder, daß sich Eugen Richter für die Militärvorlage nicht begeistern kann."

Nachdrückliche Werbung.Seien Sie doch nicht so grausam, Fräulein Alma, sagen Sie mir doch endlich ein liebes Wort! Sehen Sie denn nicht, wie furchtbar rch schwitze?" * ,

Ueberraschende Wendung. Bankier:Wie,dieHand meiner Tochter erbitten Sie? Ich weiß wirklich nicht, junger Mensch, soll ich mehr Ihre unverschämte Keckheit oder Ihre geriebene Speculation auf mein Geld bewundern. Da nun aber ein unverschämter kecker Mensch und ein geriebener Specu- lant vortrefflich zu Börsengeschäften sich eignet, so sollen Sie mein Schwiegersohn werden." *

Sportlust. Gauner (beim Anblick eines Velociped- Rennens):Herrgott, wenn i so fahren könnt' und irgendwo a Kassier wär', nocha wär' aba mei' zweit's, daß i mir so a Rad stehlat und durchbrennet I"

rühl'scheu Druckerei (Fr. Chr. Pietsch) in Gießen.