Sie schüttelte den Kopf- „Es mag sein, daß es unter tüchtiger Leitnng wieder herauf gearbeitet werden kann," sagte sie mit tiefer Bedeutsamkeit, „aber Frauenhände, und vor Allem die meinen, sind zu schwach dazu. Es gehört ein Mann dazu, ein tüchtiger, fleißiger Mann, und —" ihre bittenden Augen hafteten auf seinem Gesicht, während sie zaghaft fragte, wer wird es übernehmen, Erich?"
Er hatte verstanden, was sie meinte, aber er blickte finster vor sich hin. Sein ganzes Herz empörte sich bei dem Gedanken, der Verwalter dort zu sein, wo er der Meister und Herr hätte sein sollen. Sie seufzte tief auf, dann sprach sie noch einmal: „Erich, soll es der Schlußstein des Tempels sein, der von Gottes Gnade spricht und von de? Vergebung und Liebe des Menschen?"
Er wandte sich von ihr und trat zum Fenster. Dort blieb er, den Kopf gegen das Kreuz gelehnt, in düsterem Sinnen stehen. Plötzlich fuhr er zusammen. Er hatte es nicht bemerkt, und auch die Mutter hatte vergeffen, daß hier, in dem alten Lehnstuhl, den eine freundliche Nachbarin für den genesenden Knaben gebracht hatte, Ering gesessen und dem Gespräch zugehört hatte. Jetzt war er an ihm in die Höhe gestiegen und, beide Arme um den Hals des Onkels schlingend, brachte er ihm sein liebes, blasses Gesicht ganz nahe- „Du thust, was die Großmutter bittet, Onkel Erich, nicht wahr?" sagte er, und große Thränen standen in seinen Augen. Noch einen Augenblick blieb Erichs Stirn zusammengezogen und die Lippen hart geschloffen, dann legte er die Hand auf den Kopf des Kindes und zog es mit der anderen an sich. Schweigend erwiderte er seine Liebkosungen, ehe er sich zu der Mutter wandte- „In Gotte« Namen!" sagte er fest.
XIII.
Jahre sind vergangen. In Grashagen ist Wohlstand und Freude eingekehrt; die Felder sind gediehen, die Wiesen haben geblüht, und Heiterkeit und Leben hat in dem großen Hause geherrscht. Gottes Segen hat auf der fleißigen Arbeit des Hausherrn und der tüchtigen Hausfrau geruht, auf den betenden Händen bet Großmutter, auf den gedeihenden, fröhlichen Kindern, zu denen auch Ering voll und ganz gehört, denn seit er das Lieschen Vater und Mutter sagen gelehrt hat, da hat er ihr's nachgethan, und sie haben es gern von seinen Lippen vernommen.
Es ist ein Sommerabend von herrlicher Schönheit, und unter den Bäumen des Gartens sitzen der Pastor und Erich im Gespräch, und die Großmutter hört ihnen zu, während die junge Frau für die Gäste eine Erquickung bereitet, denn der Pastor ist nicht allein gekommen, er hat sein Töchterchen zu Lieschen geführt, und neben dem schlank ausgewachsenen Ering Hieltet sein Freund und Stndiengenoffe Hans Helfer in den Gängen auf und ab. Die beiden Männer folgten mit den Blicken den ernst Dahinwandelnden, dann sagt der Pastor, wie er schon oftmals gesprochen hat: „Sie müssen der Frage offen ins Auge schauen, mein lieber Freund; Erings Begabung liegt entschieden nicht auf dem Felde der praktischen Thätigkeit, wie die Ihres Gustav. Sein scharfer Verstand und sein sinnender Geist werden einen tüchtigen Gelehrten üu« ihm machen, und ich kann Sie nur dringend bitten, daß Sie seiner Neigung zum Studium kein Hinderniß in den Weg stellen."
„Aber er ist der Erbe von Grashagen," antwortete Erich mit einem gewissen Unmuth in der Stimme. „Es kommt mir schwer an, zu denken, daß er nicht Herr hier sein soll, und daß das Gut in fremde Hände gehen sollte, an das ich Arbeit und Fleiß gewendet habe, um es der Familie zu erhalten."
Die Großmutter, die seinen Worten lauschte, lächelte still vor sich hin und wischte mit der Hand über die Augen. Sie trug noch immer die alte, einfache Kleidung, an die sie gewöhnt war, schlicht und sauber, die weiße Mütze über dem jetzt schneeig glänzenden Haar. Sie neckten sie bisweilen mit ihrer Bedürfnißlosigkeit, und dann nickte sie mit dem Kopf und lächelte vor sich hin. „Du solltest Dir auch einmal etwas Hübsches gönnen," Mutter, hatte Erich einmal gesagt, als er
die ausbedungene Rente pünktlich wie immer in ihre Hand legte, „ich glaube, Du denkst immer nur an uns und nie. mals an Dich."
„Ich habe es früher zu viel gethan," war ihre ernste Antwort gewesen, „ich danke Gott, daß ich es verlernt habe.»
Auch jetzt lächelte sie und nickte still vor sich hin, und am Abend rief sie Ering in ihr Zimmer und sprach lange und eingehend mit ihm. Am nächsten Tage trat er vor seinen Vater. „Es ist mein inniger Wunsch, Theologie zu studiren," sagte er ernst, „ich bitte Dich um Deine Erlaubniß, Vater!»
„Vater und Ering kommen immer zu derselben Meinung,» meinten die Geschwister, „und er setzt Alles bei Vater durch," sagte Gustav, der Aelteste, mit einem Anflug von Eifersucht. Jedenfalls war es bei dieser Frage der Fall. „Es wird mir schwer, Dich so lange und weit von hier zu lassen," sagte Erich, den Arm um die Schulter des Jünglings legend. „Mutter und ich entbehren Dich ungern, aber wenn es zu Deinem Glücke dient, so —"
„Es ist zu meinem Glücke," war Erings, wie er von Allen genannt wurde, ruhig feste Entgegnung.
Ering bezog die Universität mit seinem Freunde zusammen und sie blieben vertraute Genossen, wie sie es von dem Tage an gewefen waren, wo sie gemeinsam des Pastors Unterricht genossen hatten, obgleich sie verschiedenes Studium gewählt hatten und es eine landläufige Rede ist, daß der Arzt und der Pastor sich schwer verstehen und würdigen können. Und dann kamen die Zeiten, die sie wieder in die Heimath führten und fröhliche Tage zogen mit ihnen ein. Ering wuchs schlank und stattlich heran. „Er ist Dir ähnlich, wie ein eigener Sohn," sagte Marie, zu ihrem Manne aufsehend, „kein« Deiner Kinder hat die schönen dunkeln Augen geerbt, wie Ering." Lieschen hatte gehört, was die Mutter sprach, aber sie schüttelte leise den Kopf. War's denn möglich, daß der Vater einmal so ausgesehen hatte? Ihr erschien Ering so schön und herrlich in seiner jungen Männlichkeit, sie wunderte sich fast, daß er so oft das Wort an sie richtete und sich zu ihr gesellte, wenn sie im Garten saß.
„Ich kann nicht sagen, welche Freude ich an dem Zu« sammensein mit Ering gehabt habe," meinte Pastor Helfer, als die beiden Freunde wieder davon gezogen waren wie die Wandervögel, welche nur im Sommer uns mit ihrem schönen Gesänge erfreuen. „Da Hans der Familientradition untreu geworden ist, indem er der Theologie den Rücken gewandt hat, so ist mir's, als hätte ich mir in ihm den Sohn erzogen, der mein Werk fortsetzen wird, wenn für mich die Zeit der Ruhe gekommen ist."
Erich sah ihn fragend an. Es war ihm schon seit einiger Zeit so vorgekommen, als ob der Pastor an Kraft und Frische verloren habe, und er sagte jetzt besorgt: „Sie sind doch nicht krank, Herr Pastor?"
„Nein, nicht gerade krank," war seine Antwort; „aber ich glaube, Hans sieht in mir manchmal schon ein Feld für seine künftige Thätigkeit, und ich fürchte, ich werde es ihm bieten." c m
Tage reihen sich zu Wochen, und aus Wochen und Monaten werden Jahre, die schnell und unaufhaltsam über unser Haupt dahinziehen. Des Pastors Vorausgefühl bewahrheitete sich. Es kamen Zeiten, wo er des Sohnes Hülfe in Anspruch nehmen mußte und wo ihm Erings Anwesenheit und Ver- tretung Trost und Hülfe war. Dann rief Gott seinen treuen Diener ab — und eine verwaiste Gemeinde stand trauernd am offenen Grabe.
Nur wenige Monate vergingen — und von Neuem trug man einen Sarg durch die Pforte des Kirchhofs von Willnia, und wieder begleitete ihn ein zahlreiches Gefolge von Freunden und Leidtragenden. Es war die Großmutter aus Grashagen, die man zur Ruhe bestattete. In Frieden und die Ihren segnend, war sie eingeschlafen, voll Liebe für Kinder und Enkel und verehrt und geliebt von ihnen, aber vielleicht am meisten von dem jungen Geistlichen, der im Prtesterkleide zwischen Vater und Mutter daher schritt. Er hatte der Groß« ! mutter sehr nahe gestanden, dar wußten sie Alle, aber doch


