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Donnerstag, den 17. August.
Das goldene Kalb.
Novelle von Reinhold Ortmann.
(Fortsetzung.)
Eben ging wieder mit lautem Geklirr und unter dem Triumphgeschrei der draußen tobenden Menge eine Fensterscheibe in Stücke, während der als Wurfgeschoß benutzte Stein bis mitten in das Zimmer vor Monikas Füße rollte.
„Kommen Sie, meine Damen — kommen Sie schnell!" rief Valentini mit heißer klingender Stimme. „Wir sind ja hier keine Minute länger unseres Lebens sicher."
„All' seine gewohnte Galanterie vergessend, stürzte er als der Erste zur Thür. Aber Niemand folgte ihm, denn der Oberst, dessen Arm Monika mit beiden Händen erfaßt hatte, mochte einen Rückzug als mit seiner soldatischen Ehre unvereinbar ansehen, und Editha, die mit erhobenem Haupte und mit vollkommen ruhigem Gesicht an die Seite ihres Verlobten getreten war, erklärte in festem Tone: „Wenn Du Dich in Gefahr befindest, so ist mein Platz bei Dir! Auch ich fühle bis jetzt nicht die geringste Furcht. Was aber gedenkst Du zu thun?"
„Was ich thun werde? — Ich werde zu den Schuften reden, und wenn sie nicht im Guten zur Vernunft zu bringen sind —"
Er preßte die Zähne zusammen, daß sie hörbar knirschten, als er den Blick über die Waffen gleiten ließ, welche der Diener eben hereinbrachte.
„Sie machen in allem Ernst Anstalten, das Haus zu stürmen, Herr Neukamp! — Zum Glück sind sie noch nicht auf den Gedanken gekommen, die Fensterläden einzuschlagen, sondern versuchen sich bis jetzt nur an der Thür. Aber es sind welche darunter, die sich geradezu wie die wilden Thiere ge- berden."
„Es ist gut! — Geh' hinunter auf Deinen Posten und erinnere Dich an meine Weisung! — Dem Ersten, 'der den Kopf hereinstreckt, eine Kugel zwischen die Augen! — Verstanden? — Das Gesindel soll doch sehen, daß man mit mir nicht ungestraft Händel sucht."
Er erfaßte die Doppelflinte, drängte Editha, die ihren Arm um seinen Nacken gelegt hatte, sanft zurück und trat an eines der Fenster, indem er den halb zertrümmerten Flügel vollends aufstieß.
„Da ist er! — Da steht er ja!" brauste es vielstimmig von unten herauf; aber auf den Lärm folgte nach Verlauf weniger Sekunden eine fast lautlose Stille. Der unerschrockene
Muth, mit welchem der Fabrikherr da plötzlich sein Gesicht der tobenden Menge zukehrte und vielleicht auch ein Rest jenes Unterthanengefühls, von dem sie so lange ihm gegenüber beherrscht worden waren, machte selbst die wildesten Schreier für den Moment verstummen.
Klar und scharf klang Hugo Neukamps Stimme über die Köpfe der Leute dahin.
„Seid Ihr denn von Sinnen, daß Ihr Euch hier wie eine Horde von wilden Bestien aufsührt? Jeder von Euch macht sich an diesem Abend reif für das Zuchthaus und Keinem wird seine Strafe geschenkt werden — darauf mögt Ihr Euch heilig verlassen. Wer aber ein Verlangen danach fühlt, mir in meinem Hause einen Besuch abzustatten, der mag nur versuchen, hereinzukommen. Hier drinnen sind vier entschlossene, mit Gewehren bewaffnete Männer" — und er selber hob bei diesen Worten seine Doppelflinte empor, so daß sie all' den Untenstehenden sichtbar wurde, — „der Erste, der sich jetzt noch an meinem Eigenthum vergreist, hat auch eine Kugel zwischen den Rippen."
„Er ist wahnsinnig, sie so zu reizen, während er ihnen doch freundlich zureden sollte," jammerte der Assessor, der noch immer mit schlotternden Knieen in der halb geöffneten Thüre stand. Auch der Oberst mochte trotz all' seines soldatischen Muthes etwas Aehnliches denken; denn er kniff die Lippen zusammen und warf einen etwas unmuthigen Blick auf seinen künftigen Schwiegersohn. Diejenigen aber, an welche die nachdrückliche Ansprache gerichtet gewesen war, schienen durch den energischen Ton derselben in Wahrheit viel mehr eingeschüchtert, als gereizt worden zu sein-
„Wir wollen keine fremden Arbeiter! — Wir wollen uns nicht auf die Straße werfen lassen!" tönten vereinzelte Rufe aus der Menge. Aber sie hatten einen ziemlich schüchternen Klang, und dann wurde eine tiefe Stimme vernehmlich: „Wir wollen die Arbeit wieder aufnehmen und ruhig nach Hause gehen, wenn nachher Alles beim Alten bleibt!"
„Versprich es ihnen!" bat Editha, indem sie, unbekümmert um die Gefahr, der sie sich selber aussetzte, neben Neukamp trat; doch wenn der Fabrikbesitzer wirklich geneigt war, ihrer Bitte zu willfahren, so blieb ihm doch nicht mehr die Zeit, seiner Willfährigkeit Ausdruck zu geben. Einer aus dem unschlüssig gewordenen Haufen kam ihm zuvor, indem er — bei der augenblicklich herrschenden Ruhe Allen verständlich — schrie: „Feiglinge und Dummköpfe seid Ihr Alle miteinander! Habt Ihr nicht gehört, daß er Euch in's Gefängniß bringen will — schlagt den Hund tobt! — Was Schlimmeres als Zuchthaus können wir dafür auch nicht kriegen, und dann wird er wenigstens Keinen mehr in's Unglück stürzen,"


