auf die verschlungenen Hände sinken lassend. „Könnte ich nur helfen! Wäre ich nur nicht so machtlos."
Finster starrte Frank vor sich hin. Wie sehr mußte Rafaele, das stolze, unnahbare Mädchen doch Degenfeld lieben, daß sie auch jetzt so entschieden an seine Seite trat- — Diese Erkenntniß glich dem Stich eines Scorpions, sie wirkte wie tödtliches Gift.
„Was ist denn Ihre Meinung, lieber Doctor? Sonst so entschieden in allen Dingen, beobachten Sie heute ein wahrhaft auffallendes Stillschweigen und doch bedarf ich gerade, was diese Angelegenheit betrifft, Ihres Rathes!" rief Frau von Waldau mit schmerzlicher Ungeduld. „Mein Gott, ich stehe ja so allein und so hilflos da! Was soll ich denn thun?"
Mazda sprang empor und ergriff seine Hände. ,,O, lieber, lieber Freund," stammelte sie, während Thränen über ihr bleiches Gesichtchen flutheten, „verlassen Sie uns nicht! Wir haben ja Niemand auf der Welt, der uns armen, einsamen Frauen beisteht. Könnte ich nur sagen, nur ausdrücken, wie mir zuMuthe ist! — Sie dürfen sich nicht von uns wenden!"
„Ich will es ja auch keineswegs," erwiderte er mit einer Stimme, durch deren Rauhheit tiefe Bewegung klang. „Halten Sie mich nicht für kalt und theilnahmlos. Gleichgiltig ist mir dieser Vorfall gewiß nicht- — Wie soll ich aber rathen, da wir hier vor einem unlöslich scheinenden Räthsel stehen? — Ich kenne Herrn von Degenfeld zu wenig, als daß ich im Stande gewesen wäre, mir eine unumstößliche Meinung über ihn zu bilden, sogar ob der hier gefundene Gegenstand ihm gehört oder nicht — würde mir unmöglich sein mit Bestimmtheit zu behaupten. Mich beschäftigen stets so viele Gedanken, daß ich auf Dinge, die anderen Personen auffallen und sie in» teresstren, kaum achte. — Uebrigens bin ich der Ansicht: ein Jrrthum ist niemals ausgeschlossen und hier könnte der allerdings seltsame Zufall walten, daß Jemand ein gleiches Schmuckstück besessen habe. — Wunderbar würde das freilich sein, denn solche kunstvoll gearbeitete Gemmen sieht man nicht häufig. Es kommt also einfach auf die Frage an, ob Herr von Degenfeld beide Chemisettenknöpfchen vorzeigen kann; wenn ja, so darf ihm natürlich das Verschwinden der Kassette nicht zum Vorwurf gemacht weroen, denn an die Möglichkeit der schnellen Nachbestellung eines derartigen Kunstwerkes ist gar nicht zu denken."
„Sie haben das Rechte getroffen, Herr Doctor!" rief Rafaele lebhaft. „Nun muß und wird sich Herausstellen, daß der Mutter häßlicher Verdacht ganz unbegründet ist."
Sie schien diesen Gedanken wie einen Rettungsanker zu ergreifen.
Frau von Waldau schellte.
„Robert soll nach Altdorf hinüber reiten und den Verwalter Herrn von Degenfeld bitten, womöglich sogleich zu mir zu kommen," befahl sie.
„Erlauben Sie mir, mich zu verabschieden," sagte Frank.
„Gerade jetzt würde ich Sie gern in Clauswitz wissen." „Unmöglich, meine Anwesenheit könnte die Situation nur noch peinlicher machen. Bedürfen Sie meiner, so bin ich stets bereit, Ihrem Rus zu folgen."
„Ich begreife, daß ich Sie nicht zurückhalten darf." „Das muß Ihnen Ihr eigenes Zartgefühl sagen." „Ja, ja — aber welche Stunde steht mir bevor!" „Vielleicht klärt sich Alles leicht und schnell auf." „O gewiß, gewiß!" rief Rafaele-
„Leben Sie wohl, meine Damen! — Und kämen Sie in die Lage, das größte Opfer von mir zu fordern — ich würde glücklich fein, es bringen zu dürfen. Gott weiß, daß ich Ihnen mit ganzer Seele ergeben bin."
„Auch wir wissen es, Herr Doctor," sagte Frau von Waldau, seine Hand drückend.
Magda schlüpfte neben ihm hinaus. Ein heftiger Sturm hatte sich erhoben und schüttelte goldgelbe und purpurrothe Blätter von den Bäumen. Emporwirbelnd und sich im Kreise drehend, sanken sie endlich langsam nieder und einige blieben in den krausen Haaren des Mädchens hängen, das so klein und zart wie ein Kind an der Seite des stolzen, hohen Mannes
-erging und dessen Füßchen förmlich in dem dürren, raschelnden Laub versanken.
„Ich verabscheue — ich hasse alles Matte und Farblose," agte sie. „Dem, der mir theuer ist, gebe ich meine ganze Seele hin, und deshalb thut es mir so weh, daß ich hier nicht helfen kann, denn Ihnen, dem treuen, ehrlichen Freunde, darf ich ja anvertrauen, was mich quält und beunruhigt: Rafaele, meine Schwester, meine Jugendgespielin liebt Herrn von Dege» feld. O Himmel, wie muß sie leiden! — Wie sehr kann ich mich in ihre Lage denken! Ein häßlicher Fleck auf dem Namen, der einem das Theuerste auf der Welt ist! Giebt es wohl Entsetzlicheres? — Das Leben möchte ich opfern für Diejenigen, die mir, der unglücklichen Waise, eine Heimath boten! — Und nun sehe ich den Jammer, fühle ihn tausendfach in der eigenen Brust — und vermag keinen Trost zu spenden. — Glauben Sie denn, daß Erich fähig war, eine solche Schändlichkeit zu begehen?"
„Er wird ja nun bald Gelegenheit haben, sich zu rechtfertigen," erwiderte Frank fast schroff. „Mag er es doch thun! Ein erbärmlicher Wicht, der in seinem Rechte ist und doch keine überzeugenden Accente zu finden vermag! In solchem Falle muß Jeder sein eigener Anwalt sein. Ich kann ihm nicht helfen! Leben Sie wohl! Mich ruft meine Pflicht!"
„Wollen Sie nicht den Wagen benutzen?"
„Danke. Der Abend ist wunderschön."
Nur flüchtig verabschiedete er sich und verließ sodann den Garten.
Erstaunt und gekränkt blieb Magda an dem niederen Gitter stehen. So rauh und ungeduldig hatte er noch nie zu ihr gesprochen.
Das goldigflammende Licht der untergehenden Sonne hüllte die Richtung nach der Bahnstation zu in blendendes Gefunkel. Das Mädchen mußte schützend die Hand über die Augen halten, um dem rasch Dahinschrettenden nachsehen zu können. Dabei riß sie bald das schmale Thürchen auf, bald schloß sie er. Fast hätte ihr leidenschaftliches Ungestüm wieder über Vernunft und Ueberlegung gesiegt. Es war ihr, als zögen unsichtbar! Ketten sie dem Scheidenden nach. Auf die Landstraße hinaus- fliegen, ihm folgen, sich an seinen Arm klammern und ein einziges gutes Wort erflehen, hätte sie mögen. Zwischen den halbgeöffneten Lippen klang es wie das trostlose Wimmern einer hilflosen, ängstlichen Kindes hervor. Ihre ganze, ach, ost so schnell erlahmende Willenskraft mußte sie aufbteten, um nicht eine thörichte That, deren sie sich fpäter geschämt haben würde, zu begehen. Nun verschwamme» auch die letzten Umrisse der sich schnell entfernenden Gestalt wie in blutrothem, von sprühenden Funken durchrieseltem Nebel.
Magda warf sich nieder in das welke Laub.
„Mein Gott — liebe ich ihn denn? — Liebe ich ihn denn?" stöhnte sie, mit dem feinen Fingern in dem üppigen Haar wühlend. „Dann müßte ich ja wahnsinnig werden oder sterben — denn er — liebt mich nicht! Ich bin ihm gleich- giltig — ich bin nichts - nichts für ihn! Selbst nicht jene Freundin — oder ein Wesen, das ihm nöthig ist, das ihm helfen kann, den Gipfel des Ruhmes zu erklimmen."
Eine andere Stimme schien sich in ihrem Innern zu erheben und diese antwortete: „Nein, Du liebst ihn nicht — wer er fesselt Dich wie mit Zauberbanden. Dein Wille, Deine Gedanken gehören Dir selbst nicht mehr an. Sein Blick brennt tief — tief in Deine Seele und vermag seltsame, verworrene Bilder heraufzuschwören. Wenn Frank behauptet, Du habest Dies oder Jenes gesagt, dann suchst Du oft vergebens in Deinem Gedächtniß — aber wenn er darauf beharrt dann wird Dir zu Muthe wie Jemand, in dem unklar und dunket die Erinnerung an einen fast ganz vergessenen Traum ausdämmert. — Dann antwortest Du, gegen Deine bessere uever- zeugung, zustimmend. Die Macht, über Dich selbst zu verfügen, ist Dir genommen. — Solltest Du den Mann w hassen, der solche Gewalt über Dich hat?" — ,
„Mein Gott, hilf mir! Hilf mir, wenn ich nicht zu Grunde gehen, wenn ich mich selbst und den Glauben an Dich nuy in diesen Zweifeln verlieren soll!" schluchzte die Bange, Rary


