Ausgabe 
2.9.1893
 
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und Ihr hättet allein heimkehren müssen, so hättet Ihr Euch I darüber mit denselben Worten getröstet."

Der Fischer sah ihn ernst an und erwiderte ruhig:Es ist ein gutes Wort, Erich Hagen, und man kann's nicht zu oft sprechen, wenn man's recht versteht. Ich hab s gesagt, als meine Frau mir das Kind dort, die Marie, zuerst auf den Arm gegeben hat, und ich hab' es auch gesagt, als meine I Jungen an den Strand getrieben wurden, und ich sie bleich und tobt auf dem Sande liegen sah» und ich hab gewußt, daß ich dasselbe damit gemeint habe, was unser Herr Pastor bei der Leichenrede auf dem Kirchhof gesprochen hat:Was Gott thut, das ist wohlgethan!"

Erich war ebenfalls sehr ernst geworden. Er hatte seine I Hände, die starken, ausgearbeiteten, die Steuer und Ruder in Sturm und Wogenbraus zu führen verstanden, gefaltet und den Kopf, welchen er sonst frei und hoch trug, demüthig ge­senkt. So stand er einen Augenblick in der Kefen Stille, welche auf die Worte des alten Mannes gefolgt war, und in der man nur das leise Ticken der Schwarzwälder Wanduhr vernahm. Dann blickte er auf, und dem Fischer die Hand bietend, sagte er treuherzig:Ihr habt recht, Vater Lock^ und ich will an Euer gutes Wort gedenken, letzt, wo ich wieder daheim bin. Es wäre bester gewesen, wenn ich s schon früher gethan hätte, aber man ist jung und hitzig, ehe man die Welt kennen gelernt hat. Die See und das Heimweh er lachte fast verlegen, als ob er sich eines unmännlichen Gefühls zu schämen habe -haben mich auch Manches ge» lehrt, was ich vorher nicht gedacht hätte."

Er strich wieder, wie es seine Gewohnheit war, mit der Hand über das kurze Haar, als ob er die Empfindungen, denen er unwillkürlich vor Fremden Ausdruck gegeben hatte, verbannen wolle, dann wandte er sich schnell zu dem Pastor: Sie gehen nach Willnick, Herr Pastor, darf ich Sie auf meinem Wege nach Grashagen begleiten, fo weit wir eine

Straße haben?" . .

Aber hier trat Marie dazwischen- Schnell und wie in ängstlicher Scheu die Hände über die Schürze gleiten lastend, sagte sie unsicher:Du bist naß und erschöpft, Erich, Du hast Deine Kräfte heut' auf's Aeußerste angestrengt, der Weg ist uneben, vielleicht glatt und - und - Du könntest die Nacht hier oben beim Vater bleiben. Herr Pastor würde mich mit­nehmen, daß ich in Grashagen melden könnte, daß Du hier I bist morgen früh wäre ich dann wieder zu Haufe und könnte Dir mitthellen, wie wie mir's dabei gegangen ist.

Sie hatte abgebrochen, in kurzen Sätzen gesprochen und blickte jetzt fragend zu Erich, aber der schüttelte abweisend den Kopf.Das glaubst Du selbst nicht, Marie, antwortete er lächelnd,daß ich Dich in Nacht und Nebel hinausiagen würde, damit ich mir's an Deiner Stelle hier gemüthlich machen wollte." Trotz des freundlichen Blickes, den er aus das Mädchen heftete, lag eine solch' entschiedene Verneinung in seiner Weise, daß sie noch schüchterner sagte:Oder Du mußt so müde sein, Erich, und Er lachte letzt hell auf. Seh' ich danach aus, Kleine?" fragte er heiter, indem er seine große Gestalt voll aufrichtete.Nein, Marie, es gehört etwas mehr dazu als ein paar Stunden Unwetter, um die | Kraft von Erich Hagen zu erschöpfen."

Sie verstummte und trat wie gekränkt zuruck, während Erich sich von ihrem Vater verabschiedete und versprach, die ihm freundlich geliehenen Kleidungsstücke, die er statt der seinen trug, denn diese waren für jetzt in einem unbrauch­baren Zustande, am nächsten Tage zurückzustellen. Dann trat er zu Marie und reichte ihr die Hand.Du darfst mir nicht böse sein, Mariechen," sagte er leise,sichst Du, es verlang mich nach Vater und Schwester; wenn Du wüßtest, wie ich mich aus weiter Ferne nach Hause gesehnt habe, so wurdest Du verstehen, wenn mich nichts zurückhalten kann, nun ich ihnen so nah' bin." . ,,, ..

Das ist's ja eben," rief sie angstvoll und schlug die Hände zusammen,ich möchte Dich abhalten, weil aber Erich hatte sich von ihr gewendet. Wenige Minuten und er hatte, dem Pastor folgend, die Schwelle des Zimmers über­

schritten. Der alte Fischer gab seinen beiden Gästen das Geleit bis zur Hausthür, und nachdem er ihnen nachgesehen hatte, so lange die Dämmerung es gestattete, kehrte er lang, sam zurück. Ueberrascht blieb er stehen, als er Maries an- sichtig wurde. Sie saß auf dem Platz, den Erich soeben ver- lasten und hatte das in den Händen verborgene Gesicht auf den Tisch gelegt. Er sah, wie ihr ganzer Körper in heftigen Bewegung bebte.Vater," rief sie, als sie seinen schwer- fälligen Schritt neben sich hörte,Vater, warum habt Ihr'» Erich nicht gesagt, wie er's daheim finden wird? Warum laßt Ihr ihn nach Grashagen gehen, wenn Ihr doch wißt, daß mein Gott, mein Gott, er ist hitzig und schnell mit Wort und That, und Ihr laßt ihn in sein Unglück laufen, ohne daß Ihr ihm ein Wort der Warnung auf den Weg gebt."

Sie blickte mit angstvollem Ausdruck in sein gleichmäßig unverändertes Gesicht und wartete gespannt auf seine Ant- wort. Aber er sprach nicht. Er hatte die Mütze vom Kops genommen und fuhr mit den Fingern durch das dünne, graue I Haar, dann setzte er sie wieder auf und leerte die Neige aus seinem Glase. Seine Ruhe schien ihre tiefe Erregung noch zu steigern.Vater," begann sie von Neuem,mein Gott, so redet doch. Was denkt Ihr, daß es geben kann, wenn er so unvermuthet in Grashagen eintritt l Sein Vater ist krank und sehr schwach, wie sie sagen, und wenn seine Mutter ihm mit Dem entgegenkommt, was sie hier von ihm erzählt haben, Malte wenigstens, wie ich's mich noch besinne aus den Tagen von damals, ich kann gar nicht ausdenken, was geschehen

Sie legte das Haupt von Neuem auf den Tisch, und jetzt hörte der Vater unterdrücktes, tief schmerzliches Weinen. Das herzliche Mitgefühl für die Tochter brachte ihn em wenig aus der gewohnten Ruhe. Er legte die grobe Hand auf den vollen, blonden Scheitel.Siehst Du, Marie" meinte er, das ist Alles so, wie's kommt und rote es sein soll. Er wird nun an den Tag kommen, ob er's gethan hat oder nicht. Haben sie in Grashagen Recht mit ihren Reden, dann wird er ja wisten, was für ein Empfang ihn erwartet, und -

Marie war heftig aufgesprungen, hoch und schlank stand sie vor ihm und aus den Augen blickte ein zorniges Leuchten, als sie erregt ausrief:Und das kannst Du, sagen, Vater, und hast hier mit Erich zusammen gesessen und m sein offene» Gesicht gesehen, in dem nichts von List und Schalkheit steht I Du hältst ihn schuldig! Ach hättest Du ihn doch lieber unter- gehen lasten, als daß Du ihn zu Schande und Schmach an i das Ufer rettetest, Vater!" Wieder schlug sie die Hände vor das Gesicht, aber er verhinderte sie, ihre alte Stellung emzu- nehmen, indem er eine derselben herab und in die seine zog.

VMarie," sagte er in seiner ruhigen Weise, aber doch nicht ohne Theilnahme,was hast Du, mein Kind ? Du pflegst doch sonst nicht so zu sein, daß Du einem die Worte im Munde verkehrst. Jch-chab' ja nicht gemeint, daß er s gethan hat, ich dachte mir, es könnte doch möglich sein und

Nie, niemals," rief sie lebhaft,ich weiß es, Erich Hagen hat nie etwas gethan, das nicht der beste und stömmste Mann I unser Herr Pastor selbst alle Tag auch thun könnte, dafür laß ich mein Leben, Vater."

Na, ich meine nur," erwiderte er langsam,daß er » vielleicht nicht so schlimm gefunden hätte, wenn er sein mütter' lich Erbtheil vorweg an sich nahm. Jugend ist nicht bedacht sam wie das Alter und man mag Manches anders anseyen, als sMr feierlich und streckte die Hand gegen

den Himmel empor,ich schwöre Euch bei unserm Herrgott da oben, daß Erich keinen Diebstahl begangen hat und auch nichts, was sie ihm als solchen auslegen könnten. Vater, ich roel^31111? ÄnnDu's denn so bestimmt weißt, da sag^ich nichts dagegen, aber dann werden sie ihm auch in Grashage : nichts anhaben können." . . finbett

:Aber er hätte es wissen müssen, wie tt s dor finden

: wird," rief sie wieder in ber (ittett, emöten W,unb 3b , war't der Nächste dazu, es ihm mitzutheilen, Vater.