154

Das wird der Mann mit dem blutigen Gesicht am besten berichten können, Herr Doctor!" erwiderte der Förster.Es lst eine räthselhafte Geschichte, diese Gegend wird ja unheim­lich verrufen."

Sie traten vor die Thür, wo Schulze auf der Bank mit einer Waschschüsiel saß und sich das Gesicht kühlte.

Na, Freund Schulze, lasten Sie den Riß erst mal be- schauen und dann erzählen Sie mir die Geschichte," sprach der Doctor, zu ihm tretend.Sieh', das ist gottlob nicht gesähr- lich, ein Stückchen Fleisch ist d'rauf gegangen und dann der kleine Adlerlaß. Hier hängt der ganze Fetzen noch, nun passen Sie auf."

Er zog Heftpflaster aus seiner Verbandtasche und klebte den abgerissenen Fetzen Fleisch damit fest.

So, Mann, nun wird's schon anheilen. Erzählen Sie mir recht von Anfang an, wie das Schreckliche denn eigentlich passiren konnte." t

Schulze erzählte so ausführlich als möglich und der Doctor hörte aufmerksam zu. _ r

Da wird so ein. Teufelsbraten von Junge zum Spaß irgend ein Geschoß mit einer Zündschnur gelegt und diese aus Spielerei angesteckt haben," rief er in hellem Zorn,könnte man dem Racker doch auf die Spur kommen. Sie können mit mir nach Hause fahren, Schulzei - Werde sofort bei der Polizei die Anzeige machen, Sie müssen natürlich als Haupt­zeuge dabei sein. Man wird nachgerade ängstlich dabei, sich irgendwo noch hinauszuwagen, wenn man am hellen Tage nicht mehr sicher ist, todtgeschossen oder von einem sonstigen Spreng- geschoß getroffen zu werden. Adieu, Herr Försteri" fetzte der Doctor hinzu.Es bleibt dabei, ich komme heute, mit dem nöthigen Rüstzeug versehen, noch einmal wieder."

den war.

Das sind ja wahrhaft mörderische Wunden," begann der Doctor endlich, nachdem er mit dem Verbinden fertig war, Reinhardt wird wohl nach Rotenhof transportirt werden können, mit Marbach wäre das aber ein Risiko"

Dann bleibt er natürlich hier, Herr Doctor I" unterbrach ihn der Förster.

Wäre mir lieb, werde für bte Krankenpflege sorgen und einen tüchtigen Heilgehilfen mitbringen. Muß heute noch ein­mal herauskommen, weil der Arm mir schwere Sorge macht."

Wird er durchkommen, Herr Doctor?"

Dieser zuckte die Achseln. ,

Er lebt ja noch und so lange dürfen wir auch hoffen. Habe meine Vorschriften auf diesem Zettel notirt, werden sich genau darnach richten müssen. Mein armer alter Reinhardt wird auch tüchtig leiden, verdammte Geschichte, wenn wir ihm das Auge nur retten. Erzählen Sie mir doch jetzt, wie es eigentlich zugegangen ist, Herr Förster!"

Wochen waren seit diesem zweiten Ereigniß, das nicht allein die Stadt und Umgegend, sondern durch die Presse alle Welt in Aufregung und Verwunderung versetzt hatte, vergangen und noch immer war es niclt gelungen, dieses sowohl als die Mordschüsse im Hohlwege aufzuklären oder irgend eine Spur der Thäter zu entdecken. Wenigstens verlautete nicht das Ge­ringste darüber in der Oeffcntlichkeit.

Während Warneck und die kleine Lotta längst im Schooß der Erde ruhten, ersterer nach Marbachs Willen im Park von Rotenhof, letztere auf dem Friedhof der Stadt, lagen die beiden im Gebirge Verwundeten noch immer zwischen Tod und Leben, da auch Reinhardts Zustand sich wider Erwarten sehr ernst und bedenklich gestaltet hatte. Marbachs linker Arm war ab- genommen worden, während die Wunde am Hinterkopfe einen noch gefährlicheren Character angenommen hatte und seine Wiederherstellung geradezu in Frage stellte. Er lag noch immer in Fieberphantasien und erging sich in wilden Drohungen und Anklagen gegen einen Feind, dessen Namen er niemals aussprach.

Ganz natürlich," sagte der Doctor,die unheimlichen Ereignisse, welche sich ja förmlich aufeinander gehäuft haben, mischen sich doch in seine Fieberträume und wälzen sich wirr und toll in seinem Gehirn umher. Wenn wir das Fieber nur erst gebannt hätten."

Ja, das bringt ihn ganz herab," erwiderte der Heil­gehilfe.Es ist merkwürdig, daß er fortwährend von einem blutigen Jndianerschnitt phantasirt, darum dreht sich alles An­dere wie um ein Centrum."

Lieber Gott, das ist ja ganz erklärlich, wenn nur die vertrackte Wunde im Gesicht säße, so aber wälzt er den Kopf umher und vereitelt jede Heilung. Es wird doch nöthig sein, ihn auf irgend eine Art festzuschnallen."

Habe auch darüber nachgedacht, Herr Doctor! ^te wär's zum Exempel mit einem Verbandschutz?"

Sie meinen eine Vorrichtung, welche das Verschieben desselben verhindert?"

Ganz recht" e . .

Ich will mit einem Bandagisten darüber reden, sagte der Doctor zustimmend. ,,

Mit dem armen Herrn Reinhardt in Rotenhof habe tcy

das Blut aus dem Gesicht, ohne bett Vorgang begreifen zu können uttb bückte sich zu ben wie leblos beiliegenden Herren nieder. Waren sie todt? .

Mein himmlischer Vater, das ist zu schrecklich," jammerte er außer sich, als er sah, daß sie vorn Blut überströmt waren und fürchterlich zugerichtet sein mußten. Was sollte der arme Schulze hier oben doch nur beginnen? Woher schnelle Hilfe holen, wenn sie am Ende noch lebten?

Da hörte er eilige Schritte sich nähern und athmete er­leichtert auf, wobei er seine eigene Blessur ganz vergaß und sich mit dem bunten Taschentuch mechanisch das Blut abwlschte.

Jetzt wurden zwei Jäger sichtbar, der Förster und sein Jagdgehilfe, welche im Laufschritt daherkamen.

Was ist hier geschehen?" fragte der Förster athemlos. Woher kam der Knall, den wir vorhin gehört haben?

Weiß ich's denn? Bin ja selbst verwundet worden, die ganze Gegend hier ist verhext."

Alle Wetter, wie sind Sie zugerichtet!" rief der Gehilfe erschrocken.Das kann nur von einer Explosion herrühren. Am Ende haben sie Dynamit bei sich gehabt"

Dummes Zeug," unterbrach ihn der Förster,dies ist ja Herr Marbach auf Rotenhof. Schnell Taschentücher her, sie verbluten sich sonst." ,, . _ r_

Er nahm den Verwundeten die Tücher aus den Taschen, und brachte mit zur Hülfenahme des {einigen wie das des Jägers einen dürftigen Nothverband zu Stande.

So," fuhr er, sich aufrichtend fort,Ihr Riß im Ge- sicht, mein Lieber, wird wohl nicht gefährlich sein. Begleiten Sie meinen Gehilfen nach dem Forsthause, um Hilfe zu holen, vor allen Dingen eine Bahre, Wenzel!" wandte er sich an ben Jäger.Der Knecht kann mittommen. Die Minna könnte nur sogleich nach Rotenhof sich ausmachen, damit sie von dort einen Arzt aus ber Stadt holen, der alsdann birect nach dem Forsthause fahren muß. Haben Sie Alles capirt, Wenzel?

Ja, Herr Förster, weiß Befcheib, kommen Sre, Mann!

Er winkte Schulze, bei willig folgte, obgleich er empfind- liche Schmerzen an feinen Gesichtswunben zu haben schien.

Der Forstgehilfe schritt kräftig aus unb so erreichten sie balb ihr Ziel unb kehrten ebenso rasch mit bem Knechte unb zwei Bahren an ben Unglücksort zurück. Als bie Verwundeten aufgehoben wurden, stöhnten sie plötzlich laut auf, was den Förster mit stiller Befriedigung erfüllte, und Schulze seine Schmerzen vergessen ließ. Da der brave Förster selber Hand mit anlegte, so ging der schwierige Transport rascher unb glück­licher von statten, als man's gefürchtet, unb bie Verwundeten lagen so gut als möglich gebettet, als Doctor Peters erschien.

Der Wagen, welcher von Rotenhof abgeschickt worden, war ihm zum Glück unterwegs begegnet, da er nach Ebenheim fuhr. Er sagte kein Wort zu ber grausamen Bescheerung, konnte aber ein Erschrecken nicht unterdrücken unb schien bas Resultat ber Untersuchung sehr bedenklich zu finden- Marbach hatte eine schwere Wunde am Hinterkopf und eine Zerschmetterung des linken Arms davongetragen, während dem alten Reinhardt die rechte Gesichtshälfte verbrannt und bie Schulter zerrissen wor-