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Wohnzimmer führte, alles inzwischen Geschehene, dann holte er au« einem Schranke Flaschen und Gläser hervor. „Wie haben sich Deine Frau und Ruth geängstigt," setzte er hinzu „Du hättest wohl eine Depesche schicken können, Han«!"
Der Baron sank schwer in die Polster des Divans. So traut, so heimlich war das kleine, hübsche Zimmer, so in allen Einzelheiten vom Glücke seiner Bewohner zeugend; Hans Adam fragte sich in diesem Augenblick, ob es nicht bester, redlicher sei, sich eine Kugel vor den Kopf zu schießen, als das Wort, welches ihm auf den Lippen schwebte, wirklich auszusprechen.
Der Bankdirector sah erst jetzt das unruhige Gesicht seines Gastes. „Bist Du krank, Hans?" fragte er voll Theilnahme. „Soll ich Mieze wecken, damit sie Dir irgend etwas Warmes beteilet ?"
„Nein — um Gottes Willen nicht. Ich bin auch keineswegs krank, Willibald, nur in Sorgen des verwünschten Wechsels wegen. Wovon sprachen wir doch noch? Ja richtig, von einer Depesche an meine Frau. Ich hätte ja. so gern eine Botschaft geschickt, wenn nur irgend etwas Gutes zu berichten gewesen wäre."
Das Gestcht des Bankdireclors wurde von Augenblick zu Augenblick bleicher. „Du hast gar keine Aussichten, Hans?"
Ein Kopfschütteln antwortete ihm. „Keine, Willibald, außer--einer einzigen."
Es kam in die Züge des Bankdirectors etwas Starres, Fremdes; er und der Baron sahen einander unverwandt in's Auge, nicht feindlich, aber doch wie zwei Menschen, die einen Kampf auf Tod und Leben zusammen ausstreiten müssen.
„Eine Aussicht hast Du?" fragte mit halblauter Stimme der Bankdirector. „Eine, Hans? Welche ist das?"
„Die auf Deine Freundestreus, Willibald, auf Deine ruhige, nüchterne Beurtheilung der Dinge."
Und ruhig schien er wirklich, der Mann mit dem blassen, starren Gesicht, seltsam ruhig- „Du denkst an die vermiethe- ten Kellergelasse, Hans, an die Gelder, zu denen ich den Schlüssel besitze, nicht wahr?"
In das Antlitz des Barons kam plötzlich neues Leben, neue Farbe. „Also hast Du Dich mit der Idee dieses Aus« kunftsmittels bereits vertraut gemacht, Willibald? Du siehst ein, daß die Sache für Dich ohne jede Gefahr, ohne jeden Nachtheil verlaufen muß!"
Der Andere schüttelte den Kopf. „Das nicht, Hans. Nein, das nicht; aber wenn eine große, bedeutungsschwere Frage vorliegt, dann irren die Gedanken ziellos suchend und spähend umher, dann klopfen sie gleichsam tastend an jede Thür, und so kam es denn wohl, daß ich für Dich in Gedanken zum Räuber wurde."
Hans Adam lachte. „Laß uns die Sache ohne Aufregung überlegen, Willibald. Es gibt da Gelder, die wochenlang unberührt bleiben, nicht wahr? Leute, für die ein eigenes Conto überflüssig wäre, Damen, Fremde und so weiter benutzen diese Kellergewölbe, um ihr Eigenthum einstweilen vor Feuer und Dieben zu beschützen."
Der Baron streckte die Hand au«. „Nun, dann ist doch die Sache ohne alles Risico," sagte er im Tone vollster Ueber- zeugung- „Ich brauche das Geld auf ganz kurze Zeit, in den Fächern liegt es zwecklos, also was wäre wohl einfacher, als daß Du mir die Summe für wenige Tage leihst? Es werden ja doch auf keinen Fall alle Guthaben zu gleicher Zeit wieder eingefordert; das mußt Du zugeben."
Willibald nickte. „Wahrscheinlich nicht," antwortete er. „Aber es kann doch immerhin geschehen, Hans."
„Gewiß! Aber was kann nicht Alles über uns herein- brechen, Du? Was ist nicht im Leben Alles möglich? Vielleicht stürzt das Haus ein, vielleicht kommt ein Erdbeben — wenn Du so willst, hören die Gefahren niemals auf."
Der Bankdirector schüttelte kaum merklich den Kopf. „Wer nichts Unerlaubtes gethan hat, der kann allen kommenden Ereignissen ruhig entgegensehen," sagte er.
„Freilich 1 — Aber das ist ein unerreichbarer Standpunkt. Wie willst Du als Einzelner Dich loslösen von dem allgemeinen
Menschenschicksal? Wie willst Du die schnurgerade Richtung innehalten, wenn rechts und links Andere den Weg versperren?"
Und als der Bankdirector schwieg, setzte er in bittendem Tone hinzn: „Willibald, erlöse mich aus einer unerträglichen Situation, leihe mir diese sechstausend Thaler auf ganz kurze Zeit! Fordert ein Einleger sein Geld, so bezahlst Du ihn aus einem fremden Fache, das ist ja so einleuchtend."
„Es scheint so, Hans. Von woher erwartest Du den Eingang größerer Summen?"
„Ach — von zehn Seiten. Hauptsächlich aus Frankfurt. Da ist die heutige Depesche — lies selbst."
Willibald entfaltete das Blatt. „Kann in jeder Stunde zu Ende gehen. Theilweise ohne Bewußtsein."
„Ist das nicht schrecklich, Hans, läuft Dir's nicht kalt über den Rücken, wenn Du gleichsam an einem Sterbebette stehst und ungeduldig die letzte Minute erwartest, ja, wenn Du dem langsamen Gange der Dinge nachhelfen möchtest? — Wer weiß denn, welch' harten Kampf die arme Seele vor dem Scheiden noch besteht!"
Der Baron stürzte ein Glas Wein auf einen Zug hinab. „Gott weiß es, daß ich kein böser, engherziger Mensch bin," sagte er. „Wäre es meinetwegen, so mochte Leopold Aßmann hundert Jahre leben — aber so?"
Er erhob sich achselzuckend. „Laß es, wenn Dich Dein Gewissen beunruhigt, Willibald. Ich möchte keinen Menschen mit sich selbst in Zwiespalt bringen. Vergiß, um was ich Dich bat."
Er wollte gehen, aber der Bankdirector hielt ihn am Arme fest. „Wüßte ich nur, woher Du die Mittel zur Deckung dieser Summe nehmen willst, Hans?"
Der Baron zählte an den Fingern. „Da ist Wollheimer," sagte er, „da sind Baruch und Söhne, da ist Berling — mit diesen Allen habe ich Verbindungen angeknüpft und ziemlich sichere Zusagen erhalten. Ich muß nebenher auch für die Bernsteingruben größere Summen flüssig machen"
Der Director war besiegt. „So im Hafen sollst Du nicht untergehen, Hans," sagte er mit unsicherer Stimme. „Ich baue auf Deine Worte und will Dir das nöthige Geld vorstrecken."
Hans Adam schüttelte ihm kräftig die Hand. „In acht Tagen erscheinen Dir Deine Sorgen dieser Nacht als Thor- heit, Willibald. Du hast dann einen Freund in der Stunde der Noth gerettet und nichts dabei verloren oder rirkirt."
„Aber noch Eins," setzte er rasch hinzu. „Deine Damen erfahren von der ganzen Sache kein Wort."
„Gewiß nicht- Das Gleiche erwarte ich von Dir, Hans."
Der Baron lächelte. „Von dergleichen Angelegenheiten muß man mit Frauen niemals sprechen, Willibald. Macht man ihnen da doch leicht ein X für ein U vor — irgend eine Schmeichelei lenkt sie ab."
„Hm — nicht Alle, glaube ich."
„Du bist ein Erzphilister, weißt Du das wohl? Nun aber sage mir, wie wir die Sache mit dem Gelds anfangen wollen. Dein Personal darf nichts erfahren."
„Um des Himmels willen nicht. Ich gehe morgen eine Viertelstunde früher als gewöhnlich zur Bank, mache aus den nöthigen Kassenscheinen ein Packet und gebe Dir dasselbe, wenn Du kommst."
„Schön, alter Junge. Jetzt gute Nacht. Ich muß mich beeilen, so schnell als möglich nach Hause zu kommen."
„Willst Du nicht hier bleiben? Auf dem Sopha in meinem Arbeitszimmer schläft sich's vortrefflich."
„Nach Allem, was Du mir erzähltest? Vielleicht finde ich ja meine Frau ernstlich krank oder doch wenigstens in großer Aufregung. Ich mache auch den Weg in einer halben Stunde ganz bequem."
Die beiden trennten sich mit einem Händedruck und Hans Adam ging schnellen Schrittes davon. Wenn nun während seiner Abwesenheit aus Frankfurt ein Brief mit günstigem Bescheide angelangt wäre — wie herrlich!
(Fortsetzung folgt.)


