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sis gezwungen hatten, ihre Pistole in das Meer zu werfen, da holte sie aus Rache drei Tage später den guten alten Herrn, dem vorher kein Finger wehthat."
Ja! Ja!" bestätigten Alle, „das ist so. Der Alte war ganz allein, da hat sie durch's Fenster gesehen und es ihm an- * alt. AM //
„Wahrhaftig," sagte einer der Männer, ,träfe ich das Weib mit den schwarzen Augen an der Mauer meines Hauses, wie sie spähte und horchte und vielleicht drinnen auf die Wiege sähe — es wär' um sie geschehen. Ich hab' noch Erbsilber im Schrank liegen; das versagt nicht."
Alle Uebrigen stimmten ihm bei. „Die Doppelkrone, die das Weib dem Peter gegeben, war auch nur Hexengeld," meinte Einer. „Am andern Morgen ist nichts als knisternder Staub in seiner Tasche gewesen." , iri
Einer der Bauern, vielleicht ein heimlicher Freigeist, schüttelte bedenklich den Kopf. „Ja, Leute," sagte er, „die Doppelkrone war fort, das weiß ich auch, aber gewiß ist, daß Peter am selben Abend in die Schänke ging und erst gegen Morgen heimkehrte. Da mag das Geld auf ganz natürlichem Wege abhanden gekommen sein."
„Peter hat nur zwei Gläser Bier getrunken; er weiß Alles, was mit ihm vorgegangen ist."
„Ach, das ist leicht zu behaupten. Alle Hexen der Welt sollten mir doch keine Doppelkrone aus der Tasche zaubern."
Während die Leute auf diese Weise hin und her stritten, hatte das kleine ungarische Roß den Weg um den See in fliegender Eile zuiückgelegt, und jetzt sah Anna Bürklin die Equipage von Moldt auf der Chaussee näher kommen. Sie ritt in langsamem Schritt heran und winkte dem Kutscher, zu halten. Ehe Ruth den Ueberfall nur ahnen konnte, sah Anna mit dreistem Blick unter das Verdeck der Halbchaise. „Fräulein Aßmann," rief sie, „Verzeihung, aber ich ließ mir nicht träumen, daß Ihnen ein Leid widerfahren sein könne. Sie weinen?"
Das junge Mädchen trocknete ihre Augen. „Meine Schwester ist sehr krank," antwortete sie ausweichend.
„Die gnädige Frau? — Ader ich sah doch den Herrn Baron gestern Abend noch in der Hauptstadt. Er schien sehr guter Laune."
Ruth fuhr auf wie electrisirt. „Sie haben meinen Schwager gesehen, Frau Bürklin? Ist das gewiß?"
„Ich denke doch. Aber weshalb liegt Ihnen an der Kenntniß dieses Umstandes so besonders viel, Fräulein Aß- mann? Es hat doch hoffentlich auf Moldt keine Familien- zerwürsnisse gegeben?"
Ruth fand im Stillen die Frage über alle Begriffe tuet» los und sie behandelte dieselbe demgemäß.
„Wie kommen Sie auf einen derartigen Gedanken, Frau Bürklin?"
„Weil Sie mit so offenbarem Entzücken Hörten, daß der Herr Baron — Pardon I — noch lebt. Dachten Sie an ein Unglück, Fräulein Aßmann?"
Ruth heftete auf das spöttisch lächelnde Antlitz der Dame ihren ruhigen, klaren Blick. „Ich fürchte Sie aufzuhalten, Frau Bürklin, Adieu I"
„Während Sie doch von meiner Begegnung mit dem Herrn Baron überaus gern etwas Näheres erfahren möchten, nicht wahr?"
„Keineswegs, Frau Bürklin."
„Wirklich nicht? — Nun, vielleicht ist ja auch die ganze Erzählung nur eine Fabel. Ich bin gar nicht in der Hauptstadt gewesen."
Und laut auflachend warf sie das Pferd herum. „Adieu, Fräulein Aßmann. Ich empfehle mich Ihrem ferneren Wohlwollen."
Der Wagen fuhr weiter und Ruth trocknete ihre.Thränen. Eine unangenehme Begegnung.
Ob diese sonderbar keck auftretende Dame wirklich mit Hans Adam zusammengetroffen war? — —
Aber gleichviel, Ruth dachte ja keinen Augenblick daran, daß er freiwillig den Tod gesucht haben könne.
Er schien in guter Stimmung, hatte Frau Bürklin gesagt. „In guter Stimmung," während sich Cäcilie fast zu Tode ängstigte.
Es war dem jungen Mädchen, als sähe sie Erichs geringschätziges Achselzucken, als höre sie ihn nochmals sagen: „Vielleicht ist Hans Adam gerade jetzt auf einer Vergnügungsfahrt begriffen."
Hatte er nicht wirklich recht? —--
Und Ruth seufzte tief. Zu Hause ließ sie eine Stunde vergehen, ehe sie sich, ruhiger geworden, in das Zimmer ihrer Schwester begab.
„Keine Nachrichten, Cilli?"
Ein Kopfsrütteln war die Antwort. „Bleib' bei mir, Ruth! Was sagte Dir Wolfram?" p ,
„Er will selbst zur Stadt fahren, Cilli, Du sollst keinerlei Befürchtungen hegen." .
Die junge Frau schloß ihre Augen; es wurde tm Zimmer so still, daß man deutlich das Summen einer einzelnen verspäteten Fliege zu hören vermochte.
Am späten Abend desselben Tages fuhr Hans Adam von der Hauptstadt direct nach Hause. Ec hatte ein Coupo für sich allein genommen — das war so eine seiner besonderen Liebhabereien — und jetzt lag er mit halbgeschlossenen Augen in der Ecke und rechnete.
So viel für Dieses und so viel für Jenes — aber einerlei, die fünfhundert auf diese Fahrt von Hause mitgenommenen Thaler waren fort, das stand schon ganz fest, weshalb also erst lange grübeln, wohin sie kamen? Flügel haben ja doch einmal alle, daß wußte Niemand besser als er. Ueberdies lag auch vor ihm so viel Fatales, daß es wahrhaftig selbstmörderisch gewesen wäre, noch dazu vergangenen Aerger durch die Lupe zu betrachten.
Und der Baron schloß die Augen vollständig, er schlief fest, bis er aussteigen mußte und nun in den todesstillen dunklen Straßen der kleinen Stadt allein dastand. Sein spähender Blick überflog den Platz vor dem Bahnhofe.
„Keine Equipage!" — Das war es, was er wünschte.
Der Handkoffer blieb bei dem Pförtner in Verwahrung, und Hans Adam ging eiligen Schrittes die Straßen hinab. Jetzt seufzte er; die Cigarre flog auf das Pflaster und der Rockkragen wurde hinaufgezogen.
Eine kalte, unangenehme, rauhe Nacht.
Jetzt kamen die letzten, einzeln stehenden Häuser und etwas später das allerletzte, ein winziger Bau an hoher Berglehne, nur vier Fenster breit und im Giebel ein einziges zeigend, aber überspannen von dichtem, grünem Teppich und umschattet von uralten Bäumen. Welkes Laub raschelte unter den Füßen, hinter der Hecke erhoben Georginen und Stockrosen ihre letzten bunten Blumen.
Hans Adam streckte die Hand aus; aber nach einer Secunde ließ er sie wieder sinken. Sollte er wirklich klopfen?
Da bellte drinnen ein Hund und stürmte auf gegen die Thür. Es war Tiberius, die Ulmer Dogge, welche er selbst erzogen hatte. Das Thier erkannte ihn; es mußte durch sein Springen und Bellen das ganze Haus wecken.
„Ruhig, Tcher, ruhig!"
Oben im Erker öffnete sich das Fenster. „Ist Jemand aus Molvt hier?"
„Freilich, Willibald! - Mach' auf, hörst Du?"
„Hans Adam! — Hans, bist Du es?"
„Natürlich. Findest Du das so seltsam?"
„Ich komme schon."
Das Fenster wurde geschlossen und einige Minuten später öffnete der Bankdirector' von innen die Hausthür. Er trug in der Hand eine Lampe, seine Augen glänzten vor aufrichtiger Freude.
„Gottlob, daß Du wieder da bist, Hansl Willkommen! Willkommen!"
Der Baron schüttelte den Kopf. „Das ist, als hätte ich eine Weltumsegelung glücklich vollführt," sagte er. „Wußtest Du überhaupt, daß ich verreist war?"
Willibald erzählte seinem Gaste, während er ihn in das


