Ausgabe 
1.8.1893
 
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schimpflich sein, den Lauscher zu spielen, in seiner gegenwärtigen Lage kam es auf einen so geringfügigen Verstoß gegen An« stand und gute Sitte wahrlich nicht mehr an-

Er mußte sein Ohr fast an die TKrspalte legen, um die Worte Julius Stirners verstehen zu können; denn der ehemalige Rechtsanwalt sprach mit vorsichtig gedämpfter Stimme wie Jemand, der seine Steuerungen geflissentlich nicht über den Hörbereich Desjenigen hinausdringen lassen will, für den sie bestimmt sind. Es war, als ob er eben im Begriff sei, eine längere Anrede zu beenden, denn Ernst Hallenstein hörte ihn sagen:

Dies, mein Fräulein, wäre der natürliche Verlauf der Dinge, wie er sich unabänderlich gestalten müßte, wenn Sie auf Ihrer Weigerung beharren. Daran, daß Ihr Bruder der Schande, die ihn bedroht, durch einen freiwilligen Tod aus« weichen werde, glaube ich einfach nicht; denn er hat viel zu lange damit gezögert, als daß er jetzt noch den Muth dazu finden sollte. Einem Selbstmörder, der zu seiner Rettung mit so kluger Berechnung zu Werke geht, als er es Ihnen gegen­über gethan hat, ist es ganz gewiß nicht Ernst mit seinen Todesgedanken. Und wenn ich mich darin auch täuschen sollte, wenn er wirklich zu diesem Auskunftsmittel griffe was wäre damit für Sie und für Ihr Verhältniß zu Rode- waldt gewonnen? In weniger als einer Stunde, nachdem Sie mich verlassen haben werden, kann er von dem gemeinen Ver­brechen, welches der Doctor Ernst Hallenstein begangen, amtlich unterrichtet fein, und da er als Staatsanwalt unweigerlich zu sofortigem Einschreiten gezwungen ist, bliebe ihm, nachdem er die Verhaftung Ihres Bruders verfügt hat, nur die Wahl, entweder seine alsbaldige Entlassung aus dem Staatsdienste zu nehmen oder seine Beziehungen zu einer Familie zu lösen, mit welcher ein Wächter der öffentlichen Ordnung und ein Hüter der Gesetze ohne Schaden für das Anfehen seiner amtlichen Stellung nicht wohl weitere Verbindung unterhalten kann. Soweit ich die etwas pedantischen Ehrbegriffe des Herrn Staatsanwalts kenne, erscheint mir die letztere Lösung bei Wei­tem als die wahrscheinlichere. Lebend oder tobt in jedem Fall wird Ihr Bruder durch fein schweres Vergehen die Ur­sache zur Lösung Ihres Verlöbnisses geworden fein und ich vermag in der That nicht recht zu begreifen, was Sie bei dieser Sachlage noch abhalten kann, freiwillig einen Schritt zu thun, der nicht nur Ihre nächsten Angehörigen vor unauslösch­licher Schande bewahren, sondern auch Ihrem weiblichen Stolz eine herbe Demüthigung ersparen würde. Man stirbt am Ende des neunzehnten Jahrhunderts nicht mehr an gebrochenem Herzen, Fräulein Elfriede, und Ihre vermeintliche Liebe für diesen Rodewaldt, den Sie vielleicht kaum ein Dutzendmai ge­sehen haben, ist in Wahrheit gar nicht so groß, als Sie es sich selber jetzt einreden wollen. Seien Sie versichert, daß der Tausch nicht schlecht ist, welchen ich Ihnen vorgeschlagen habe! Ich liebe Sie aufrichtig und ich werde rechtschaffen bemüht sein, Sie den kleinen Kummer vergessen zu lassen, den Ihnen der Verzicht auf einen Jugendtraum für den Augenblick viel­leicht bereitet. Ich werde Ihnen der liebevollste und zärt­lichste

Genug genug!" fiel ihm Elfriede ins Wort, und wenn Ernst Hallenstein nicht die Gewißheit gehabt hätte, daß es feine Schwester fei, welche da drinnen weilte, so würde er sie an dem Klange ihrer völlig veränderten Stimme gewiß nicht erkannt haben.Viel zu lange schon habe ich Sie an» gehört; denn jedes Ihrer Worte war eine Beschimpfung, wie ich sie nimmer hätte dulden sollen. Die Rücksicht auf meinen unglücklichen Bruder allein war es, die mich so lange hier festhielt; denn ich vermochte noch immer nicht zu glauben, daß diese Erbärmlichkeit Ihr wahres Gesicht fei. Ich hoffte end­lich, auf eine menschlich klingende Saite in Ihrem Herzen zu treffen und durch meine Bitten Ihr Erbarmen wecken zu können. Ich fehe, daß ich mich getäuscht habe und daß wir nicht auf Mitleid rechnen dürfen bei einem Menschen, der tausendmal schlechter und verworfener ist als der, welcher hier für den Verbrecher gelten soll. Mag denn das Schicksal, das

ich nicht mehr abzuwenden vermag, seinen Lauf nehmen! Ich habe Ihnen nichts mehr zu sagen."

Nur noch einen Augenblick, Fräulein Elfriede! Ich will von den Beleidigungen in Ihren Worten nichts gehört haben; denn ich begreife ja, daß Sie sich in einiger Erregung befinden und daß mein Vorschlag auf den ersten Blick etwas Befremdliches für Sie haben mußte. Aber bei ruhiger lieber* legung werden Sie anders darüber denken. Ich verlange ja auch gar nicht, Sie der Welt schon morgen als meine ver­lobte Braut präsentiren zu dürfen. Ich werde schon zufrieden sein, wenn Sie mir nach der Aufhebung Ihres Verlöbnisses mit Rodewaldt das Recht geben wollen, mich um Ihre Siebe zu bewerben; denn ich gebe mich der Hoffnung hin, daß es meinem eifrigen Bemühen gelingen wird, diese Liebe zu ge­winnen und die Vorurtheile zu besiegen, in denen Sie jetzt noch in Bezug auf meine Person befangen sind. Ist diese Aussicht denn wirklich gar so entsetzlich, daß Sie es nur um ihretwillen nicht über sich gewinnen können, einen Menschen aufzugeben, der Ihnen ohnedies unter allen Umständen ver­loren ist?"

Allem Anschein nach hatte Elfriede es verschmäht, ihm auf diese neue Beleidigung überhaupt eine Antwort zu geben; denn Ernst Hallenstein hörte nur, daß drinnen ein Stuhl ge­rückt wurde, und er trat um einige Schritte von der Thür zurück, damit er beim Oeffnen derselben nicht in seiner Lauscher­stellung betroffen werde. Aber es hätte dieser Vorsicht noch nicht bedurft; denn die Thür blieb gefchlossen, und wieder er­tönte die Stimme Juliu» Stirners diesmal in raschen, hastigen, leidenschaftlich dringenden Worten, deren Inhalt der junge Arzt errieth, auch ohne sie zu verstehen.

Und dann erfolgte ein angstvoller Aufschrei aus weib­lichem Munde, ein Geräusch wie von dem Ringen zweier Menschen, ein Klirren und Klingen wie von dem Zerbrechen eines herabgestürzten Glasgegenstandes.

Mit einem Sprunge war Ernst Hallenstein wieder an der Thür gewesen, um sie aufzustoßen und seiner Schwester zu Hülfe zu eilen. Aber die Klinke gab feinem Druck nicht nach; der Elende mußte, ohne daß Elfriede es wahrgenommen, den Schlüssel hinter der Eintretenden umgedreht haben, fo daß sie in der That während dieser ganzen Zeit seine Ge­fangene gewesen war.

Wie ein Unsinniger rüttelte der Arzt an dem versperrten Schloß, und feiner durch die Verzweiflung verzehnfachten Jugendkraft vermochte es in der That nur für die Dauer von kaum zwei Minuten zu widerstehen. Krachend sprang die Thür unter seinem wuchtigen Stoß aus; aber wie fest­gebannt blieb Ernst Hallenstein auf der Schwelle stehen an­gesichts der überraschenden Situation, welche sich da seinen Blicken bot.

Elfriede, die er noch im Kampfe mit ihrem schurkischen Bedränger geglaubt, stand hoch aufgerichtet im Zimmer, einen Revolver in der erhobenen Rechten, dessen Mündung auf den mit allen Anzeichen der Todesfurcht hinter feinen Schreibtisch geflüchteten Julius Stirner gerichtet war. Ernst hatte die Waffe, die er an ihrem mit Silber tauschirten Sauf erkannte, bei feinem ersten Besuch auf einem kleinen indischen Tabouret neben der Ottomane liegen sehen, und er zweifelte nicht, daß seine Schwester sie van dort aufgerafft habe, um sie mit dem Verzweiflungsmuthe der höchsten Angst gegen ihren Besitzer zu kehren. Als sie den Bruder erblickte, schleuderte sie den Re­volver von sich und warf sich laut ausschluchzend an seine Brust.

Fort! Fort!" flehte sie mit erstickter Stimme. «Fuhre mich fort von hier! Bringe mich aus der Nähe dieses entsetz­lichen Menschen!" ,

Nicht eher, als bis ich ihn gezüchtigt habe, rote er s ver­dient! Die Thür ist offen, Elfriede, geh'! Mich aber laß noch für eine kurze Zeit mit diesem da allein; denn ich habe Abrechnung mit ihm zu halten ich"

Sein Äthern ging rasch und fein Gesicht war bis über die Stirn hinauf geröthet; der lodernde Blick, mit welchem feine Augen aus der schlotternden Gestalt Julius Stirner