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Hedwiga sah ihn fest an.
„Sie befürchten, daß Tante Irmgard ihre arme Schwester noch im Grabe an sich fesseln wird?"
„Das weniger, obwohl ich ein solches Resultat ausharrender Treue beklagen würde. Nein, Hed. wiga!" setzte Egon mit ousbreche«dkr Leidenschaft hinzu, „ich fürchte um mein eigen Glück. — Sie wissen, daß ich Sie liebe, Sie anbete, daß ich die vermessene Hoffnung auf Ihre Gegenliebe hege und die Welt aus ihren Angeln heben möchte, Sir mein zu nennen."
„Und fürchten doch dis Macht einer Sterbenden?" sprach Hedwiga mit sanftem Vorwurf, „kann die furchtsame Schwäche mit dem weltstürmenden Math so eng gepaart sein? — Wer giebt Ihnen das Recht, so klein von mir zu denken, Egon?'
„O, Verzeihung, Geliebte! ' rief der junge Mann, die nur schwach Widerstrebende an sein Herz ziehend Md ihr erglühendes Antlitz mit Küssen bedeckend. Sage mir das eine süße Wort, daß Du mich liebst, und ich fürchte weder Lebende noch Tobte."
„Hast Du das Wort nicht längst in meinen Augen gelesen, Du schlimmer Mann?^ lächelte Hedwiga, ihn zärtlich anblickend, „wozu das demüthi- gende G-ständniß, daß mein Herz mir nicht mehr gehört, daß ich einen Wilden liebe —"
„Dessen Herz und Seele Dir beim ersten Anblick zugeflogen, Du süße Zauberin!" jubelte Egon, „o, wiederhole mir das Wort hundertmal — tausendmal — ich möchte es immer, — immer wieder hören —"
„B s es zur alltäglichen Phrase geworden", fiel Hedwiga, sich rasch seinen Armen entwindend, mit feierlichem Ernste ein, „nein, mein Herr Doktor, Süßigkeiten verderben den Magen, — werden wir deshalb jetzt ein wenig vernünftig. Auch könnte man uns überraschen und die unnahbare Hofdame von ihrem Piedestal herabzerren. Ich werde in einer Stunde abreisen und doch selbstverständlich von Ulrich Abschied nehmen müssen. Meine Zofe wird mich begleiten und nun, a revoir, Herr Doktor I"
Sie reichte ihm die Hand, welche Egon zugleich mit der zarten Gestalt an sich zog.
„Fort, fort", flüsterte sie, „selbst meine Zofe darf dergleichen nicht ahnen."
„Du wirst doch der Sterbenden unser Glück nicht opfern, Hedwiga?"
„Rein, Ungläubiger, ich sehe eine solche Roth- Wendigkeit durchaus nicht ein."
„Und wirst mich rufen, Geliebte, wenn Gefahr Dir droht?" bat Egon innig.
„Gewiß, Theuerster 1" lächelte sie mit einem sinn- berückenden Blick, „wenn aber Dich die Pflicht urplötzlich in die Ferne rufen sollte?" setzte sie erschreckt hinzu. „Ulrichs Krankheit kann Dich nicht länger zurückhalten."
„Der Schwerpunkt meiner Pflicht ruht jetzt hier", erwiderte er ernst, „ich habe bereits cn meinen Stellvertreter geschrieben und den Vorstand der Expe- diüon in vorläufige Kenntniß davon gesetzt, da ich
ohne Ulrich sowieso nicht absegeln würde. Nach dieser Seite hin darfst Du vollständig beruhigt sein, geliebtes Herz!"
Hedwiga blickte ihn dankbar an, ein feuchter Glanz schimmerte in ihren dunklen Augen.
„Wie gut Du bist", flüsterte sie, beide Arme um seinen Hals schlingend, „jetzt gehe ich beruhig! mit dem Versprechen, daß keine Macht der Erde uns trennen soll. Grüße Ulrich von mir."
Noch ein Kuß, ein inniges Liebes wort, und Egon ging nach feinem Hotel, wo er Ulrich in fiebernder Ungeduld seiner harrend fand.
Er lag im Bett mit einer Zeitung vor sich.
„Lesen Sie, Freund! lesen Sie diese Notiz", ries er ihm fast athemlos zu.
Egon nahm ruhig das Blatt und sah nach dem Datum desselben.
„Schon über 14 Tage alt", versetzte er kopfschüttelnd, „was in aller Welt kann Sie so auf. regen, lieber Ulrich? —"
„Ach so, es betrifft Ihren unheimlichen Feind?" setzte er überrascht hinzu, „man hatte den Schuft also hierher gebracht? —"
„Ja, ja, und zwar als Verbrecher in's Gefängniß geworfen, verstehen Sie das, Egon?"
„Und der Bursche ist entflohen, wie's hier steht", nickte Egon nachdenklich, „daraus werde der Henker klag."
„Es weckt die alte Unruhs wieder in mit", rief Ulrich, sich fieberhaft erregt aufrichtend, „Egon, treuer Freund, wann können wir abreisen? Ich bin nicht mehr krank, will's nicht mehr sein. Der Fürst kann mich nicht schützen, da ich meine Unschuld nicht zu beweisen vermag, lieber die Kugel als vor die Schranken des Gerichts."
Egon drückte ihn sanft auf sein Kiffen zurück.
„Sie tödten sich mit dieser ganz unnöthigen Unruhr, Freund Ulrich!" sagte er liebevoll. „Faffen Sie doch die eigentliche Sachlage kaltblütig in's Auge. Der Elende ist vielleicht gar auf des Fürsten Befehl hierher gebracht worden, um ihn auf irgend eine Weife unschädlich zu machen. Er sah sich in der eigenen Schlinge gefangen und entfloh."
„Wie konnte er das allein bewerkstelligen?" fragte Ulrich.
„Ja, das kann ich nicht wissen, ein Spitzbube wie der wird dergleichen besser kennen als wir, mein Lieber I — Genug für uns, daß er sich unter Schloß und Riegel unbehaglich gefühlt und das böse ®e< wissen ihn zur Flucht getrieben hat. Ich bin heute zum Fürsten befohlen und werde nicht verfehlen, in dieser Sache ein wenig auf den Busch zu klopfen, fordere aber auch von dem Manne, der sich so Hel- denhaft durch die Welt hat schlagen müssen, ein wenig mehr kaltblütigen Muth gegen ein Phantom."
„Heldenhaft durchgeschlagen", wiederholte Ulrich, bitter lachend, „welche Satyrs auf mein Jammerleben , auf meine vagabondenartige Heimkehr I — Sie wollen mich dernüthigen, Egon!"
„Das glauben Sie selber nicht, mein armer


