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„Was ist da zu entschuldigen, Siegfried, wenn Du Besuch hast! Meine Zeit ist außerdem abgelaufen, und ich will mich ebenfalls empfehlen! Adieu, Frau Rohdenberg", sagte er, der Letzteren die Hand reichend, und nun keine Grillen mehr gefangen, ich stehe für Alles ein und will schon aufpaffen, daß nichts geschieht, was Ihren Beifall nicht hat!"
Er nahm seinen Hut und Regenschirm und mit den Worten: „Leb wohl, Siegfried", verließ er, nachdem Großmutter und Enkel den Abschiedsgruß erwidert, das Zimmer.
Siegfried entfernte sich durch die andere Thür. Frau Rohdenberg blickte mehrere Minuten stumm vor sich hin, dann flüsterten ihre Lippen:
„Ich kann mich von der Ahnung nicht lormachen, daß ihm in dem reichen Patricierhause irgend etwas passirt! Schütze Du, mein Herr und Gott, ihn, dessen Herz so rein und gut und ohne Falsch ist, daß er dort seinen inneren Frieden bewahrt, ohne den er die Babu nicht wandeln kann, die er eilige« schlagen hat und die er mit so guten Aussichten betreten!"
Fünftes Kapitel.
„Ich muß um Entschuldigung bitten", sagte Langenbach, nachdem die Freunde sich begrübt hatten, daß Sie heute den Weg nach meiner Wohnung vergeben« gemacht haben, abrr Herrendienst geht vor, in diesem Falle Frauendienst. Ich wurde zu einer Frau geholt, die ich schon längere Zeit in Behandlung gehabt. Sie glauben nicht, Rohdenberg — und diese Erfahrung macht jeder Arzt, auch ich habe sie in meiner kurzen Praxis schon gemacht — wie sehr namentlich die weiblichen Kranken dazu geneigt find, ihren Arzt, sobald sie Vertrauen zu ihm haben, zu ihrem Beichtvater zu machen. Da hö t er denn bisweilen einen ganzen Roman und bekommt Einblick in die wunderbarsten Verhältnisse. Ich sprach vor einiger Zeit mit einem älteren Arzte über diesen Gegenstand, derselbe sagte mir, es sei gerade so, als wenn gewisse Kranke von der Manie besessen wären, demjenigen, dem sie ihren Körper anvertrauten, auch jede Regung ihrer Seele und hiermit zugleich jedes auf deren Grunde liegende Gehciumiß anzuvertrauen. Und wenn man auch gar nichts wissen wolle und mit allen Kräften abwehre, es hülfe nichts, man erhalte nicht eher Ruhr, als bis man Alles erfahren. Er schloß mit den Worten: „Kein Mensch, mein junger Herr College, hat eine Ahnung davon, wie unendlich viele ergreifende Familienromane sich täglich in unserer nächsten Nähe abspielen, es sieht sie nur Niemand, und nur dem Arzte wird häufiger Gelegenheit geboten, einige Kapitel davon zu hören. Die Kranke, die ich augenblicklich in Behandlung Md soeben besucht habe, hat ein Nervenleiden, da« fich sogar dann und wann i bis zu hysterischen Krämpfen" steigert, liefert ein l Beispiel. Keine Kranke schickt so oft zu mir als '
sie, und ich komme jedesmal gern, nicht allein, weil ich angefangen habe, mich persönlich für sie zu in- teressiren, sondern weil ich gerade sehr eifrig Pathologie und Therapie studire, und mit doppeltem Eifer ditjsnigen Krankheiten, welche mir zur Zeit von Süten der Poliklinik übertragen find. In diesem Falle, wo außer den gewöhnlichen auch noch ein« Reihe psychologischer Symptome in die Erscheinung treten, achte ich ganz besonders auf die Letzteren und gebe mit Mühe, diese auch psychologisch zu bekämpfen, eine Methode, von der ich glaube, daß sie häufig besser zum Ziele führt, als durch Darreichung Gott weiß welcher Medicamente, und ich bin überzeugt, daß man in vielen Fällen mit Zuspruch, Trost und derartigen Mittiln weiter reicht, als mit Pillen, Pulvern und bitteren Mixturen!"
„Wenn ich nicht schon müßte", sagte Siegfried, „daß sich Ihr lustiges Gesicht auch unter Umständen in ernste Falten ziehen kann, so vermöchte ich nicht, Sie mir als Spender von Trost und Zuspruch vorzustellen." ,
„Erzeigen Sie mir die Gefälligkeit, Rohdenberg, einmal sterbenskrank zu werden."
„Sind Sie des Teufels? ^ch werde mich hüten!" „Ich würde Ihnen dann den Beweis liefern, falls Sie mich zu Ihrem Medicus erwählten, über welch' ein Lager von solchen Mitteln ich verfügen kann."
„Ich glaube Ihnen das auf's Wort und sehe davon ab, als Material für Ihre Beweisführung zu dienen." (Fortsetzung folgt.)
Die Iteöerschrvemmungen des Heköen Ikusses in Mna.
(Schluß.)
Die kaiserliche Familie hat mit Bezug auf das entsetzliche Unglück am 15, Oktober in der „Pekinger Zeitung" folgendes Edikt erlassen:
„Der Kaiser giebt hiermit dem tiefen Schmerze Ausdruck, der ihm durch dir Ueberschwemmungen in Honan, wo der „Gelbe Fluß" in den Distrikten von Tscheng-Tschu etwas oberhalb von K'ai'feng Fu ausgetreten ist, über die Bevölkerung hereingebrochenen Leiden verucsachen. Die Schwere des Unheils hat der Kaiserin Mutter Schlaf und Appetit geraubt. Sie ersucht den Kaiser, dem Gouverneur von Honan 100 000 Tael aus den Ersparnissen der Privatkasse zur Verfügung zu stellen, damit er dieselben unter die Noihleidenden in seiner Provinz und der benachbarten Provinz von Anchui vertheilen lasse. Der Gouverneur wird aufgefordert, tüchtige Beamten zu wählen, welche die ernstlichen Anstrengungen machen sollen, diese Aufgabe durchzusühren und darauf zu sehen haben, daß kein Mißbrauch getrieben wird. J;der Tag, der dadurch gewonnen wird, den Un-


