Ausgabe 
19.1.1888
 
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deß jetzt heißt er allerdings in erster Linie Dekora­tion, aber Dekorationen des Bahnhofs! Frisch an's Werk!"

* H *

Es gab noch eine zweite Person am Bahnhof Glsiwitz, dem die wenigen Worte:Usbermorgen längerer Halt" gar viel Kopfschmerz bereiteten. Und das war Herr Karl Georg Friedrich Wilhelm Korbjuhn, wohlbestallter Bahnhofsrestaurateur der Station Gleiwitz, ein kleines, höchst adrettes, flinkes Männchen flink, trotzdem er einen ge- w ssen Avflug eines gewissen Schmeerbäuchleins nicht hinweg zu leugnen vermochte, und adrett und stets so sauber adjastirt, wie aus dem Ei gepellt, und als ob er täglich mindestens einen in- oder aus- ländischen Potentaten zu erwarten gehabt hätte. Er, der sonst immer und stets im Geschäfte thätig, in­mitten seiner meist aus Gleiwitzer Honorationen be­stehenden Gäste zu finden war, am nächsten Tage fehlte er ost Stunden lang. Eingeweihte wollten wissen, daß er oben in seinem Wohnzimmer vor dem großen Spiegel stand und die Positionen sich ein- studirte, welche etuzunehmen er beim Empfang des Prinzregmtm als unerläßlich erachtete. Bei dieser patriotischen Beschäftigung wurde er durch einen Bahnbedienstetm gestört, welcher ihm die Ankunft einer Depesche avifirte. Schleunigst eilte Herr Korbjuhn nach dem Büreau, und da sand sich denn auch richtig ein an ihn gerichtetes Telegramm, von der Grenzstation Myslowitz kommend vor, in dem es h-,der Bahnhofsrestaurateur in Gleiwitz möge sich zu morgen, den 28., früh zu einem Dejeuner für 32 königliche Herrschaften gehörig einrichten."

Unser biederer Korbjuhn war vor Schreck einer Ohnmacht nahe, und dieser Schreck war so ziemlich begründet. Auf dem damals so winzigen bescheidenen Bahnhof, wo bei regem Verkehr der Verkauf von einem Dutzend sogenannter Oppler Wurst schon ein glänzendes Geschäft genannt wurde und Sensation erregte, sollte urplötzlichein Dcje-mer für 32 sage Zweiunddreißig königliche Herrschaften herbei­gezaubert werden. Noch stand Korbjuhn rathlos und wie versteinert mit der Depesche in der Hand da und jammerte in sich hinein:W'llem, Willem, wie wirst Du das schaffen?" Noch hielt er eben Revue über seinen Weinvorrath über vorhandenes Porzellan rc., da kam wie aus den Wolken eine Ueberraschung: eins einzelne Lokomotive fährt in den Bahnhof ein, derselben entsteigt ein sogenannter Feldjägerlieutenant und tritt direkt in den Restaurations- respektive Wartesaal.

Restaurateur?"

Sehr wohl, mein Name ist Korbjuhn."

Name Nebensache. Depesche erhalten?" Ja wohl."

Ich werde die Depesche ergänzen: Also, nicht

für 32, sondern für 84 königliche Herrschsften richten Sie sich morgen nVt dem Dejeuner ein, hören Sst, 84. Sorgen Sie für Licht, für Handtücher und Waschschüsseln. Die Herrschoften werden erst Toilette machen. Verstanden? Nun gut. Jetzt komme ich an die Reihe. Besorgen Sie mir ein kleines Souper, guten, verstanden, trinkbaren Rothwein und ein an­ständiges Logis. Selbstredend hier auf dem Bahn­hof."

Der arme, schwergeprüfte Wirth war nunmehr zur vollständigen Säule geworden. Logis für den Herrn Lieutenant, nun, das ging ja noch; er mußte ihm einfach sein eigenes Zimmer überlassen. Wo er sein wüdes Haupt hinlegen würde, das mußte sich erst finden. Souper und der gute trinkbare Roth- wein war auch da, aber, aber heiliger Chip- sostomus, Schutzpatron von Gleiwitz hilf!für vier­undachtzig königliche Herrschaften Frühstück!!!

Zum Unglück war die Frau des bejammerns« werthen Wirthrs verreist; er stand ganz allein da, nicht einmal ein Kellner war vorhanden. Seine einzige Stütze war ein kugelrundes, äußerst bornirtes polnisches Dienstmädchen, das alles verkehrt machte.

Doch auf, Korbjuhn!" so ermannte sich dieser plötzlich aus seiner Lethargie.Auf I Zeige, was Du zu thnn fähig bist für Dein angestammtes Herrscherhaus!" Und so machte er sich denn schleunigst auf den Weg nach der etwa 25 Minuten vom Bahnhof entfernten Stadt. Sein erster Gang galt dem Hotelbesitzerzur goldenen Gans."

Freund und College", so sprach er den Besitzer Herrn Auma an,jetzt gilt's Euren Patriotismus zu bewähren: Pump! mir Eure alte brave Köchin und einen Kellner, nur von fttzt bis morgen Vor­mittag Ihr sollt sie dann beide unversehrt zu­rück haben."

Ihr seid ja ganz außer dem Häuschen, Korb- juhn, was ist denn los bei Such?"

Das wißt ihr noch nicht?" fragte Korbjuhn, und sich mit dem ganzen Stolze Alt-England's um­gürtend, sagte er mit Pathos:

Der Prinz Regent mit reichem Gefolge

Beehren meine Hütte."

Das wirkte. Den Kellner und die Köchin hatte er weg. Korbjuhn war glücklich er hätte sie beide umarmen mögen; ja, selbst die Köchin, trotz ihrer 50 Jahre. Es war mittlerweile schon spät Abend geworden, bevor die diversen Einkäufe er­ledigt waren, und halb Gleiwitz lag schon in Morpheus' Armen. Aber noch immer war das nöthige Porzellan, Taffen, Teller, Waschschüsseln re. nicht aufgetrteben.

(Schluß folgt.)

Redaktion: A, Scheyda, DM und .Berlag der Brüh!'schm Druckerei Er. Chr. Pietsch) in Pichen,