Ausgabe 
18.10.1888
 
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Ulrich von Jmmenborf feststellen zu lasten, wobei er sich nach der heutigen Erfahrung ferner sagen mußte, daß der Verwundete jedenfalls gegründete Ursache haben müste, seinen Feind zu fürchten und ihn des­halb lieber verleugnen als verrathen werde.

Gut!" murmelte Thorsen nach dieser logischen Erwägung,dann werde ich meinen Zeitpunkt ab­warten und den Burschen überlisten."

19.

Wie die Folge es gelehrt, hatte Ulrichs letzter verzweifelter Entschluß ein unerwartet großes Resul­tat gehabt, zumal Egon Dörner al» Fürsprecher aufgetreten war und dem Fürsten in einer Privat- Audienz die ganze Lage de» unglücklichen jungen Mannes, welcher durch eiue Verkettung unseliger Zufälle zum Mörder gestempelt worden, klar dar- gelegt hatte.

Gestatten Durchlaucht mir hinzuzufügen", so hatte Egon seinen Bericht geschlosten,daß mein Onkel und ich nicht den mindesten Grund haben, die Angaben des jungen Jmmendorf zu bezweifeln, da Major Tellkamp ihn stets als einen offenen, ehrenhaften und wahrheitsliebenden Charakter erkannt und erprobt hat."

Auch ich habe Ulrich von Jmmendorfs Charak­ter in solcher Weise erprobt", hatte der Fürst gedan­kenvoll erwidert,er war ein wilder Brausekopf, aber ein ehrenhafter und muthiger Jüngling, besten Zukunft nach anderer Richtung hin sicherlich bedeu­tend geworden wäre. Schade um diese verlorene Jugend, welche, wie ich sehr wohl weiß, auf eine« Dritten Conto gesetzt werden muß. Doch lasten wir diese Erör erungen. Ich schulde dem jungen Frei­herrn persönlich und freue mich, diese Schuld durch einen einfachen Act der Gerechtigkeit jetzt abtragen zu können. Die Bürgschaft solcher Männer recht, fertigt mein Vertrauen, doch, seien Sie ruhig, lieber Doktor! auch ohne diese hätte ich Ihrem Freunde geglaubt. Rufen Sie ihn, bitte, selbst hier­her und bleiben Sie anwesend."

So war Ulrich zum Fürsten Friedrich gekommen und von diesem sehr huldvoll ausgenommen worden. Er hatte nicht nöthig gehabt, die für ihn so quäl- volle Geschichte seiner Jugend und späteren Jahre zu wiederholen, sondern nur die fürstliche Versiche­rung des hohen Schutzes und die Bestallung seines väterlichen Ranges als Oberhaupt der fretherrltchen Famrlie empfangen.

Die beiden Freunde waren alsdann der jungen Fürstin vorgestellt und von dem hohen Paare in jeder Weise ausgezeichnet worden, wie es bei dem Einzüge in die Stadt X. gesehen und von aller Welt mit Genuglhuung bemerkt worden war.

Wie ein jäher Donnerschlag bei Hellem Sonnen­schein mußte deshalb in diese glückliche Sicherheit auf'« Reue der unheimliche NameAdam Sturm" erdröhnen und den armen Ulrich mit Entsetzen er­füllen. War John Walter genesen? Oderhatteer

einen Verbündeten gefunden, um ihn zu ängstigen? Woher aber sollte er seinen wirklichen Stand und Namen kennen?

Wenn der alte Johann vielleicht geplaudert hätte? Er dachte an die entlastens Dtenstmagd, von welcher er im Hause vernommen, und seine Unruhe wuchs von Minute zu Minute. Der kleinste Schall kann die Lawine in Bewegung setzen! O, wenn der Zug erst sein Ende erreicht hätte!

Nun, das geschah auch, wie Alles im Leben sein Ende erreicht. Weshalb aber fürchtete sich der junge Mann noch jetzt vor einer Entdeckung, jetzt, wo die mächtigste Hand im Lande ihn schützte und keine Schuld sein Gewiffen belastete?

Nun, weil Ulrich von Jmmendorf bei ollen tollen Streichen der Jugend, in Noth und Entbehrungen späterer Jahre, ja, bei den niedrigsten Arbeiten, wozu ihn Hunger und Elend gezwungen, doch stets de» stolzen, unabhängigen Sinn sich bewahrt und den Schild der Ehre sich spiegelblank erhalten hatte. Deshalb graute ihm vor einer Entdeckung, welche ihn zum Mörder stempeln, ihn in die Region der Verbrecher hinabstoßen konnte, und vor der Gewiß­heit, daß hier selbst die mächtige Hand des Fürsten ihm keinen Schutz mehr gewähren konnte, weil er keinen anderen Beweis seiner Schuldlosigkeit, als die einfache Betheuerung derselben, al« sein Ehren­wort besaß.

Egon sah und fühlte, wie der Unglückliche litt und beschloß deshalb, augenblicklich für ihn zu han­deln. Al« der fürstliche Vierspänner vor dem Schloß- Portal hielt, wo da« ausgestellte Militär mit der Musik die üblichen Ehrenbezeugungen vollsührte, die Kanonen auf dem Wall ihre donnernden Grüße dar­brachten, und da« hohe Paar endlich seine Zimmer erreicht hatte, um sich auszuruhen, hatte sich Ulrich von dem Freunde verabschiedet, um da« väterliche Heim aufzusuchen.

Entschuldigen Sie mich beim Fürsten, Doktor!" bat er leise,ich muß einige Stunden unter dem Dach meiner Väter ruhen, um da« nöthige Gleich­gewicht wieder zu erlangen."

Gut, ich will'« besorgen", nickte Egon,werde später zu Ihnen kommen. Ihre Damen müssen sich jedenfalls zur Tafel bereit halten."

Freilich, Hedwiga, Tante Ulrike kann die Kranke nicht verlassen, doch wird Ihr Onkel mit den Damen sicherlich erscheinen."

Ohne Zweifel, schauen Sie nicht so düster, Ulrich! wir wollen jene« Gespenst, da« uns mit Adam Sturm umspukt, bald kalt stellen. Kopf hoch, ein fürstliche« Wort vermag noch heute einen Alexanderknoten zu lösen und gilt ebenso viel wie ein thatsächlicher Beweis."

Ulrich lächelte schwach, drückte ihm die Hand und ging, während Egon ihm eine Weile nachblickte und dann gedankenvoll da« Schloß betrat, um sich zum Fürsten, der ihn bereit« zu erwarten schien, zu begeben. (Fortsetzung folgt.)

Redaktion: A. Scheyda. Druck und Verlag der Brühl'schen Druckerei (Fr. Chr. Pietsch) in Gießen.