896
Der Kutscher schwang seine Peitsche und seine erschöpften Thiers schlichen langsam durch die dunkle, schmutzige Straße hin, nachdem ihm der Krämer gesagt hatte, wo er hingrhen sollte.
„Kommt herein, Sir", sagte der Krämer zu Herrn Gower, sich nach seinem Laden wendend. „Ich kann Euch ein Zimmer für die Nacht geben, da Ihr weder für Geld, noch aus Gefälligkeit einen Wagen bekommen werdet! Die wenigen Pferde, die in Gloam-Vale sind, gehören den Pächtern, welche sie den ganzen Tag benutzen, so daß sie für Nachtreisen nicht geeignet sind. Ueberdies ist das Wetter furchtbar schlecht —" '
Herr Gower unterbrach den Mann mit einem ungeduldigen Ausruf.
„Seid Ihr überzeugt, daß keine Pferde zu haben sind? Ich will Alles bezahlen!"
Der Krämer wiederholte feine Behauptung.
„Wenn keine Pferde zu haben sind, will ich zu Fuße nach der Bergerfpitze gehen I" rief Herr Gower entschlossen.
„Ich habe äußerst dringend in Bleak-Top zu thun und muß heute Abend noch dort sein!"
Er ließ sich von dem Krämer ein Glas Branntwein bringen, stürzte das feurige Getränk auf einmal hinunter, warf einen Schilling auf den Ladentisch und lenkte seine Schritte gegen Bleak.Top zu.
„Ausgefpürt!" murmelte er jubelnd, als er die Straße entlang ging. „Ich habe sie also wieder gefunden! Ich werde sie in Bleak-Top mit ihrem irrsinnigen Ritter finden. Sie soll den Tag bereuen, an dem sie es zuerst versuchte, mich zu überlisten! O, diese kleine, neckische, boshafte Schöne! Trotz ihrer Kälte und Verachtung liebe ich sie doch noch! Wir wollen sehen, wer das Spiel gewinnen soll — sie oder ich?"
Er eilte weiter, sich dichter einhüllend. Der feine Schnee sprühte ihm in's Gesicht — der eiskalte Wind durchdrang ihm Mark und Bein. Der Weg war schwierig, aber angefeuert von seinen beiden großen Leidenschaften, Liebe und Rache, leistete Herr Gower dem Sturme kühnen Widerstand.
Er begann den einsamen Berg empor zu steigen. Unter ihm funkelten die Lichter von Gloam-Vale. Vor und neben sich konnte er in Folge des blendenden Schneenebels gar nichts sehen.
„Eine abscheuliche Nacht!" murmelte er. „Er wäre bester gewesen, wenn meine Ungeduld mir gestattet hätte, bis morgen zu warten. Wie überrascht Olla sein wird, mich zu sehen! Ich kann mir ihr Erstaunen und ihren Schrecken vorstellen!"
Er ging beharrlich weiter, kam aber nur lang- sam vorwärts, denn der Sturmwind und der schlüpf, rtge Weg, auf welchem er zuweilen bis an die Kniee in Schneehaufen versank, waren seinem Weiterkommen sehr hinderlich. Sein Zorn gegen seine entflohene Mündel wurde um so heftiger und größer, je mehr er mit den Schwierigkeiten des Weges kämpfen mußte.
„Thor, der ich war!" rief er aus. „Ich hätte
eine Laterne mitnehmen sollen. Aber ich will nicht umkchren, selbst wenn ich in diesem Sturm zu Grunde gehen müßte."
Endlich sah Gower Licht, doch es schien ihm unmöglich, daß er bereits Bleak-Top erreicht hätte.
Das Licht drang aus dem Fenster eines Hauses zu seiner Rechten, das in einiger Entfernung stand. Es war bet Schein von Hefter Lowder's Lampe, der aus dem Fenster des Wohnzimmers in Gloam-Fell in die finstere Nacht hinaus fiel.
Herr Gower ging dem Lichtschein entgegen, entschlossen, sich auszuruhen und sich zu wärmen, ehe er seinen Weg fortsetzte. Er trat sodann in den Garten von Gloam-Fell ein und schritt auf das Haus zu. Als er näher kam, schaute er durch das Fenster des Wohnzimmers hinein.
Es war kein Bild häuslicher Freuden, das sich hier seinen Blicken darbot.
In dem Lichte des Feuerscheines saß Hefter Lowder. Ihr Kind lag auf ihrem Schooße seltsam ruhig. Kein fröhliches Lachen tönte durch das Zimmer — kein kindliches Jauchzen erfreute der Mutter Herz.
Er konnte das Gesicht der jungen Frau nicht sehen; aber ihre Haltung war dir der tiefsten Verzweiflung. Ihr zartgeformter, mädchenhafter Kopf war tief zu ihrem Kinde herabgesenkt. Sie schien zu lauschen, um zu hören, ob das Kind noch athme.
Ergriffen von dieser Scene, von dem stummen Schmerz und der Verzweiflung, die sich in Hester'r Haltung ausdrückte, schlich sich Herr Gower von dem Fenster fort und ging zu dem rückwärtigen Eingänge, wo er laut klopfte.
Frau Tooker, welche jetzt die Stelle einer Haushälterin versah, öffnete ihm und ließ ihn in ihre kleine, warme Küche ein.
„Wir erwarten Euch schon seit langer Zeit", rief sie aus. ,,£), es ist gar nicht der Doktor!"
„Nein, Madame, ich bin kein Doktor, nur ein Reisender, der sich gerne an Eurem Feuer wärmen möchte", antwortete Herr Gower, auf den Heerd zugehend. „Ist Jemand krank hier im Hause?"
„Nur das Kind, Herr, Frau Blees' Kind", antwortete Frau Tooker. „Wollt Ihr Euch nicht setzen?"
Sie schob Herrn Gower einen Stuhl hin, welcher Platz nahm und seine erstarrten Füße in die Nähe des warmen Ofens brachte.
„Es muß eine schreckliche Nacht draußen sein", sagte Frau Tooker, unruhig an's Fenster tretend. „Ich wünschte, der Doktor wäre schon da; ich fürchte, der kleine Jasper wird sterben, und wenn der Kleine stirbt, meine ich immer, daß seine Mutter den Schlag nicht überlebt."
„Wie habt Ihr gesagt, ist der Name? Wen habt Ihr Jasper genannt?" fragte Herr Gower.
„Das Kind, Herr — Frau Blees' Kind. Er heißt Jasper wie fein Vater", erklärte Frau Tooker, welche in ihrer Unruhe und Bekümmerniß ungemein gesprächig war, als ob sie gleichsam hoffte, in dem


