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Anna war ein gutherziges, leichtgläubiges kleines Ding, dos vor dem Urlheil der älteren Freundin einen außerordentlichen Respect hatte. Aber als Emil eine Stunde später ihr so zärtlich in den Pferdebahn­wagen steigen half und für das Baby und die kleine Minnie Apfelsinen kaufte, da quälte sie doch das Ge- wiffen ein wenig, und sie würde Alles bekannt haben, wenn nicht Thekla neben ihr gestanden hätte.

Ich werde jede Secunde zählen, bis Du wieder Hein kehrst, Anna", sagte Emil, und gab ihr einen Kuß.

Ach! der Betrüger!" zischte ihr Thekla in's Ohr, natürlich von der andern Seite.

Du weißt", fuhr der gewiflenlose Gatte fort, daß mir ordentlich bange ist, wenn ich einmal den Thce allein trinken soll. Ich werde mich recht ein­sam fühlen, wenn Du nicht da bist und unsere Minnie."

Eingemachte Austern und Champagner", kicherte Thekla boshaft und hielt ihren Mund so dicht an Annas Ohr, daß ihre Worte deren Trommelfell wie ein Keulenschlag traf.O ja, schrecklich einsam. Hahaha!"

Der Zug fuhr ab, und Thekla eilte zurück, öffnete ! mit dem Schlüssel, den ihr Anna gegeben, die Hinter« ! trcppcnihür, schlich sich hinauf nach dem Speisezimmer und versteckte sich in einem Winkel des Wandschranks. - Runge schickt immer feine eigenen Gläser und j Teller", sagte sie für sich,so habe ich nicht zu l fürchten, daß man etwas von dem Tafelgeschirr hier f braucht und werde ganz ungestört sein."

Dann vergegenwärtigte sie sich, daß sie sich ja nur zu dem Zwecke hier verbarg, um ihrer geliebten Freundin über den schurkischen Charakter ihres Gatten die Augen öffnen zu können, und kam sich in Rücksicht; hi erauf als eine recht hochherzige Freundin vor.

Im anstoßenden Zimmer schlug die Uhr vier.

Nrch sehr früh", sagte Thekla für sich.Da werde ich noch tüchtig zu warten haben. Aber btffer zu früh, als zu spät."

Um sechs Uhr kam Emil nach Haufe und trank seinen Thee allein, und Thekla mußte sich in den äußersten, höchst unbequemen Winkel hinter eine Wasser- ! filtrirtonne zurückziehen, um nicht von Barbara, demi flinken kleinen Stubenmädchen, entdeckt zu worden, als ! dieselbe das Tafelgeschirr holte und wiederbrachte.

Nur Geduld", dachte Thekla,sttzt dauert es ' nicht mehr lange, die Gäste müssen bald kommen." f

Berbara schüttete Kohlen auf den Rost, stellte den ! Ofenschirm zurecht und zog sich zurück. Und Emil; zündete sich eine Cigarre an, nahm ein Buch, das er i sich mitgebrecht, vom Tisch, setzte sich vor den Kamin, j stützte die in Hausschuhen steckenden Füße auf das! Feuergitter und vertiefte sich in seine Lcctüre.

Es schlug sieben Uhr acht Uhr neun Uhr \ zehn Uhr, und noch immer war keine Gesellschaft da. Emil las und las und wendete Blatt auf Blatt mit ! einer Ruhe um, die Theklas Unruhe allmälig bis auf den höchsten Grad steigerte.

Elf! Emil erhob sich, gähnte fürchterlich, schraubte ?

die Garflamme herunter, verschloß sorgfältig dem Wandschrank, was sonst immer seine Frau that der Schrank barg nämlich auch die sämmtlichen SU» bersachen verließ das Zimmer, ging die Treppe hinauf und legte sich schlafen, ohne eine Ahnung zu haben, welches Kleinod er in Gesellschaft des Silber­geschirrs eingeschloffen hatte.

Am andern Morgen, gerade als Emil die Mor­genzeitung auseinanderfaltete, kam die kleine Barbar» herbeigeeilt.

Ach, Herr", sagte sie, bleich wie ein Bettlaken, es sind gewiß Diebe im Silberschrank. Da drinnen schreit es und poltert es ganz fürchterlich!"

Aber er ist ja verfchloflen", erwiderte Emil- und ich habe den Schlüffel hier in der Tasche!"

Dann sitzen sie vielleicht schon seit gestern drin. Ach, Herr! Das Geräusch ist wirklich schrecklich. Möchten Sie nicht selber hinkommen, Herr?"

Emil nahm seinen Revolver, holte dann noch ein langes Küchenmesser, ging so bewaffnet in das Speise­zimmer und schloß den Schrank auf.

Drinnen, in einem Winkel zusammengeduckt, saß Thikla; sie hielt ein Taschentuch vor das Gesicht gedrückt, denn soeben hatte sie einen heftigen Kinn« backenkrampf bekommen.

Der Taufend!" rief Emil, und wußte nicht recht, ob er seinen Augen trauen sollte,Fräulein Probst!"

Ich wurde aus Versehen eingeschloffen", lallte Thekla, so gut es ihr der Schmerz gestattete,bitte, lassen Sie mich hinaus!"

In demselben Augenblick polterte es auf der Treppe; es war Anna mit den Kindern.

Die kleine Frau flog in ihres Gatten Arme.

Theurer Emil", schluchzte sie,ich konnte die ganze Nacht nicht schlafen, ich mußte immer daran denken, daß ich Dich durch Spione bewachen ließ. Ach, Emil, ich werde es auch nie wiederthun, nie, nie!"

Spione?" wiederholte Thekla hinter ihrem Taschen­tuch.Ich sehe keine, hier gab es nur Ratten und Mäuse und schwarze Käfer! Und", sie konnte sich nicht länger beherrschen,ja, wenn ich gewußt hätte, daß Du ein so schwachherziges, erbärmliches Ding bist, Anna, so würde ich mich gewiß nicht dazu hergegeben haben, Dir beizustehen I"

Ich brauche Deinen Beistand auch nicht!" ent­gegnete Anna muthig.Suche Dir selbst einen Ehe­mann, wenn Du spioniren und horchen willst!"

Und Thekla ging wüthend nach Hause und sprach drei Wochen lang nicht ein Wort mit Anna.

Es ist richtig", sagte sie während dieser Zeit wohl hundert Mal,Emil gab an jenem Abend keine Herrengesellschaft. Aber das ist doch nicht meine Schuld, das kann mir doch nicht zur Last gelegt wer­den. Diese Anna! Die Pein, die ich für sie in dem dumpfen Schrank ausgestanden habe, achtet sie für nichts! So ein fchwarzer Undank!"

Jetzt lachen die beiden Freundinnen wieder ganz munter zusammen, aber Thekla schämt sich doch immer noch ein wenig vor ihrer Freundin.

Redaction: A. Sche hda. Druck und Verlag der Brühl'scheu Druckerei (Fr. Chr. Pietsch) in (Siegen.