130
wieder nicht, ich habe eine Million, und habe sie wieder nicht."
„Sie meinen: Mein ganzer Reichthum ist mein Lied, in diesem Falle meine Violine! Möglich, daß sie Ihnen bei einiger Sparsamkeit und etwa« reich' lich Glück am Ende Ihre« Lebens zu einem Milliönchen verhalfen hat. Es kann auch weniger sein — ich kenne bi« jetzt keinen Künstler, der in dem Geruch stände, ein Millionär zu sein."
„So meinte ich es nicht. Nein, de facto, Langenbach, ich habe wirklich eine Million."
„Sie sprechen in Räthseln, drücken Sie sich beut» licher aus."
„Jetzt, lieber Langenbach, kommt der Augenblick, wo ich Sie in das Geheimniß einweihen muß."
Siegfried berichtete jetzt ausführlich von dem Familirngeheimniß. Als er der verlornen Bibel erwähnte und den Einband beschrieb, desien Silber» beschlag mit Rubinen besetzt und auf dem das Leiden Christi eingravirt war, da fuhr Langenbach überrascht in die Höhe.
„Was ist Ihnen?" fragte Siegfried.
„O, nichts, nichts! Mir fiel nur etwas ein!" „Hatte es Bezug auf die Bibel?"
„Keine Idee!"
Langenbach hatte sich rasch gefaßt und setzte hinzu:
„Ich bin heute sehr zerstreut. Ich habe ganz vergessen, daß ich heute noch eine kranke Frau besuchen muß, die beständig eine aufgeschlagene Bibel vor sich liegen hat, in der sie wahrscheinlich gar nicht liest. Es wäre mir vielleicht gar nicht eingefallen, wenn meine Gedanken nicht von Ihrer Bibel auf die meiner Patientin gerathen wären. Bitte, fahren Sir fort!"
Al« Siegfried seine Erzählung beendet, sah er den Freund gespannt an und sagte:
„Was glauben Sie, Langenbach, sollte es mög» lich sein, eine Spur der verlornen Bibel zu ent» decken?"
„Bester Freund", erwiderte der Mediciner, „lassen Sie mich die Sache gehörig überlegen, so will ich Ihnen später meine Ansicht darüber mittheilen. So sind Sie ja in der That ein Millionär ohne eine Million! Alle Wetter, wenn wir diesen Widerspruch auflösen könnten, wenn wir die Bibel fänden und den Schatz dazu! Aber voreilige Hoffnungen wollen wir uns Beide noch nicht machen. Lassen Sie vorläufig alles Grübeln, Rohdenberg, und nehmen Sie sich die Sache nicht allzusehr zu Herzen. Wissen Sie, was ich an Ihrer Stelle thun würde? Ich dächte an diese imaginäre Million bis auf Weiters gar nicht mehr."
Beide schwiegen einen Augenblick, dann sagte Siegfried:
„Ich habe noch eine Frage an Sie zu richten, Langenbach. Einer unserer Tenoristen wird wahr» scheinlich von hier versetzt werden, hätten Sie Lust, die Lücke wieder aurzufüllen und in den Gesangverein einzutreten?"
„Rein, nicht die mindeste Lust."
„Ich habe Sie der Frau Geheimräthin bereits vorgeschlagen und si; war mit meiner Wahl sehr zufrieden."
„Da müßte ich ja aber jede Woche einen ganzen Abend meiner Braut stehlen!"
„Ich möchte Ihnen doch bemerken, wie wichtig es für Ihre künftige, ärztliche Carriöre werden könnte, wenn Sie in dieser vornehmen Gesellschaft bekannt würden."
„Darin haben Sie nicht Unrecht!"
Langenbach sah einen Augenblick schweigend vor sich nieder, dann sagte er:
„Helene könnte mich begleiten und besucht unter» deß die Tanten auf der Schlangenburg. Ich null die Sachs in Erwägung ziehen."
Er sah nach der Uhr und mit den Worten: „Es ist Zeit, ich muß auf die chirurgische Klinik", erhob er sich. Eine Strecke gingen fie zusammen, dann verabschiedeten sie sich, Langenbach bog in eine Seitenstraße ein, die nach beit Krankenhäusern führte, und während er, den Kopf etwas gesenkt, wie in tiefes Nachdenken versunken, auf dem Trottoir langsam dahinschritt, kamen von Zeit zu Zeit kurze, abgerissene Sätze halblaut über seine Lippen:
„Eine wunderbare beschichte, der reine Roman. — Seltsam, seltsam! — Ein Zufall, wie von einer höheren Macht geleitet. — Ec darf indeß noch nichts ahnen. Himmel, das gießt noch Aufregung und Sturm!"
Noch denselben Abend schrieb Langenbach einen Brief an Frau Schmidt auf der Schlangenburg, worin er sie bat, ihm, wenn möglich, umgehend die alte Bibel ohne Einband, von der sie ihm erzählt, zu schicken, da ein Bekannter von ihm, b?r sich für Alterthümer interefsire und ebenfalls eine alte Bibel habe, den Druck beider miteinander vergleichen möchte; er brächte sie, wenn er ihr demnächst mit Helene einen Krankenbesuch auf der Schlangenburg mache, selbst wieder mit.
Dritter Band.
Fünfzehntes Kapitel.
Siegfried war jetzt jeden Abend bei Langenbach, wo sie gemeinschaftlich damit beschäftigt waren, de« dritten Act der Operette für Orchester zu setzen. Es war ihm lieb, möglichst viel außer dem Hanse zu sein, wo cs ihm von Tag zu Tag schwerer wurde, seiner Großmutter gegenüber Zwang anthun zu müssen. Aber schon am nächsten Sonntag verbesserte fich seine Stimmung um ein Bedeutendes. Er hatte einen Brief von der Frau Geheimräthin bekommen, worin sie ihn bat, seinen Freund zu fragen, ob er Lust habe, dem Verein beizutceten. Ganz unten auf der Seite bte Briefe» standen noch einige Worte von einer anderen Hand geschrieben:
Die Komposition ist so hübsch wie das Gedicht. Frieda.
Dieser kleine Satz wirkte so erfrischend auf seine


