an deren Adresse befördern solle. Er wisse, daß er weiter keine Schätze zu überbriMn habe, als nur eine Bibel. Zwar habe diese Bibel — sie war ein Geschenk des Herzog« — einen doppelten Werth, erstens einen archäologischen, denn sie war eine der ersten, die nach der Luther'schen Uebersetzung gedruckt worden war, und zweitens hatte sie einen mit Rubinen besetzten Silberbeschlag, auf dem von Künstlerhand die Leidensgeschichte Christi ciselirt war. Auf der Innenseite des Einbandes stand der Name der Gräfin. Aber sie Habs dem Boten die Zusage gemacht, ihm den fünffachen Werth des Silberbeschlags und der Rubinen zu geben, so daß er nicht in Versuchung kommen würde, die Bibel aus Habsucht sich anzueignen.
Selbst aber wenn auch dieser Bote sie an ihren Geheimsecretär verrathen und ihm Brief und Bibel überliefern würde, so sollten ihre Widersacher doch wenigstens in diesem Brirk nicht den Schlüffe! zu dem Gcheimniß finden, sondern der letztere — er sei bereit« unterwegs — würde ihrer Tochter auf einem ganz ungewöhnlichen, aber desto sichern Wege, vielleicht erst nach einigen Wochen zugehen.
Der Bote langte wirklich mit dem Packet in Hamburg an. Es wäre nun wohl anders gekommen, wenn nicht mein Großvater, der Kaufmann Bardeleben, mit seiner jungen Frau zur Frankfurter Meffe gereist gewesen wäre. Mein Urgroßvater, der mit seiner Tochter unter einem Dache wohnte, empfing in deren Abwesenheit den Boten, und als er von Letzterem erfuhr, daß der Inhalt nur eins Bibel sei, durchfuhr ihn der Gedanke, seine ehemalige Gattin könne, durch seinen eigenen Brief dazu veranlaßt, Reue über ihr vergangenes Leben fühlen und das Geschenk einer Bibel sei ein Zeichen ihrer Umkehr, weshalb man daffelbe nicht zurückschicken dürfe. Er schrieb dem Boten auf dessen Wunsch einen Empfangsschein aus «nd erst als dieser sich entfernt hatte, öffnete er, trotzdem es nicht seine Adresse trug, das Packet. Wie erstaunte er aber, als er nun den Brief gelesen, daß in demselben nicht eine Spur von Reue zu entdecken war.
In dem Briefe, den mein Urgroßvater meiner Großmutter hinterlassen, schreibt er, daß dies Gs- heimniß doch angefangen habe, ihn zu reizen, und daß er ernstlich erwogen, ob er ein Vermögen von dieser Größe, das sonst Niemandem zu Gute kommen würde, seinen Kindern vorenthalten dürfe. Er sei doch von der Neugierde erfaßt worden, wo die Gräfin wohl dasselbe verborgen und habe nun dir ganze Bibel durchblättert, ob er darin irgend etwas entdecken könne, Habs aber absolut nichts gefunden. Da meldet sich etwa zehn bis elf Tage später ein braunes Zigeunerweib bei ihm. Sie fragt nach dem Kaufmann Bardelebm, und als er dir Gegenfrage stellt, weshalb sie denselben zu sprechen wünsche und sie darauf erwidert, daß sie eine Abgesandte der Gräfin Fichtenberg sei, begeht er die Lüge zu sagen, daß er der Kaufmann Bardeleben sei, um nur in den Bksitz des Geheimnisses zu gelangen. Sie erzählt ■
' nun mit großem Wortschwall, daß sie der Zauberei I unschuldigerweise angrklagt sei, daß sie lange Zeit im Gefängniß geschmachtet habe und durch einen Machrspruch drr Gräfin Fichtenberg daraus befreit sei. FZr diese edle Frau ginge sie durch'« Feuer und aus Dankbarkeit gegen sie habe sie die weite Reiss unternommen. Hierauf übergab sie meinem Urgroßvater einen Brief, und nachdem dieser ihr ein nahmhaftes Geldgeschenk gemacht, entfernte sie sich, wunderbare Segenssprüche vor stch hinmurmelnd. In dem Briefe, den Grunert in großer Spannung geöffnet hatte, standen nur die wenigen Worte: Jesus Sirach, Kapitel 1, Vers 1. Nimm alle Buchstaben, unter betten ein Punkt steht, der Reihe nach und stelle ste zusammen, dann wirst Du finden, daß ste keinen Sinn enthalten, wählst Du aber stet» den nächsten Buchstaben, so wirst Du erfahren, was Du erfahren sollst.
Mein Urgroßvater holte sogleich die Bibel hervor, schlug das Buch Jesus Sirach auf und entdeckte in der That unter verschiedenen Buchstaben einen fchwarzm Punkt, der zwar deutlich zu erkennen, aber doch so klein war, daß ihn Jeder, der von seiner Existenz keine Ahnung hatte, übersehen haben würde. Nun begann mein Urgroßvater sofort jeden punktirtrn Buchstaben, dar heißt, immer den nächstfolgenden, auf ein Stück Papier zu schreiben und zu Worten zusammenzusügen, war ihm auch ohne besondere Schwierigk-iten gelang. Er vertiefte stch in diese Arbeit so sehr, daß er darüber ganz und gar vergaß, zu einer bestimmten Stunde auf einer sehr wichtigen Mustkprobe zu erscheinen. Bereits hatte er die Worte entziffert: Es ist mein Wunsch, daß Du, meine geliebte Tochter, von der mich eigenartige Verhältnisse getrennt, meine Brillanten und ein Kästchen mit Louisd'or erbst und nur Dir und Deinem Gemahl will ich anvertrauen, wo ich dieselben verborgen habe. Wenn ste in Deinem Befitz sind, weile ich vielleicht nicht mehr unter den Lebenden, dann schenke Deiner Mutter eine Thräne des Mitleids. — Bereits hatte, wie gesagt, mein Urgroßvater diese Worte niedergeschrieben, als plötzlich die Thür aufgeriffen wurde und einer seiner Musiker mit drr Frage hrreinstürmte, ob der Herr Direktor vielleicht krank geworden sei, da er nicht zur Probe gekommen. Erschrocken über seine Vergeßlichkeit sprang mein Urgroßvater von feinem Sitz empor, steckte den Brief der Gräfin und seine Notizen in die Tasche, und ohne erst dir Bibel wieder zu verschließen, eilte er mit dem Musiker davon. Als er nach einigen Stunden zurückkehrte, war die Bibel von seinem Schreibtisch verschwunden. Nach Aussage der Magd, die dm Herrn Direktor nicht hatte fortgehen sehen und denselben noch auf seinem Zimmer vermuthete, war ein fein gekleideter Mann gekommen und hatte nach Herrn Bardeleben gefragt, und als sie ihm erwidert, daß er sowohl wie seine Frau schon feit vierzehn Tagen verreist seien, habe er gebeten, ihn zum Herrn Musikdirektor Grunert zu i führen. Sie habe ihn für einen Künstler gehalten,


