Hießmer JamikienbNler.
Belletristisches Beiblatt zum Gießener Anzeiger.
Str. 7.
Dienstag dm 17. Januar.
1888.
Ate verkorene Biöek.
Original-Roman in 3 Bänden von Dr. Carl Hartm ann-PlSn.
(Fortsetzung).
Bei den damaligen Communicationrverhältnissen verging längere Zeit, ehe der Bote, den sie nach Hamburg geschickt, zurückkehrte. Gleich nach seiner Abreise endlich entdeckte sie ihrer Umgebung ihr körperliches Leiden, sprach häufig von ihrem baldigen Ende, damit man ihren fest beschlossenen freiwilligen Tod als einen natürlichen ansehen sollte, und ließ einen Rechtrgelehrten aus der Residenz kommen, der ihr Testament machte. Bon dem Brief indeß, den mein Urgroßvater ihr schrieb, war sie vollständig consternirt. Er wies da» Geschenk im Namen seiner Tochter zurück. Mit nAnig Worten sprach er seine Ueberzeugung aus, daß sein Kind durch ein Vermögen, an dem die Thränen ihre« unglücklichen Landes hingen» unmöglich glücklich werden könne, überdies könne feine Tochter solches" entbehren, da sie sich vor Kurzem mit dem sehr wohlhabenden Kaufmann Bardeleben verheirathet habe. Am Schluß rteth er ihr, da er aus einigen Andeutungen entnehmen zu können glaube, daß sie das ihr von Gott gesteckte Ziel durch einen Selbstmord abzukürzen gewrllr fei, dies nicht zu thun, weil es ein Frevel fei, sondern für all' ihre Sünden Buße zu thun und zu bereuen, und wenn sie von dem Vermögen, welches sie seiner Tochter zuwenden -volle, eine Wohl- thätigkeitsanstalt stifte, so könne sie hoffen, daß der Himmel vielleicht einen Theil ihrer schweren Schuld vergebe. Wie aus diesem zweiten Brief der Gräfin Fichtenberg", fuhr Frau Rohdenberg nach einer Pause fort, „der an ihre Tochter, meine Groß, mutter direkt gerichtet war, hervorgeht, war sie sehr entrüstet über die Antwort ihres ersten Mannes und dir darin enthaltene Moralpredigt. Sie sei, schreibt sie darin, keine sentimental angelegte Natur, die feige vereuen könne, was sie gethan. Sie sei eine Frau, die, wenn sie einmal einen Gedanken gefaßt habe, denselben auch ausführen müsse. Sie habe dies stets mit eiserner Consequenz gethan und könne auch jetzt nicht von dem Gedanken lassen, daß ihre kostbaren Brillanten in den Besitz ihrer Tochter übergehen sollten, als daß sie nicht noch einmal d n Ver- such wagen möchte, ihren Vorsatz mit Erfolg auszuführen. Aber die Zeit drängte, sie wäre elend und krank, sie könne weder ihre Tochter noch ihren Gatten mehr bitten, zu ihr zu kommen, um ihnen den Schatz
t zu übergebrn, sie dürfe noch weniger als früher l riskiren, denselben irgend einem Menschen zur Be- t förderung anzuvertrauen, so sei ihr kein anderer ! Ausweg geblieben, als den Schatz an einem sicheren ’ Ort zu verbergen. Sie habe das bereits gethan, | und nur der, welcher den Ort kenne, könne ihn ? heben und zwar ohne große Schwierigkeit. Niemand ä außer ihr wisse um dies Geheimniß. Sie hoffe und • erwarte nun zuversichtlich, daß ihre Tochter und t deren Gatts nicht so lächerliche wie unerhörte Be- j denken gegen die Annahme eines solchen Vermögen« | erhöben, da Erstere dadurch in den Stand gesetzt | würde, ein ungleich glänzenderes Leben zu führen l und Letzterer seinem KaufmannSgeschäfte einen be- deutrndrn Aufschwung zu geb-n, und daß Bardeleüen nach einiger Zeit, nachdem er erfahren, wo der Schatz verborgen sei, kommen würde, um denselben zu heben und zu holen, war, wie gesagt, keine allzu große Schwierigkeiten bereiten würde, da sie dafür gesorgt, daß die Pretiosen und die Goldrollen einen möglichst kleinen Raum einnähmrn. Sollten sie, wider Vermuthen, aus ähnlichen Gründen, wie sie der Musikdirektor Grunert vorgebracht, ihr Anerbieten refüsiren und aus ihren Vorschlag, den Schatz da zu suchen, wo er zu finden sei, nicht eingehen wollen, so möge derselbe, ehe er dem Erbprinzen Zufälle, für ewige Zeiten in seiner Verborgenheit unbenutzt verbleiben, denn es sei nicht wahrscheinlich, daß er von einem Anderen durch Zufall entdeckt werde.
Da nun ihrem listigen, wachsamen Geheimsekretär die Uebersendung ihres ersten Schreibens verrathen worden, da er ferner bei der Abfassung des Testaments als Zeugs gedient Habs, somit wisse, daß sie ihr Baarvermögsn und ihr Geschmeide ihrer Tochter aus erster Ehe vermachen wolle, so müsse sie annehmen, daß er eine Ahnung ihres jetzigen Vorhaben« habe. Außerdem dabe sie sich in einem erregten Zwiegespräch hinreißen lassen, aurzurufen, daß sowohl er, wie alle Uebrigen Verräther seien, daß sie, 'weil sie Keinem den Schatz anzuvertrauen wage, ihn verborgen und e« schon so einrichten werde, daß ihre Tochter allein diesen Ort erfahre. Da Herr von Stolzenberg gewiß seine Wachsamkeit und Spionage verdoppeln würde, um hinter das Geheimniß zu kommen, so habe sie einen Plan erdacht» von dessen Ausführung sie hoffe, daß der Schlüssel zu dem Geheimniß nur allein in den Besitz ihrer Tochter gelangen möge. Sie habe abermals, wie sie glaube, einen zuverlässigen Menschen gefunden, der diesen Brief und die beifolgende Bibel


