Hichener Samilienblatter.
Belletristisches Beiblatt ptm Gießener Anzeiger.
M. 81. Donnerstag
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Aer Kröe des Kaufes. .
Roman von Hermine Frankenstein.
(Fortsetzung.)
Einunddreißigstes Kapitel.
Olla's Drangsale erreichen den Höhepunkt.
Bei dem Herannahen des Abends — obwohl man in diesem finstern Kerker den Tag von der Nacht durch nichts unterscheiden konnte — wurde die Thüre von Olla's Zelle abermals aufgeschlossen und ein Räuber erschien mit Speisen.
Er schloß die Thüre, stellte die Speisen auf den Tssch und wollte stch eben wieder entfernen, als ihm Olla in dm Weg trat.
„Ich möchte gerne einig ' Fragen an Euch stellen", sagte Olla. „Es ist offenbar, daß Euer Hauptmann uns heute Morgen am Eingänge der Schlucht erwartete. Er lag cur der Lauer, um uns gefangen zu nehmen. Wie kam das? Hatte er Nachricht von unserem Kommen gehabt?"
Der Räuber zögerte. Olla nahm sein Stillschweigen für eine bejahende Antwort.
„Ich vermuthe, daß er Spione in Neapel hat", fuhr sie fort. „Ohne Zweifel steht der Kutscher L pari, welcher uns geführt hat, in Carvellr's Sold. Es ist mir aufgefallen, daß Caroelli gerade uns und keine anderen Reisenden zu erwarten schient Ich möchte gerne noch eine andere Frage an Euch stellen. Ist die Signora Palestro, d'e Wirthin der Gasthofs zum Vesuv, eine Bekannte Eures Hauptmanns?"
Der Räuber lachte.
„Sie sollte es wohl sein", antwortete er. „Sie ist seine Schwester. Nun, Ihr habt schon zu viel gesprochen. Aber jeder Mensch in Neapel weiß, daß die hübsche Wirthin vom Gasthaus zum Vesuv die Schwester des rothen Carvelli ist."
Diese Antwort gab Olla eine Erklärung; sie hatte sich mit Mancherlei Vermuthurigen bezüglich ihrer Gefangennahme gequält; aber jetzt war es ihr klar, daß der Verrath der hübschen jungen Wirthin sie in die Hände des Räuberhauptmannes gespielt hatte.
„Was bedeutet dieser Lärm in der äußeren Höhle?" fragte sie nach einer Pause.
„Die Männer treffen Vorbereitungen zu den Festlichkeiten des Abends, Mylady", erwiderte her Räuber. „Die Boten sind zwar noch nicht zurück, gekommen mit dem Priester, ab.r sie müssen bald
dm 12. Juli. 1888.
i hier sein. Der Hauptmann wird Euch zur rechten s Zeit abholen."
\ Damit entfernte er sich.
Wieder schlichen die Stunden vorbei. Olla ging mit leichten und rastlosen Schrillen hin und her, I während sich Tressilian äußerst erschöpft auf sein | Lager in der anstoßenden Zelle zurückzog. Popley ging mit ihm und nicht lange darauf lagen Beide s im tiefsten Schlaf. Frau Popley legte sich auf t Olla's ausdrückliches Verlangen gleichfalls zur Ruhe ! und schluchzte so lange, bis sie in einen unruhigen t Schlummer versank. Aber Olla ging schlaf- und [ ruhelos langsam auf und ab; ihr Gesicht war bleich 1 und kummervoll u»d in den dunklen Augen funkelte trotzige Entschlossenheit.
Die Nacht verging und das Geräusch des Lebens und der Festlichkeit erstarb gänzlich in tum unterirdischen Schlupfwinkel. Offenbar war den Plänen ; Carwlk's irgend ein Hinderniß in den Weg geirc- - tcn und die beabstchiigts Hochzeit war verschoben \ worden.
Gegen Morgen nahm Olla einen Ballen und s legte ihn quer vor die Thüre, um Jedermann den Eintritt zu verwehreDann murmelte sie leise ein l Gebet, legte stch nieder und schlief rin.
* Er war fast 9 Uhr, als sie erwachte, aber kein i Strahl von Tageslicht drang in die finstere, unter- \ irdische Zelle. Frau Popley war schon wach und > in der anstoßenden Zelle hörte man Leben.
Olla stand auf und machte ihre Toilette, so gut • es bei den geringen Bequemlichkeiten, die ihr eben zu G bote standen, mögt ch war. Das Licht brannte f trübe in der Laterne und di? Luft war kalt - und feucht.
« E ue kleine Weile später brachte ein Räuber ein i Frühstück und eine frische Laterne.
, Olla frug in spöttischem Tone, was die Ausführung der Festlichkeit am vergangenen $6 mb ge- | stört hätte.
„Die Männer konnten den Priester nicht finden", war die Antwort. „Er ist auswärts bei einem Kranken gewesen. Sie werden ihn heute Abend wieder holen. Bei Tag können wir uns nicht herauk- wag n, denn ein Freund hat uns von Neop l au» , die Warnung zugeschickt, daß uns die Polizei ernst, lich sucht. Mögen sie suchen. Sie werden uns nie und nimmer ftrden."
Der Tag verging, der Abend kam heran, als ein lautes Getöse in der großen, äußeren Höhle bezeugte, daß stch draußen etwas besonder» Interessantes begeben mußte.


