der äußeren Ausstattung der Inserate, welche das sogen. „Jn's Auge fallen" befördern soll. Ganz originelle Stellung der Buchstaben, fünfzigfache Wie» derholungen jedes einzelnen Wortes in symmetrischer Anordnung u. s. w. gehört da zu dem Alltäglichsten.
Das leitende Princip in der eigentlichen nationalamerikanischen Reklame ist zunächst, das Publikum mit der Anpreisung des betreffenden Gegenstandes förmlich zu übermüden, zu verfolgen, bis es aus purer Verzweiflung, wie um den Bann zu brechen — kauft. Es ist ein kostbares Charakteristikum, daß der Reisende, sobald er in die New-Iork umgebenden Gewässer hineinsegelt, gleich ein Pröbchen von der transatlantischen Reklame zu sehen bekommt. Da ragt nicht weit von Sandej-Hook, wo sich die Quarantaine- Jnstitute befinden, ein Felsen aus dem Wasser. Es wäre wahrlich schade gewesen, die breite Steinfläche, welche die Natur da gleichsam als atlantische Anschlagssäule hingestellt hat, in ihrer natürlichen Einfachheit und Leere verharren zu lassen. Die erfinderische Frau Reklame nahm daher den Pinsel zur Hand und malte in weit über manneshohen, fernhin sichtbaren Buchstaben das Wort: „Sozodont“ darauf. Dieses Wort: „Sozodont“ wiederholt sich. Es erscheint wie ein Gespenst täglich in den vier Ecken des Morgenblattes, oben an der Decke des Pferdebahnwagens, auf jedem glattpolirten Marmorblocke, der vor dem fashionabeln Hause einer fashio- nabeln Straße zur Bequemlichkeit des in den Sattel steigenden Reiters, ohne Rücksicht auf Symmetrie und etwaige Beinbrüche, von Passanten gelegt ist. An einer frequenten Straßenecke überreicht Dir an einem heißen Tage ein Unbekannter einen mit bunten japanesischen Figuren bemalten Papierfächer. Du fächelst Dir entzückt Lust zu — wehe, auf der Rückseite des Fächers steht mindestens fünfzig Mal in kleinen Buchstaben gedruckt das Wort: Sozodont. Du fliehst in den Wald, dort erscheint Dir auf den braunen Rinden der Bäume in weißer Farbe der unselige Name und hoch oben auf der Felsenspitze, die auf den Wald herniederblickt, da, auch da steht in Riesenzügen: Sozodont!
Diese amerikanische „Nekl ame-Kiselackerei" — ich finde keinen bezeichnenderen Namen dafür — ist in der That von einer Ausdehnung, welche aller Beschreibung spottet. Wohin ist die Poesie des Urwaldes geschwunden, wenn man auf den Bäumen desselben Namen von Hotels naheliegender Ortschaften, Namen von Patentmedicinen „chemischen Glanzwichsen" u. s. w. angepinselt findet? Der Wunsch aufzudrängen, zu verlocken, „show zu machen" ist vorwiegend und leicht erkenntlich im ganzen amerikanischen Handel und Wandel vom Wholesale-Kaufmann bis herab zum „Grocer", dem Grimkramhändler an der Straßenecke. Ein gewöhnliches Schild mit dem Namen wird selten genügen. Da muß es beim kleinsten Geschäft heißen: „Metropolitan Family“, ^Imperial Pie Bakery“, „der billige Eckladen", "der Beefsteak-John" (Firma eines kleinen Speise
salons auf der Bowery 'in New-Park) u. dgl. Die Wagen, welche Morgens das Brod umherfahren, sind, wenn irgend möglich, so bunt und auffällig bemalt, wie die Karavanenwagen der herumziehenden Seiltänzertruppe; Theaterdirektoren, wenigstens diejenigen hervorragender Theater, verfehlen nicht, die Ankunft neuer, berühmter Gäste, oder die bevorstehende Aufführung beliebter Zugstücke auf großen, guir- landenartig über die Hauptstraßen weggezogenen Bannern bekannt zu machen, oder mehrere buntbemalte, mit Leinwand verschlossene Wagen, aus deren Innerem Tam-Tam und Glockenklang erschallt, umherfahren zu lassen.
Das Verlangen, Alles zur Schau zu tragen, zeigt sich schon in der durchgängig originellen Wäa- renausstellung. Man kann rund heraus sagen: Des Amerikaners beliebtestes Schaufenster ist — das Trottoir, und es ist nur ein Glück, daß die Trottoirs der verkehrsreichen Straßen der dortigen Großstädte die gehörige Breite besitzen. Wäre dies nicht der Fall, so könnten die Passanten vor lauter Schuhwerk, Obst- und Fischkörben, Porzellan und GlaSwaaren, Teppichrollen, Stühlen, Tischen und Sophas, die auf die Straße hinausgesetzt werden, sich des ihnen von rechtswegen zukommenden Fußsteiges gar nicht bedienen. Die New-Parker Bowery namentlich, das Paradies für den „großen Kleinhandel", für das Amüsement aller Art, für den auf die Lungenstärke von Ausrufern basirten Straßenverkauf, diese Bowery bietet so recht ein typisches, unbeschreiblich buntes Bild von show im amerikanischen Geschäftsleben.
Gäbe es keinen show, so gäbe es auch keinen „show cards“. Es ist eine blühende Hausindustrie, diese Malerei von billigen Pappe- und Leinwandschildern aller Größen und Formen, die überall dahingehängt werden, wo es menschenmöglich ist, einen Nagel zu placiren. Die Speisesalons, deren es unzählige gibt, werfen thatsächlich ihre Speisekarten der werthen Kundschaft zur gefälligen Einsicht auf die Straße hinaus. Da hängen, liegen und stehen Unmassen kleiner oval, herzförmig, quadratisch oder oblong geformten Kärtchen draußen, deren jede in schwarzen, bunten oder goldigen Buchstaben den Namen einer verlockenden Delikatesse oder alltäglichen Hausmannsspeise trägt. Vom „pork and beans 10 cents“ aufwärts bis zum „turkey pot pie 25 cents“ in beliebigen Varianten. Das Austheilen von Geschenken, wie Fächern Nippsachen, Vasen, einem Gläschen Sodawasser rc. an jeden Käufer gehört zu dem Gewöhnlichsten und steht sonderbarer Weise ganz besonders bei den Thee- und Kaffeehandlungen in Blüthe. Uebrigens gehört diese Reklame-Machina- tion in das Gebiet des allgemeinüblichen „free lunch“, welcher in kalter und warmer Form auf dem Tische eines jeden Bierwirthes zu finden ist. Da kann man nur immer fleißig zulangen und sich an kaltem Aufschnitt, Anchovis, Kartoffelsalat oder auch zu gewissen Stunden an warmen Suppen, Fleischragouts u. dgl. erfreuen. (Schluß folgt.)
Redaktion; A. tzcheyd«. — Druck und Vertag der Brühl'schm Druckerei (Fr. Chr. Pietsch) in Gießen,


