Weßenrr IsamilienblLlter.
Belletristisches Beiblatt zum Gießener Anzeiger.
Nr. 146. Disustsg, den 11. Dezember- 1888.
Punket!
Erzählung von Friedrich Friedrich.
(Fortsetzung.)
„Fügen Sie sich in Ruhe", mahnis Pmtus.
„Nein, ich werde mich nicht fügen I" rief Hell» mann heftig. „Dies ist mein Haus — meins Wohnung, hier habe ich zu sagen, und es steht mir das Recht zu, Jeden hinauszuwerfen, der mir nicht gefällt I"
„Mich werden Sie dennoch nicht hlnaurwerfen, weil ich als Richter hier bin!"
„Auch Siel" rief der Förster drohend.
„Widerfetzen Sie sich nicht I" mahnte Pintus noch einmal, „Sie'zwingen mich dadurch, nur Beistand herbeizurufen I"
„Haha! So mfen Sie ihn!"
Pintus stand nahe dem Fenster, Er hatte durch daffelbe die beiden Männer, mit denen er auf dem Wege hierher — es waren Poltzstbeamte — gesprochen, im Garten hinter einer Laube bemerk'. Er öffnete das Fenster und winkte ihnen.
Auch der Förster bemerkte sie.
„Und auch die sollen mich nicht verhaften!" rief er leidenschaftlich, wild. „Ich will sehen, wer mich anzugreifen wagt!"
Er sprang zur Wand, wo mehrere Büchsen und Hirschfänger hingen. Er riß eine Büchse herab.
Hastig trat drr Rtchter zu ihm — er legte die Hand auf seinen Arm.
„Förster — Förster, begehen Sie keine Thor- heit, keine Grwaltthat!"
Er sprach diese Worte hastig.
Mit leidenschaftlichem Blicke wandte Hrllmann sich um.
Furchtlos stand der Richter vor ihm.
„Sie haben Recht", erwiderte er mit bitterem Lächeln, „ich hätte mich beinahe zu einer Thsrheit hinreißen laffen, und mir einen Spaß verdorben. Ich will doch sehen, wie wett Sie es mit mir zu treiben wagen — bis zu welchem Punkte! Aber verlassen Sie sich darauf, daß ich Rechenschaft und Genugthuung von Ihnen verlangen werde." —
Er blickte den Richter drohend an.
„Ich handle, wie es die Pflicht meines Amtes vorfchretbt", erwiderte dieser scheinbar ruhig. Seine Ruhe war indeß nur eine äußere, eine gewaltsam erzwungene. Der Augenblick hatte sie nothwendig erfordert. Mehr als eine Gefahr in seinem Leben hatte er bereits durch die größte äußere Ruhs
abgewandt. Sie hatte sich sitzt auch wieder bewährt. Jede Heftigkeit von seiner Seite würde den Fö.ster zu wildem Jähzorn getrieben haben.
Die beiden Polizeibeamten traten in dar Zimmer. Hellmann würdigte sie keines Blickes. Regungslos, mit gekreuzten Armen stand er da, nur seine leuchtenden Augen verriethen, was in ihm vorging.
„Der Herr ist ihr Gefangener", sprach der Rich- trr zu den Eingetretenen.
Der eine der Polizribeamten überreichte dem Richter ein Blatt Prpier. Er hatte es im Garten hinter der Laube gefunden — durch Zufall.
Mit gesteigerter Aufmerksamkeit brtrachlets der Richter das Blatt.
„Kennen Sie das Blatt?" wandte er sich fragend an den Förster.
Hellmann antwortete nicht, er blickte nicht auf das ihm entgegengehaltene Papier — dem Richter sah er drohend in's Auge.
„Kennen Sie das Blatt?" wiederholte dieser.
Hellmann-schwieg, um seinen Mund lag ein verächtlicher Zug.
„Gut, — ich werde diese Frage später wieder an Sie richten", sagte der Richter. Er faltete das Blatt zusammen und legte es in die Brieftasche, welche dem Ermordeten gehört hatte. Es hatte ja aller Wahrscheinlichkeit nach in ihr gelegen. Das Blatt bestand aus der Hälfte eines Brief-Couvsrtes. Auf der einen Seite stand Hugo Bergers Adresse, auf der andern Seite waren Notizen mit Bleistift gemacht. Es schienen Geschäfts-Notizen zu sein — Zahlen — Berechnungen. Des Tobten Vater hatte ja auch gesagt, daß derselbe auch Notizen in der Brieftasche gehabt habe.
Der Richter nahm, von dem Actuar unterstützt, der alle Aussagen des Försters ausgeschrieben hatte, eine genaue Haussuchung vor. Die nöthigen Schlüssel gab thm der Förster auf sein Verlangen ohne Wri- geui, schweigend.
Keinen Raum, keinen Kasten ließ er undurchsucht. Selbst die Oefen durchsuchte er. Der Förster konnte die dem Erschossenen abgenommenen Gegenstände verbrannt haben — es konnten sich noch Spuren davon im Ofen vorfindrn. Sein Suchen war vergebens.
Am meisten richtete der Richter seine Aufmerksamkeit auf das Geld. Er wußte, daß Niemand leicht eins solche Summe der Vernichtung anheim giebt, dazu hängt des Menschen Herz zu viel am Gelbe, dieser mächtigen Triebkraft alles Lebens. Er fand nichts.


