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welcher ebenfalls die letzten Jahre fast ausschließlich mit wilden Völkern verkehrt und doch gestern, wie Hedwiga mir sagte, den Hauptlhetl der Unterhaltung auf sich genommen hat."
„Freilich", nickte Ulrich, „ich hab' ihn ob dieser Aufopferung aufrichtig bewundert. Hedwiga scheint auch für ihn zu schwärmen."
„Das sollte mich innig dauern", seufzte die Tante, „obwohl ich's selber schon gefürchtet. Wie stehl'- mit Egon, hast Du nicht bemerkt, ob die Schwärmerei auf Gegenseitigkeit beruht?"
„Daran ist nicht zu zweifeln, Tantchen, Egon ist beim ersten Anblick seinem Schicksal schon verfallen. Doch weshalb sie bedauern? — Du kannst versichert sein, daß er einer Mumie nicht gelingen wird, auch die zweite Generation mit ihrer grausamen lobten# Hand um Jugend und Lrbensglück zu bringen. — Mache nicht ein so entsetztes Gesicht, Du edle, aufopfernde Seele, wir jüngeren Menschenkinder sind nun einmal nicht von dem Holze, aus dem man Engel schnitzt, wir wollen glücklich sein und in zweiter Reihe auch glücklich machen. Ja, Tante Ulrike!" setzte er mit einem tiefen Athemzug hinzu, „selbst ich hoffe noch auf mein voller Maß Lrbenrglück, welches mir einst so erbarmungslos zertrümmert worden."
„Gott möge Wer, was uns ängstigt und bedrückt, zu einem guten Ende führen!" seufzte Ulrike mit tiefbekümmerter Seele, da Hedwiga ihr mit einem strahlenden Blick die einsame Unterhaltung des Bm- derü mit der reizenden Magda verrathen hatte.
„Ich wollte, Ihr beide, Du und Egon Dörner, befändet Euch schon auf dem Weltmeer", wollre sie hinzusetzen, behielt den etwas unchrifilichen Wunsch, der nicht aus ihrem liebevollen Herzen kam, doch wohlweikltch zurück, da ja nur dis Angst vor der kranken Irmgard ihr denselben eingegeben.
„Noch eins, Tante Ulrike!" wandte Ulrich sich, nachdem er ihr die Hand zum Abschied gereicht, auf der Schwelle noch einmal um, „es rosrb Dir doch nicht unangenehm sein, wenn ich heute vielleicht auf einige Zeit wieder darwnfsiege?"
Sie blickte ihn erschreckt an.
„Fühlst Du Dich hier wirklich nicht sicher, Ulrich?"
„Aufrichtig gestanden, nein, Tante! — So lange jener John Walter noch zwischen Tod und Leben schwebt, ist meine Lage gefährdet."
„Aber wer kennt Deinen Wirklichen Stand und Namen nicht —"
„Wenn er genesen wird", unterbrach Ulrich sie düster, „bin ich sozusagen vogelfrei, da er mir überall entgegentreten kann und mich sicherlich erkennen wird. Was nützt mir meine Schuldlosigkeit, der Häscher ergriff mich an Ott und Stelle, und John Walter ist nicht der Mann, sich selber preiszugebea, um seinen Feind zu retten. — Nein, Tante, — ich muß fort, der Boden brennt mir hier unter den Füßen, ich kann dieses L?brn nicht ertragen, glaube mir, daß ich zu sichere Anzeichen einer drohenden Gefahr habe, um leichtsinnig die Ehrs meiner Angehörigen zu gefährden."
Ulrike war darauf sehr bleich und nachdenklich geworden.
„Heft Du mit unfern Freunden darüber gesprochen?" sagte sie leise.
„Ich wollt« jetzt bei ihnen vorsprechen, doch gräme Dich dicht, Tante Ulrike, — so lange solche Hitzen, wie das Deine und die jener Männer mir vertrauen, darf ich stolz und frei das Hrupt erheben."
Er nickte ihr lächelnd zu und schloß die Thürs hinter sich.
Wenige Augenblicke später hörte sie ihn bas Haus verlaffen. Sie trat an's Fenster und blickte ihm nach; ihr Antlitz erhellte sich beim Anblick der hohen, prächtigen Gestalt, welche so sicher, so stolz dahinschritt im Gefühl eines, wenn auch durch fremde Schuld getrübten, makellosen Lebens.
,Mögs der gerechte Gott das erfthnte Glück, wonach fein Herz verlangt, ihm zu Theil werden lassen", flüsterte sie leise, „ihm endlich dm Segen bet Heimath und einer friedlichen Häuslichkeit verleihen."
Ulrich schritt rasch durch die Straßen und zog nach kurzer Zeit an der Thür de» Tellkamp'schm Hause» die Klingel. Der Diener öffnete und nickte vergnügt, als er den frühen Besuch erkannt, da ihm sein „Animus", wie er bemerkte, stets verkünde, welche Gäste der Herrschaft die angenehmsten seien. Er brauche den gnädigen Herrn nicht anzumeldm.
Mit dieser vertraulichen Eröffnung deutet» er resprcwoll auf die mit Teppichen belegte Treppe, hoffend, daß der gnädige Herr die rechte Thür schon finden werde.
Der ehemalige Soldat, den drr Major al» Diener bei sich b«halten, war noch immer ein wenig unbeschult zum Entsetzen und tägliche« Aerger der Frau Rsgierungsräthin, welche schon oft gedroht hatte, den Tölpel voch einen Cuksur beim alten Diener de» Freiherrlich Jmmendorf'schen Hauses, der ganz nach ihrem Herzen war, durchmachrn zu lassen, was un- serm Johann zur größten Genugthuung gereichte.
Ulrich aber fühlte stch angehümelt von dem zutraulichen Wesen des guten Burschen, er nickte ihm freundlich zu mit der Bemerkung, dir rechte Thür schon finden zu wollen und klopfte im nächsten Augenblick ohne Zögern dort an, wo ein lautes Räuspern den Hausherrn verrieth.
„Ach, mein lieber, junger Freund", rief der Major bei f-inem Anblick erfreut aus, „guten Morgen, guten Morgen, seien Sie mir herzlich willkommen. He, Egon! — unser Freund ist Dir zuvorgekommen", setzte er, nach der halbgeöffneten Thür der Nebenzimmers gewandt, hinzu, „er ist ebenfalls schon gestiefelt und gespornt, mein bester Jmmendorf!" lachte er gutmüchig Letzterem zu, „wollte Sie, dem schlechten Wetter trotzend, zu einer Früh-Promenade abholen, freue mich aufrichtig, daß Sie ihm zuvorgekommen, da ich etwas Wichtiges mit Ihnen zu überlegen habe."
(Fortsetzung folgt.)


