Hießener Jamitienblätier.
Belletristisches Beiblatt zum Gießener Anzeiger.
Dienstag den 9. October. 1888.'
Im Kaufe Immendorf.
Original-Roman von Emilie Heinrichs.
(Fortsetzung.)
„Das steht ja vielverheißend aus", murmelte der Major, „würde beim Himmel nichts dagegen haben, wenn zwei kalte, ahnenstolze Augen nicht immer noch streng und unerbittlich die Schwelle des Paradiese» bewachen."
Wieder mußte er einen Seufzer unterdrücken, als er leise zu ihnen trat, um sich an Magda'» Seite niederzulaffen.
„Du bist ja so ernst, meins Kleinei" sprach er leise, ihre Hand ergreifend.
„Ach, denke Dir, Onkel I" flüsterte Magda erregt, „Herr von Jmmendorf theilt mir soeben mit, daß er Egon auf der nächsten Expedition begleiten will."
„Ei, das kann ich ihm im Grunde nicht verdenken", meinte der Major, „wer einmal Wandervogel gewesen, vermag» nicht lange im engen Neste auszuhalten."
„Was wird die arme Hedwiga, war Fräulein Ulrike dazu sagen?" fuhr dar junge Mädchen niedergeschlagen fort, „nein, Herr von Jmmendorf, das ist grausam von Ihnen. Sind nun so lange fortgewesen, ich glaube über zehn Jahre, — Hedwiga hat so oft zu mir von Ihnen gesprochen, war ste's traurig über Ihr langes Fortbleiben und betrauerte Sie schon halb und halb al» einen Tobten."
„Das gute Kind", sprach Ulrich leise, „sie besitzt dar Herz der Mutter —"
„Sagen Cie lieber, da» der Tante Ulrike", warf der Major halblaut ein.
„Ja", nickte Magda eifrig, „auch ihren starken Geist —"
„Und ihre maßlose Langmuth", bemerkte Ulrich ironisch.
„Ach ja, obwohl sie leicht ungeduldig wird", setzte Magda wieder hinzu, „im Grunde thut sie doch, was sie für recht und gut hält —"
„Zum Beispiel, was ihre gestrenge Tante Irmgard betrifft", lächelte der Major, „ich weiß, daß diese den freundschaftlichen Umgang mit Bürgerlichen al» etwas Ungehörige» verpönt, und Fräulein Hedwigs ihr offen Trotz bietet, indem sie Dich al» Freundin sich erwählt und seit Jahr und Tag unser Haus besucht hat, ein Faktum, welches im Grunde Rebellion bedeutet."
„Da haben wir den Beweis, daß die Despotie stets eine Tochter verdamwl'cher Schwäche oder der
Heuchelei und des Sclavrnsinne» ist", bemerkte Ulrich, „Hedwiga lehnt sich mit Fug und Recht gegen die unerträgliche Despotie einer selbstsüchtigen Kranken auf, unbekümmert, was daraus entsteht und siehe da, die Despotin stirbt nicht davon, sondern fügt sich grollend in da» Unabänderliche. Es liegt in dieser Auflehnung meiner Schwester eine bedeutsame Lehre, wie, Herr Major?"
„Ich leugne es nicht, mein junger Freund", «ersetzte T llkamp nachdenklich, „möchte aber doch nicht rathen, die Probe zu wiederholen. Ein Andere» wäre e», wenn Fräulein Hedwiga sich beikommen ließe, die Schranke gänzlich niederzureißen und ihre Hand einem Bürgerlichen zu reichen, möchte dieser eine noch so ehrenvolle Stellung in der Welt einnehmen, — ich würde in diesem Falle keine Garantie für Fräulein Irmgard'» Leben übernehmen."
Er sah bei diesen leisen Worten auf Ulrich, der düster vor sich hinblickte und dann unmuthig die Achseln zuckte.
Es mochte ziemlich unvermittelt und seltsam klingen, al» er fast trotzig erwiderte: „Ich halte es deshalb für bester, wenn Egon und auch ich wieder ein Weilchen verschwinden und draußen bei den wilden Naturvölkern die albernen Prätensionen einer Civilisation zu vergessen suchen, welche die heiligsten Empfindungen, die wir unmittelbar von Gott empfangen haben, zum Verbrechen stempeln, unsere Jugend zerstören, un» um das einzige höchste Glück dieses kurzen Erdendaseins betrügen. Vielleicht, wenn wir nach Jahr und Tag den Kiel wieder heimwärts lenken, leuchtet über dem Jmmendorf'schen Hause ein freundlicher Stern —"
Ec brach, sich besinnend, kurz ab und horchte hinüber nach jener Seite des Salons, wo die Unterhaltung eine allgemeinere geworden und Egon, als Mittelpunkt derselben, die begeisterten Lobeserhebungen der Gäste über sich ergehen lassen mußte.
Der Major blickte bekümmert auf Magda, die bleich, mit gesenkten Augen ihre ganze Willenskraft aufbok, um den Schmerz zu bemeistern, der ihr Herz zum ersten Mal so schwer belastete.
„Komm, liebe» Kind!" sprach er gütig, „laß mich Dich zur Gesellschaft führen, die Mama möchte ungehalten werden, daß Du die Pflichten als Tochter de» Haufe» den Gästen gegenüber aus den Augen setzest. Zeige der Welt ein heiteres Gesicht, Kleines flüsterte er ihr in's Ohr, „drücke, was Schmerz bringt, fromm in die Brust, und in Dein Herz dringt Frieden und Lust!"
Magda erröthete und versuchte zu lächeln, al»


